Das Ende vo(r)m Anfang? – Rock im Revier 2015

DATUM» 29.05.2015 - 31.05.2015
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Die Vorzeichen für die Erstauflage von Rock im Revier standen von Stunde eins unter keinem guten Stern: Ein schlechter Kartenvorverkauf sowie interne Differenzen zwangen schließlich das Festival dazu, den Nürburgring, die ursprüngliche Ausrichtungsstätte, zu verlassen und ins 131 Kilometer entfernte Gelsenkirchen umzuziehen. Protest kam von allen Seiten, allen voran von den Ticketkäufern. Man kann davon ausgehen, dass viele die berühmt berüchtigte „Ring-Atmosphäre“ mit im Ticketpreis haben wollten.

Dennoch findet man sich nun erstmalig zusammen um gemeinsam mit Hochkarätern wie Metallica, Muse und KISS die VELTINS-Arena in ein neues Festival-Mekka zu verwandeln. Zumindest ist das die Vorstellung von Veranstalter und Besuchern.

Freitag

Direkt zu Beginn sind klare Unterschiede zu anderen Musikevents festzustellen: Es beginnt schon beim Publikum. Helga-Rufe? Laute Musik, die aus irgendwelchen Boxen ballert? Flunkyball? Bierpong? Fehlanzeige! Das Durchschnittsalter bewegt sich jenseits der Dreißiger. Man sitzt eher gemütlich beim Bierchen und der Bratwurst auf Bierbänken und redet über vergangene Erlebnisse. Alles gesittet, alles lustig, alles ohne richtige Festivalstimmung.

Das schlägt sich auch in den Konzerten nieder: Within Temptation wird mit Höflichkeitsapplaus bedacht, als Sängerin Sharon den Adel die 15.000 Menschen im Innenraum fragt, ob sie „ready to rock“ sind. Deez Nuts zeigen auf der Bang Stage, der kleinsten aller Bühnen, dass es auch anders gehen kann. Zwar finden sich nur ein paar hundert Leute bei der Band aus Melbourne ein, aber die sorgen für eine Flut aus Blutergüssen binnen Minuten. Als wiederum krassen Kontrast kann man hier den heutigen Co-Headliner Faith No More heranziehen: Es ist schon etwas befremdlich für junge Menschen, wenn sich gestandene, bierbäuchige Ü-40er heulend zu einem Song namens Easy in den Armen liegen und sich an die gute alte Zeit von damals erinnern: „Weißte noch Willy, damals `93? Das war unser Jahr!“

Genug geredet, kommen wir zu dem Grund, warum das Festival an diesem Tag ausverkauft ist: Wie nicht anders zu erwarten, holen Metallica das Letzte aus der Menge heraus. Zum ersten Mal sind auf der Big Stage kleinere Pits zu sehen, sogar die heulenden Ü50er setzen ihre Sprunggelenke und Ellenbogen ein und,…oh fuck! War das grad tatsächlich vorne eine Bierdusche? Selbst die Setlist bietet mit The Unforgiving II und Lords of Summer einige Überraschungen. Enter Sandmann verwandelt die Big Stage in ein Kinderspieleparadies, als riesige „Metallica“-Ballons in die Menge geworfen werden. Konfetti, Stroboskoplicht, ein letzter lauter Bang und fertig ist der Freitag mit einem überragenden Headliner. Der

Samstag

beginnt mit Hagel und Regen. Kein besonders einladender Start in den Tag. Egal, die Show geht mit Triggerfinger auf der Big Stage weiter, die sich wie gewohnt spielfreudig und routiniert präsentieren. Der eher mäßig besuchte Innenraum der Veltins Arena schreckt die Herren aus Antwerpen ohnehin nicht ab. Sänger Ruben Block geht sogar auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Anders zeigen sich da Bonaparte, welche mehr mit Titten und Klamauk à la Deichkind auf sich aufmerksam machen wollen, als mit Musik. Nebenbei sei erwähnt, dass die Zuschauermassen der Big Stage am Nachmittag einem Freundschaftsspiel zwischen dem FC Schalke 04 und einem mittelerfolgreichen Kreisligisten gleichen. Man merkt einfach, dass für den Samstag lediglich ein Drittel aller Karten verkauft wurden. Vielleicht trägt auch die Anime-Combo Babymetal aus dem Land der aufgehenden Sonne die Schuld am leeren Innenraum. Die Band zieht das Publikum magnetisch ins Freie zur Boom Stage. Ausverkaufte Hallen, die sich jenseits der Tausender bewegen, sind auf ihren Europatourneen ohnehin keine Seltenheit.

The Hives schließen sich dem an, können sich aber trotz einer guten Show, keine Lorbeeren einheimsen. Verzweifelte Animationsversuche von Sänger Pelle Almqvist lassen das Publikum zum Teil völlig kalt. Lediglich die erste Welle schließt sich den Anweisungen an und springt und geht „fucking crazy“ genau dann, wenn es von ihnen verlangt wird. Wie soll man auch zu Hits wie Tick Tick Boom oder Walk Idiot Walk ruhig stehenbleiben?

Zurück zur Boom Stage: Dort schließt „Der Checker“, bekannt aus diversen Autosendungen auf DMAX,  gerade mit seiner Band Eisbrecher sein Set ab. Einen hohen Unterhaltungswert hat die Band alle Male und lässt das Publikum kurzerhand ihren Song Miststück zu Ende singen: „Du bist ein Miststück! Ein Stück Mist!“ Die Poesie des 21. Jahrhunderts ist doch immer wieder voller Überraschungen. Limp Bizkit liefern wie immer eine solide Best of Show ab. Zwar besteht das Set nur aus neun ganzen Songs und gefühlt 25 Samples, trotzdem beanspruchen die Fans vor der Bühne die größte Wall of Death des gesamten Festivals für sich. Die Meute schafft es sogar Rauschebart Fred Durst ein Lächeln abzuringen, und das will etwas heißen.

Die Sonne geht allmählich unter und es verschlägt einen zur Big Stage zurück. Keine Ahnung, wer bei den Briten von Muse die Fäden in Sachen Licht- und Showkonzeption in der Hand hat. Aber was die Band in ihren 90 Minuten an Konfetti, Explosionen und einem schieren Lichtfeuerwerk abfeuert, ist ganz große Champions League. So kann man den Samstag doch vernünftig ausklingen und sich umso mehr auf den

Sonntag

freuen. Die Big Stage lässt man bis zum Abend erst einmal links liegen, denn die Bang Stage aka Emscher Lippe Halle aka ein alter Eishockeytempel, der seine besten Jahre schon länger hinter sich hat, dient heute als erste Anlaufstelle in Sachen Punkrock. Dort zeigen La Dispute am frühen Nachmittag, wie maßlos überschätzt eine Band sein kann. Von Musikkritikern deutschlandweit gefeiert, gibt die Band aus Michigan ein absolut lustloses Konzert vor ihrer kleinen Anhängerschaft. Zugegeben, eine nahezu leere Halle, die locker für 1.500 Menschen ausgelegt ist, ist sicher nicht die beste Voraussetzung um ein Feuerwerk abzufeiern. Dennoch krönt sich die Band mit ihrem Übermaß an Arroganz zum schlechtesten Konzert des Festivals. Sänger Jordan Dreyer kehrt den gut 150 Anwesenden nach jedem Song den Rücken zu und verschwindet nach 30 Minuten mit seiner Kapelle wortlos von der Bühne. Danke für nichts! Ignite und die Mad Caddies zeigen zum Glück, wie man mit solch einer Situation umzugehen hat. Beide Bands liefern gute Shows ab, teilweile zwar mit standardisierten Ansagen a la „We’re so happy to be here“ und „Thanks for Coming“, aber wenigstens kommunizieren sie mit dem Publikum und lassen es einen Teil der Show werden. Anti-Flag heizen der angewachsenen Menge (vielleicht 400 Leute) noch einmal richtig ein. Seitenhiebe gegen die großen Bühne sind kaum vermeidbar bei so einer skurillen Lage: „Hey Mr. Light Guy, we don’t need the haze anymore, I think KISS is over there“, tönt es von Bassist Chris #2 und zeigt Richtung Ausgang. Die Band spielt normalerweise bei ihren Solokonzerten vor mehreren Tausend Menschen, also kann man hier schon fast von einem Exklusivgig sprechen. Wie dem auch sei, One Trillion Dollar, Turncoat, Brandenburg Gate knallen wie eine Bombe in der Menge ein. Den krönenden Abschluss macht Schlagzeuger Pat Thetic, der spontan sein gesamtes Equipment IN der Menge aufbaut und Die For Your Government dort zu Ende spielt. So reißt man eine kleine Menge mit, La Dispute!

Ohne eine kurze Beschreibung des Headliners kann man dieses an Stellen durchaus gelungene Festival nicht abschließen. Bei Kiss ist es einfach unmöglich von einem normalen Konzert zu sprechen. Diese gigantische Showeinlage stellt alles von Muse und Metallica in den Schatten: Kräne, Explosionen, Laser, Bang Boom Bang und dazu eine gehörige Portion Rock n Roll All Nite beendet ein Festival mit Höhen und Tiefen.

Natürlich reicht das Gesamtpaket nicht aus, ein komplett positives Fazit für die Premiere abzugeben. Dafür gibt es einfach noch zu viele Baustellen: In erster Linie muss sich die gesamte Atmosphäre verändern um von einem Festival zu sprechen und nicht von einer Aneinanderreihung von Konzerten vor halbleeren Rängen. Trotzdem, das Line-up war insgesamt mehr als ordentlich. Dazu kommt eine gute Infrastruktur und anscheinend soll der Campingplatz, trotz der großen Entfernung zum Festival, entspannt gewesen sein. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zweitausgabe im kommenden Jahr entwickelt. Erst dann wird man wissen, ob das „Festival“ eine echte Chance hat sich dauerhaft zu etablieren.