Das Hurricane Festival 2015 trotzt Startproblemen und kühlem Wetter

FKP Presse Christoph Meyer
Photo credit: FKP Presse Christoph Meyer
DATUM» 18.06.2015 - 21.06.2015
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In diesem Jahr haben es die Hurricane Veranstalter im Vorwege wirklich nicht einfach gehabt: Zunächst hagelte es offenbar eine Absage von den Foo Fighters, die FKP Scorpio wohl gerne im Line-Up gehabt hätte. Bei der letzten Bandwelle machte sich so pure Enttäuschung bei den Festivalfreunden breit, denn irgendwie fehlte ja schließlich noch immer zumindest ein Headliner. Zwei Wochen vor Festivalbeginn kam dann auch noch die Ankündigung des zweiten Startversuchs der Einführung der RFID-Chips für das bargeldlose Bezahlen auf dem gesamten Festivalgelände. Diese Ansage löste dann eine regelrechte Weiterverkaufswelle für Tickets zum Schnäppchenpreis aus. Darüber hinaus verabschiedete sich pünktlich zur Hurricane Woche das bisher gute Wetter, was die Vorfreude noch weiter schmälerte.

Dabei treten bedauerlicherweise die ganzen positiven Neuerungen total in den Hintergrund, nennenswert sind hier beispielsweise das komplett neue Food Line-Up sowie das weiter ausgebaute Umweltkonzept zur Müllvermeidung und zum Recyceln. Des Weiteren lässt der Veranstalter in diesem Jahr sogar einen Extra-Festivaltag in der White Stage springen, wo bereits am heutigen Donnerstag vier tolle Bands spielen. Doch um bis dorthin zu gelangen, gilt es weitere Hürden zu überwinden, denn bei der Hauptanreisewelle versagen pünktlich auch noch die RFID-Systeme. Viele können so bei Ankunft weder ihr bereits eingezahltes Guthaben auf den Chip übertragen noch klappte die Zuordnung zu den Tickets. Folglich macht sich ein riesiges Chaos breit und ewig lange drängelige Schlangen an allen Stationen haben stundenlanges Anstehen bis in die späten Abendstunden zur Folge. Das ist natürlich das I-Tüpfelchen, was die Stimmung einiger Festivalgänger richtig in den Keller zieht, da sie weder Essen noch Trinken kaufen können und noch nicht einmal das Gelände betreten dürfen, um sich die vier Bands anzuschauen. Bis schließlich doch die Ansage kommt, dass man mit dem Ticket das Festivalgelände betreten werden darf. Dies ist in der Situation zumindest ein kleiner Trost für alle die, die diese Information überhaupt mitbekommen haben.

Doch nun haben wir es tatsächlich geschafft und betreten erstaunt das Festivalgelände. Alles erscheint in einem völlig neuen Gewand, das Gelände wirkt regelrecht aufgeräumt und geordnet, das gleiche Erscheinungsbild aller Stände im Festivaldesign sieht frisch und ansprechend aus, auch wenn vorerst nur ein Teilbereich geöffnet ist. Aufgrund des lausig kalten Windes auf dem Eichenring flüchten wir nach einem kurzen Bummel durch das wirklich lecker aussehende Essensangebot direkt ins Zelt zu den Audiolith Indie-Rockern Fuck Art Let´s Dance (21:30 Uhr White Stage). Die dynamisch performende Hamburger Band mit mulitkulturellen Wurzeln bringt die Bühne jetzt schon zum Beben und das vorwiegend junge Publikum zum Abfeiern, während sie zum Abschluss euphorisch ihre CDs in die Menge werfen. Nebenbei bemerkt macht die neue Maschinenraum-Optik der White Stage mit den großen Ventilatoren und den Rauchwolken richtig was her und taucht den Innenraum in eine angenehm warme Atmosphäre.

Nach dem ersten Kaffeetest bei den Food-Trucks zum Aufwärmen geht es auch gleich mit den Stimmungskanonen von Supershirt (23:00 Uhr White Stage) und ihrem Knallerhit „8000 Mark“ weiter. Mittlerweile strömen richtige Massen auf das Gelände, um den ersten Festivaltag nach den ganzen Anlaufschwierigkeiten gebührend zu feiern und sich bei der fiesen Kälte ein wenig warm zu tanzen. Der Slot von Alle Farben, die sich ja mit ihrem Ohrwurm „She Moves“ in unseren Gehörgängen festgesetzt haben, ist uns nach einem ganzen Arbeitstag plus Anfahrt und Schlange stehen dann doch zu spät. Ein letzter Versuch zum Geldaufladen scheitert an immer noch ellenlangen Schlangen, so dass der fröstelige erste Abend hier zu Ende geht, während alle anderen offensichtlich erst zum Durchfeiern der Nacht ins Motorbooty Zelt oder in die White Stage aufbrechen.

Der Festivalfreitag:

Die Vorfreude auf den meines Erachtens einzigen richtigen Headliner in diesem Jahr ist schon seit der Ankündigung riesengroß, denn endlich werde ich Placebo live auf dem Hurricane Festival erleben, die seit 2007 nicht mehr hier gespielt haben. Die kurzfristige Absage von Ben Howard stimmt mich ein wenig traurig, auch wenn dafür die großartigen Madsen einspringen werden. Zum Glück sind für mich in der Tat viele tolle Bands dabei, so dass ich ganz entspannt dem ersten Festivaltag entgegen schaue. Auf dem Gelände sind schon erstaunlich viele Leute unterwegs die dabei sind das Field und die Neuerungen zu erkunden oder aber das Festival auf dem noch vorhandenen Rasen ruhig angehen lassen. Die ersten Walking Acts sind auch schon unterwegs und cruisen auf merkwürdigen Gefährten an uns vorbei. Während John Coffey nebenan extrem auf der Red Stage lärmt, ziehen wir doch lieber The Districts (15:30 Uhr Blue Stage) vor, auf die wir uns ebenfalls sehr gefreut haben.

Die 2009 gegründete Alternative/Indie Band aus Pennsylvania hat im Februar ihr neues Album A Flourish and a Spoil herausgebracht, von krachig bis treibend oder folkig ist für jeden Geschmack etwas dabei, insofern ist das für uns der perfekte Einstieg. Beim Schlendern entlang der Stände auf dem Weg zur White Stage kann man schon mal die Zeit vergessen, so dass wir  The Counting Crows (16:45 Uhr Blue Stage) eigentlich nur vom Merch aus hören. Die US-amerikanische Folk-Rock Band um Frontmann Adam Duritz hört sich immer noch so schön melodisch an wie in ihren Hoch-Zeiten Anfang der 90-iger Jahre. Natürlich dürfen auch ihre Hits „Mr. Jones“ und „Big Yellow Taxi“ nicht fehlen, das Publikum ist auf jeden Fall hochbegeistert und äußert dies mit entsprechendem Applaus.

Schon im letzten Jahr hat mich das australische Geschwisterduo Angus & Julia Stone (18:00 Uhr Blue Stage) verzaubert, und auch heute gerate ich bei ihrer wunderschönen gefühlvollen Ballade „For You“ wiederholt ins Träumen. Direkt von Beginn an kommt das Publikum an der jetzt richtig vollen Blue Stage in Stimmung und singt oder klatscht zu dem großartigen Song „Big Jet Plane“ mit, obwohl sich der Himmel über uns gerade bedrohlich zuzieht. Die durchweg harmonischen Songs sind herrlich abwechslungsreich, ob mit Banjo, Trompete, spanischen Gitarrenklängen oder gar Ska-Elementen gespickt, so dass jedes einzelne ihrer Stücke zu etwas ganz Besonderem wird. Selbst der leichte Schauer kann hier niemanden vertreiben, alle werden in den Bann der zauberhaften Musik gezogen und bleiben bis sich die Band sichtlich zufrieden mit „A Heartbreak“ von ihrem letzten selbstbetitelten Album 2014 von uns verabschiedet.

Nach einem kleinen Zwischenstopp bei The DØ (19:15 Uhr White Stage) habe ich fast das Gefühl, vor ein paar Jahren in Hamburg irgendwie noch eine andere Indie-Pop Band gesehen zu haben, die musikalisch eine ganz andere Linie verfolgte. Nun gut, so führt uns unser Weg eben weiter zu der schon im Vorjahr anwesenden Parov Stelar Band (20:45 Uhr Blue Stage) , die noch bis zum letzten Jahr als echter Geheimtipp galt. Doch seitdem sind viele Tanzwütige auf den Geschmack gekommen und lieben mittlerweile den gut gelaunten, tanzbaren Electro-Swing des DJ´s und Produzenten Parov Stelar und seiner Ehefrau der Künstlerin und Sängerin Lilja Bloomaus aus Österreich. Sie verstehen es perfekt nahezu das gesamte Publikum mit ihrem stimmungsvollen Groove zum Tanzen zu animieren, sie zaubern einfach jedem direkt ein breites Grinsen ins Gesicht. Vor allem als sie „Jimmys Gang“ spielen, bleibt kein Fuß mehr am Boden, das Publikum ist förmlich außer Rand und Band zu den mitreißenden Swing-Rhythmen, welche mit Saxophon, Posaune und Trompete erst so richtig Fahrt aufnehmen. Diese fantastische Performance ist definitiv eines der Highlights des heutigen Tages.

Apropos Highlight, um bei Placebo in den Front of Stage Bereich zu kommen, mache ich mich schnell auf den Weg  zu den allseits beliebten The Gaslight Anthem (21:15 Uhr Green Stage) , wo ich noch die Hälfte des Konzerts mitbekomme. Leider hat sich das Wetter nun zusehends verschlechtert, so dass Frontmann Brian Fallon und seine auf dem Hurricane bereits altbekannte vierköpfige Band bei bester Laune den Rest ihres Konzerts bei Regen zu Ende bringen muss. Das Wetter verschreckt allerdings die mit Regencapes verhüllten echten Fans nicht, zu den Klassikern „American Slang“, „45“ und „The ´59 Sound“ wird getanzt und kräftig mitgeklatscht. Bei frenetischem Applaus verabschiedet sich der sympathische Brian Fallon mit einem Lächeln und einem großen Dankeschön an das gesamte Publikum. Jetzt muss ich auch nur noch eine Dreiviertelstunde im Regen vor der Bühne ausharren bis endlich Placebo (23:15 Uhr Green Stage)  die Bühne betreten werden. Aber auch diese Zeit geht irgendwie vorbei, die Bühne wird alle paar Minuten trockengewischt, ein kurzer Plausch mit den Securities hier, ein kleiner Schnack mit dem durchnässten Nachbarn da und schon geht es tatsächlich pünktlich los. Erst kürzlich verließ der Publikumsliebling Steve Forrest (Drums) die Band, so dass die Gründungsmitglieder Brian Molko und Stefan Olsdal neben den anderen festen Tourmitgliedern nun von Schlagzeuger Matt Lunn begleitet werden. Placebo starten mit „B3“ und zum Unmut aller Fotografen mit flackerndem rot-blauem Stroboskoplicht in ihr 90-minütiges durchweg verregnetes Set. Brian Molkos Begrüßung auf Deutsch gefällt den applaudierenden Fans, woraufhin Molko sich bei dem Publikum ausdrücklich für das ausharren im Regen und den Worten „You are Warriors of Rock“ bedankt. Zum anschließenden „Loud like Love“ und dem Klassiker „Every You Every Me“ wird gesprungen, geklatscht und natürlich getanzt.

Den Regen vergisst man schnell bei derartiger musikalischer Professionalität und den großartigen Songs hauptsächlich aus den Alben Meds und Loud Like Love. Für mich ist definitiv alles dabei, was dabei sein muss, von „Twenty Years“ über „Too Many Friends“, „Song to Say Goodbye“, „Special K“ und „Bitter End“, sowie in der Zugabe das hervorragende Kate Bush Cover „Running Up That Hill“. Ich glaube alle sind trotz des Regens genau wie ich absolut glücklich und zufrieden bezüglich der Songauswahl, was sich auch während des gesamten Konzerts in ausgiebigem Applaus und Zurufen äußert. In gewohnter Manier verabschiedet sich ein heute gut aufgelegter Brian Molko und ein eher zurückhaltender Stefan Olsdal mit ihrer gesamten Live Belegschaft in einer kollektiven Verbeugung vor dem Publikum. Placebo ist für mich heute definitiv ein absolut würdiger Headliner, der diesen ganzen sonstigen „Hip-Hop Misch-Masch“ erfreulich kontert. Nach mehreren Stunden im Dauerregen reicht es uns für heute, da kann uns auch Deadmau5 (00:45 Uhr Blue Stage) mit seinem tanzbaren Elektro auf dem Weg zum Auto nicht mehr vom Gegenteil überzeugen. Morgen steht ein neuer Festivaltag mit hoffentlich etwas besserem Wetter vor der Tür.

Der Festivalsamstag:

Gut ausgeschlafen geht es für Hurricane Verhältnisse für uns recht früh los zum Gelände, denn hier spielen bei doch recht gutem Wetter schon die jungen Hamburger Newcomer von Tonbandgerät (13:30 Uhr Blue Stage), die glücklicherweise durch den Ausfall von Hoffmaestro auf deren späteren Slot gerutscht sind. Der sympathische Frontmann Ole Specht macht zusammen mit dem Geschwisterpaar Isa und Sophia sowie dem Drummer Jakob vor dem zahlreich erschienenen Publikum schon kräftig Stimmung. Zu den deutschsprachigen Indie-Ohrwürmern „Irgendwie anders“ oder „Alles geht“ und „Sekundenstill“ von ihrem aktuellen Album Wenn das Feuerwerk landet, welches gerade erst im Mai herausgekommen ist, wird hier gesprungen, getanzt, gesungen und mitgeklatscht, so dass die Band sichtlich Spaß an ihrem Auftritt hat. Nebenan hat bereits das belgische Elektropop-Quartett Oscar and the Wolf (14:00 Uhr Red Stage) mit dem tanzfreudigen Frontmann Max Colombie sein Set begonnen. Hier sitzen viele zu den chilligen Klängen und Max sanfter Stimme auf dem Rasen und lassen die Dream-Pop Melodien als auch die Sonnenstrahlen auf sich wirken oder bewegen sich tranceartig zu den warmen Basssounds vor der Bühne.

Eines der Highlights des heutigen Tages ist für mich ganz klar das Konzert von Kodaline (15:15 Uhr Green Stage), die ich schon vor zwei Jahren beim Hurricane entdeckt habe. Die vier hübschen in Dublin beheimateten Iren haben sich mittlerweile einen großen Fankreis erspielt, was auch kein Wunder ist, da ihr großartiger emotionsgeladener Song „All I Want“ sogar in der Serie Grey’s Anatomy und The Vampire Diaries Verwendung fand. Unter großem Willkommensjubel starten die Jungs direkt mit ihrem Erfolgshit „Ready“ vom aktuellen Album Coming Up For Air und „Love Like This“ vom Debutalbum In a Perfect World, der durch die Mundharmonika und das Banjo einen herrlich folkigen Touch bekommt. Frontmann Steven Garrigan zeigt sich kommunikativ und erzählt uns mit „Way Back When“ die Geschichte der Band, die als Kinder zusammen aufgewachsen sind und immer noch Freunde sind. Ihre Fans klatschen und kreischen nach jedem ihrer Songs, bei „Coming Alive“ werden alle noch mal explizit zum Tanzen aufgefordert „…as nobody´s watching you!“, was die meisten daraufhin auch tun. Bei der wunderschön gesungenen Ballade „High Hopes“ und dem finalen Abschluss mit „All I Want“ wirkt das Publikum wie eingefangen von der markanten Stimme Garragans und den geradezu betörenden Melodien während hier und da Seifenblasen durch das Sonnenlicht schweben. Einen besseren Abschluss hätte man sich für das Konzert nicht wünschen können.

Von der überwältigenden Atmosphäre geradezu geflasht hat es die schwedische Folkrock-Band The Tallest Man On Earth (16:30 Uhr Green Stage) um Sänger Kristian Matsson im Anschluss nicht gerade leicht meine Aufmerksamkeit und die des Publikums einzufangen. Vor mir wippen alle Mitglieder von Tonbandgerät im Takt, die ganz offensichtlich auch von der Musik angetan sind. Für „Love Is All“ und „The Gardner“ gibt es dann zwischendurch einen Soloauftritt des Frontmanns mit Gesang und Gitarre, wobei mir der Gesamtauftritt als fünfköpfige Live Band und den leichten, eingängig arrangierten Songs am Ende dann doch besser gefallen als der Solo Part.

Während wir mal eine kurze entspannte Essenspause bei dem kleinen Food-Truck Platz auf dem Field an der Green Stage einschieben und uns köstliche Bio-Currywurst mit handgemachtem Chutney gönnen, hören wir im Hintergrund schon George Ezra (18:00 Uhr Green Stage), der gleich mit den Gute-Laune Hits „Cassy O'“ und „Blame It on Me“ loslegt. Die besonders kräftige Bariton-Stimme des talentierten 23-Jährigen und seine schwungvollen Pop-Ohrwürmer mit deutlichen 60-iger Folkeinflüssen sprechen mittlerweile ein großes Publikum an und sind aus dem Radio kaum mehr wegzudenken, wobei der Sprung von der White Stage im letzten Jahr auf die Hauptbühne schon bemerkenswert ist. Mit seiner Ballade „Barcelona“ zeigt er uns, dass er ebenso die ruhigen Töne beherrscht, wobei die Fans doch eher bei den flotteren und bekannteren Songs wie „Budapest“ und den Openern in Fahrt kommen und praktisch jeden dieser Songs textsicher mitsingen können.

Das schwedische Schwesternpaar von First Aid Kid (19:15 Uhr Red Stage) spielt heute zum ersten Mal auf dem Hurricane und auch ich sehe sie live zum ersten Mal. Der goldig-glänzende Bühnenvorhang glitzert in der Sonne und legt einen goldenen Schimmer über die gesamte Red Stage, so wie auch die harmonischen Melodien und Stimmharmonien, im musikalischen Stil von Joni Mitchell gehalten, einen Hauch von amerikanischer Romantik verbreiten.

Während von der Green Stage der schrille Techno von Die Antwoord herüber piepst ziehen wir es vor an der Red Stage zu verbleiben und uns den 80-iger inspirierten Synthie-Pop von Future Islands (20:30 Uhr Red Stage) anzuhören. Die eigenartige Performance und Stimme von Sänger Samuel T. Herring macht den Auftritt zusammen mit den Disco-Dance-Rhythmen zu einer einmaligen Angelegenheit, fast jeder schwingt hier das Tanzbein, selten haben wir mit einer riesigen Gruppe so ausgelassen getanzt und uns so gut unterhalten gefühlt. Daraufhin steht für uns ein langer Leerlauf bevor, denn für uns ist jetzt nur noch BRMC interessant, so dass wir lediglich an der Green Stage vorbei schlendern und mal wieder eine Sitzpause auf den seitlichen Bänken des Eichenrings einplanen.

Wir lauschen der Musik des Farin Urlaub Racing Team (21:15 Uhr Green Stage), zu der Tausende vor der Bühne total abgehen und ihn frenetisch feiern. Die Zeit vergeht schneller als gedacht, voller Erwartungen für einen schönen Abschluss des Festivaltages tingeln wir zurück zur Red Stage. Das Warten auf Black Rebel Motorcycle Club (23:30 Uhr Red Stage) hat sich für uns leider weniger gelohnt, der vordere Bereich ist gar nicht mehr zugänglich und wir müssen uns weiter hinten vom grellen Blitzlicht aus Richtung Bühne dauerblenden lassen. Der Sound ist irgendwie schlecht gemixt, die Bässe verdröhnen alles zu einem Brei, eigentlich hört man weder die Musik des Alternative Trios aus San Francisco noch den Gesang so richtig. Folglich streichen wir für den Samstag die Segel, wir haben bereits genug Gutes gesehen und gehört und ein gutes weiches Bett ist nach einem zwölfstündigen Festivaltag auch nicht zu verachten. Immerhin hat sich das Wetter gut gehalten, für den Sonntag sind noch mehr Sonnenschein und vor allem warme Temperaturen angesagt.

Der Festivalsonntag:

Zu unserer Freude startet der letzte Festivaltag recht versöhnlich mit Sonnenschein und warmen Temperaturen, so dass man sich das Geschleppe von Regenzeug und warmer Kleidung sparen kann. Leider sind wir knapp zu spät, um Catfish and the Bottlemen zu sehen, dafür gibt es bei Ankunft von der Red Stage so richtig Fratzengeballer von Turbowolf. Wer so etwas direkt schon nach dem Aufstehen ertragen kann bekommt meinen vollsten Respekt. Wir steuern direkt rüber zu den tiefen Bassdrumsounds von The Vaccines (13:30 Uhr Blue Stage), die noch vor einer überschaulichen Zuschaueranzahl auf dem regelrecht verschlafenen Gelände ihr Set beginnen. Meines Erachtens dröhnen die Bässe viel zu stark, die Songs „Dream Lover“ und „Minimal Affection“ von ihrem im Mai erschienenen Album English Graffiti sind vom Albumsound her jedenfalls kaum wiederzuerkennen. Wir finden das für einen sonnigen Sonntag Mittag etwas zu laut und zu körperdurchdringend, vorne ist es gar nicht auszuhalten. So entscheiden wir uns schon Richtung Green Stage zu steuern und ein wenig die Sonne auf der Wiese zu genießen, während uns aus dem Hintergrund das Quartett All Time Low (15:15 Uhr Green Stage) aus Baltimore mit frechem US-Pop-Punk beschallen. Nachdem wir den Tag etwas ruhiger haben angehen lassen, wird das Programm jetzt wieder straffer.

Unser Weg führt uns zu dem mittlerweile sogar international erfolgreichen Duo Clemens Rehbein und Philipp Dausch alias Milky Chance (16:15 Uhr Blue Stage) aus dem hessischen Kassel, die mit ihrem ganz eigenen Folktronica-Sound und der charakteristisch kratzigen Stimme derzeit überall zu hören sind. Bei ihren Live Shows werden sie von Antonio Greger an Mundharmonika/Gitarre unterstützt. Das Bühnenbild erinnert von der Ausstattung her an einen Indianerlager, dies wirkt irgendwie atmosphärisch und warm. Auch wenn sie am Mikro nicht die großen Redner sind, gute Laune können die Jungs mit ihren Hits verbreiten, zu „Flashed Junk Mind“ wird kräftig mitgesungen und abgetanzt, irgendwie passt das alles sehr gut zum sommerlichen Wetter und dem sonnigen Sound der jungen Band.

Als wir aufbrechen, um noch rechtzeitig zum Konzert von Death Cab for Cutie (16:45 Uhr Green Stage) zu kommen, stellen wir fest, dass das gesamte Gelände bis hinten an die Marktstände komplett voll mit Menschen ist. Dass Milky Chance so ein Publikumsmagnet sind hatte wohl im Vorwege auch keiner auf dem Zettel, denn dann hätten sie locker auch die Green Stage bespielen können. Anfang des Jahres brachte die US-amerikanische Indie-Rock Band um Sänger Benjamin Gibbard ihr neues Album Kintsugi heraus, von dem sie heute so einige Songs live performen. Vor allem haben es mir die zwei großartigen Songs „Black Sun“ und „Little Wanderer“ angetan, die perfekt zu dem ruhigen Sonntagnachmittag passen. Ich würde jetzt schon sagen, dass dies mein Highlight des heutigen Tages ist und ich das nächste Clubkonzert mit Sicherheit nicht verpassen werde.

Gespannt bin ich dann doch schon ein wenig auf Noel Gallagher´s High Flying Birds (17:45 Uhr Blue Stage), um die es in den letzten Jahren ja sehr ruhig geworden war bevor sie im Februar ihr zweites Album Chasing Yesterday herausbrachten. Es ist erstaunlich leer an der Blue Stage, wir bekommen nach dem Konzert nebenbei mit, das es nebenan bei Olli Schulz wohl extrem voll gewesen sein muss. Wer hätte das gedacht, dass unser Hamburger Lokalmatador sogar Noel Gallagher das Publikum wegzieht. In jedem Fall hat Olli sicherlich die bessere Stimmung verbreitet, denn Noel verzieht während des gesamten Konzerts keine Miene. Musikalisch ist das Konzert ehrlich gesagt wieder mal sehr gut, der Start mit „Everybodys On the Run“ und auch die neuen direkt darauf folgenden Stücke wie „Lock All the Doors“ und „In the Heat of the Moment“ sind schon stark. Auch wenn Noel stets etwas gelangweilt wirkt, immerhin widmet er der hinten Backstage auf der Bühne fröhlich tanzenden Florence Welch den nächsten Oasis Song „Digsy´s Diner“. Einen großen Gefallen tut er seinen Fans in jedem Fall, indem er als Abschluss wieder den Oasis Klassiker „Don´t Look Back In Anger“ spielt während das Publikum dazu lauthals den Refrain mitsingt und die Arme strahlend glücklich gen Himmel streckt.

Etwas kommunikativer und fröhlicher ist da bei weitem die isländische Combo Of Monsters and Men (18:15 Uhr Green Stage) um Sängerin Nanna Bryndís Hilmarsdóttir und Sänger Ragnar Þórhallsson, die mittlerweile eine ganze Musikerschar um sich haben und heute zu acht die Bühne bespielen. Ebenfalls im Gepäck haben sie ihr Anfang Juni frisch veröffentlichtes Album Beneath The Skin. Ihre liebevoll arrangierten Indie-Folkrock Songs mit traumhaften Stimmharmonien und eingängigen Melodien muss man einfach mögen. Leider bekomme ich nur noch das Ende des Konzerts richtig mit, weil es so unglaublich voll ist, dass ich kaum bis nach vorne durchkomme. Zu ihrem bekanntesten Titel „Little Talks“ vom Debütalbum My Head Is An Animal flippt das Publikum schließlich richtig aus, und mit „Six Weeks“ beenden sie unter kollektiv schwenkenden Armen und jubelndem Applaus ihr Set. Es ist immer wieder schön diese talentierte, abwechslungsreiche und sympathische Band live zu erleben, auch wenn die Beats von den Dummen Jungs aus der White Stage vermutlich den gesamten hinteren Teil des Publikums doch erheblich gestört haben dürfte.

Als Abschluss gönnen wir uns unseren letzten täglichen Besuch bei den Food-Trucks mit dem mega leckeren Essen. Ein letzter guter Kaffee ist auch noch drin, erfreulicherweise zeigt nun das Restguthaben meines Chips 0,00 €, was mir das erneute Schlange stehen bei der Auszahlung erspart.

Von der einen Seite gröhlen die für den ausgefallenen Ben Howard eingesprungenen Madsen (20:15 Uhr Green Stage) ihre letzten Songs „Nachtbaden“ und „Lass die Musik an“ vor einer euphorischen Masse an Menschen und verabschieden sich von ihren Fans mit den Worten „Wir lieben Euch“. Ein interessanter Mix entsteht dabei zusammen mit den elektronischen Beats von Aron Chupa, die parallel laut aus der White Stage tönen. Wir entscheiden uns dennoch für eine zeitige Rückfahrt nach Hamburg, da wir im Grunde genommen alle Bands gesehen haben, die wir eingeplant hatten, nur leider machte uns die örtliche Polizei einen Strich durch die Rechnung. Wegen des starken Massenaufkommens von angereisten Fans zu dem DJ-Set von Casper am Rande der Red Stage wurde der Ausgang dort kurzerhand komplett gesperrt, so dass nicht einmal Fotografen, Mitarbeiter usw. das Gelände hier verlassen dürfen. Wir müssen also mürrisch den mega Umweg um das gesamte Gelände in Kauf nehmen, um wieder zurück zu unserem Presseparkplatz zu gelangen, und nicht nur wir sind von der ganzen Aktion ziemlich genervt.

Alles in Allem war es auch in diesem Jahr ein geniales Festival, auch wenn das Gejammer im Vorwege wie immer groß war. Das Wetter war besser als sein Ruf, es gab viele tolle Bands, die zwar noch keine Headliner sind aber trotzdem großartig und sehenswert, und sogar das RFID-Zahlungssystem lief nach den ersten Katastrophen dann schließlich auch ganz rund. Insofern bleibt lediglich das leidige Thema Toiletten zu kritisieren, vor allem auf den Womo- und Campingplätzen gibt es davon bei weitem zu wenige. Der Veranstalter würde sicher einen Großteil der 65000 Festivalbesucher glücklicher machen, wenn sich hier auch mal was tun würde. Ansonsten kann ich nur sagen „Chapeau“ an alle Beteiligten, denn mir hat das Hurricane Festival 2015 echt gut gefallen!

Das nächste Hurricane Festival findet vom 19.-21.Juni 2016 statt, die Wildcards sind leider bereits vergriffen, insofern geht es munter weiter mit der Frühbucherphase. Die Kombitickets erhaltet ihr direkt auf www.hurricane.de. Bei Arte Concert findet Ihr viele Live-Mitschnitte vom Hurricane Festival 2015, weitere ausgewählte Konzerte werden zu folgenden Sendeterminen ausgestrahlt:

ZDF Kultur:
SA, 04. Juli ab 20.15 Uhr
SA, 11. Juli ab 20.15 Uhr

3sat:
MO, 06. Juli ab 02:05 Uhr
MO, 13. Juli ab 02:05 Uhr
FR, 17. Juli ab 04:00 Uhr