Alle Dekaden wieder – Social Distortion in Köln, 28.04.2015

Photo credit: Danny Clinch
DATUM» 28.04.2015
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Nach (nicht nur gefühlt) einem ganzen Jahrzehnt verschlägt es Mike Ness, Mr. Social Distortion himself und seine Gefolgsleute wieder in die Domstadt. Die einstigen Punkrock-Ikonen, welche sich 1982 im Sonnigen Orange County, Kalifornien zusammenfanden, hatten in ihrer Karriere alles Erdenkliche durchgemacht. Von Drogenproblemen, Mitgliederwechseln bis hin zu  einer kreativen Pause von mehreren Jahren sowie dem Tod von Gitarrist und Gründungsmitglied Dennis Dannell war alles dabei. Nun scheint es so, als würde die Band mit ihren Fans in Würde altern wollen. Dass ein Großteil des Publikums ohnehin schon ihre zweite Lebenshälfte erreicht hat, zeigt sich vor allem an den endlosen Schlangen bei den Zapfhähnen. Um mit den Großen mithalten zu können, müssten Jungspunde wohl hier ihr gesamtes Taschengeld an einem Abend versaufen.

Pünktlich um 21:30 Uhr betreten Social Distortion die Bühne. Im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums ihres self-titled Albums, wird die gesamte Platte in einem Guss heruntergespielt. So kommt man bereits früh in den Genuss von Evergreens wie Story of My Life und Ball and Chain, bei der das Publikum zumindest anwesend wirkt und textsicher mitsingen kann. Ansonsten begnügt man sich mit gelegentlichem Kopfnicken und mehr Bier.

„Are you tired?“ dröhnt die nasale Stimme von Mike Ness nach 45 Minuten von der Bühne. „NO!“ ist die einzig mögliche Antwort. Dennoch wirken beide Seiten ein wenig ausgezehrt: Social Distortion auf der einen Seite, da die Wochen auf Tour doch Spuren bei den Herren hinterlassen haben. Das Publikum auf der anderen Seite ist seit 6 Uhr morgens wach und hatte einen langen Arbeitstag hinter sich. Umso mehr verwundert es, als bei Cold Feelings tatsächlich Crowdsurfer das Licht des Konzerthalle erblicken und das Publikum mit wedelnden Armen animieren. Eingekauft? Unwahrscheinlich. Trotzdem lässt sich der Großteil nicht beeindrucken und gönnt sich ein weiteres Kölsch für 4,00 Euro, inklusive Pfand.

Als es dann schließlich Zeit für die Zugabe ist, tauen endlich auch die hinteren Reihen ein wenig auf. Wem kann man es verübeln, dass man Ring of Fire und Don’t Drag Me Down einen fliegenden Bierbecher auf die Zwölf bekommt und in einen Pogopit hineingesogen wird? Höher, schneller, weiter ist trotzdem nicht das allgemeine Ziel heute Abend. Ohne ein weiteres Wort verlässt Mike Ness die Bühne, lediglich Schlagzeuger Dave Hidalgo reckt einmal einen Daumen gen Menge, um so seine Anerkennung auszudrücken.

Was bleibt, ist ein gemischtes Gefühl: Einerseits war das Konzert mit 100 Minuten Spielzeit und einem ganzen Album in der Setlist vollkommen in Ordnung. Andererseits ist die Dynamik und die Rock n Roll Attitüde, welche Social Distortion wohl in ihrer Hochzeit in Perfektion ausgestrahlt haben, im Laufe der Zeit deutlich verblasst. Wogegen will man auch schon mit 55 Jahren rebellieren, wenn man finanziell weitestgehend ausgesorgt hat und zu Hause Frau und Kind auf einen warten?