Die Jubiläumspremiere! – Rock am Ring 2015 in Mendig

Photo credit: Rainer Keuenhof
DATUM» 05.06.2015 - 07.06.2015
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Umzüge haben ja ihre ganz speziellen Baustellen: Seien es Freunde, die kurzfristig abspringen, die Einrichtung der neuen Wohnung oder der Transport von A nach B. Man will sich gar nicht ausmalen, wie der Transport von 90.000 Personen gehen soll.

Rock am Ring feiert seine Jubiläumspremiere auf einem neuen Gelände. Der Flughafen Mendig konnte sich gegen die Konkurrenz durchsetzen und hat nun das größte Festival Deutschlands vor seiner Haustüre. Direkt bei der Anreise am

Donnerstag

muss man ernüchternd feststellen: Ein reibungsloser Ablauf sieht irgendwie anders aus. Nicht nur auf sozialen Medien bringen die Festivalisten ihre Wut zum Ausdruck: „Ich hab vier Stunden nach nem Zeltplatz gesucht. Bin dann gefahren.“, tönt es von einer sonnenverbrannten 30-jährigen Blondine. Die Gesamtsituation ist ohnehin sehr unübersichtlich. Auf dem ersten Blick ist auch kein großer Unterschied zwischen dem Genereal- und Rock n Roll Camping zuerkennen, abgesehen von dem bisschen Strom und den 50,00 Euro im Aufpreis. Staubwolken wehen über das Gelände, das Gefühl in einem Western zu sein, kommt einem immer wieder.  Es fehlen nur noch die rollenden Büsche und die Hintergrundmusik.

Für Letzteres wird auf der Volcano Stage am

Freitag

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gesorgt: Die Donots lassen mit Ich mach nicht mehr mit das erste Mal das Festivalgelände auf der Volcano Stage, der größten aller Bühnen, erzittern. Es war der große Wunsch der Band das neue Festival zu eröffnen – und das merkt man ihnen an! Schlag auf Schlag folgen Hochkaräter wie  Yellowcard mit einem gut gelaunten Ryan Key oder die Punkrock-Veteranen/-Rentner Bad Religion. Je später es wird, umso voller ist es vor der Volcano Stage. Bei den Broilers sind die 90.000 Menschen deutlicher denn je zu spüren. Ein gut gelaunter Samy stürmt mit seiner Entourage und Zurück zum Beton die Bühne und sorgt für den größten Circle-Pit (eher Boomerang-Pit) des Festivals. Zu Meiner Sache wird, standesgemäß der Mittelfinger gen Himmel gestreckt. 2010 konnte man die Broilers noch auf der kleinen Bühne und im Line-up in der vorletzten Reihe bewundern. Dass sie definitiv auf größere Bühnen gehören, hat man spätestens heute festgestellt. Rise Against stehen den Düsseldorfern in Sachen Emotionen – und vor allem Pits – in nichts nach. Zudem packen Tim McIllrath & Co. mit The Dirt Whispered, Black Masks & Gasoline und Dancing For Rain ein paar richtige Perlen ins Set.

Ob man es will oder nicht, die Die Toten Hosen gehören zu Rock am Ring wie die Faust aufs Auge, wie eine Wall of Death zum Punkrockkonzert, wie der Nürburgring zu niemandem mehr. Der „Ultras DTH“  Fanclub, ein Tross von zwanzig Personen mit Flaggen und Bannern, stapft bei gefühlt bei jedem zweiten Song in die Menge, um ihre Mitbringsel in die Luft zu halten. So etwas nennt man Einsatz! Bonnie & Clyde reißt genauso mit wie Pushed Again  oder das Hannes Wader Cover Heute hier, morgen dort. Das Publikum gleicht einer Welle mit großen roten Löchern. Die Security hat einiges zu tun, alle Bengalischen Feuer zu löschen.

Gänsehautmomente sorgen Steh auf, wenn du am Boden bist und Nur zu Besuch, welchen Campino ihrem ehemaligen Manager Jochen Hülder widmet, der Anfang des Jahres verstarb. Das Wort zum Sonntag wird selbstverständlich in über 20 Meter Höhe auf dem Traversengerüst der Volcano Stage vorgetragen. You’ll Never Walk Alone beendet den Freitag und ein solides Konzert der Düsseldorfer Altpunker.

Eigentlich sollte es an dieser Stelle nun weitergehen mit dem Samstag. Wären da nicht zwei Unwetter gewesen, die den gesamten neuen Ring wach gehalten hätten. Blitze, Donner, Wind und Hagel toben über das Gelände, treiben Festivalisten in ihre Autos und Reporter ins Media Center bis halb 5 Uhr morgens. Denkt immer daran: Wenn man vom Schlaf durch ein blaues, grelles Licht und ein unmittelbar darauf folgendes Donnergrollen geweckt wird, sucht verdammt nochmal das Weite! Am

Samstag

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ist es dann gewiss: Das Unwetter hat 33 Verletzte gefordert. Den Umständen entsprechend, kann man diese Zahl noch glücklich schätzen bei einer Zahl von 90.000 Besuchern. Zwar wird auf der kurzfristig angesetzten Pressekonferenz erläutert, dass es allen Beteiligten gut ginge, trotzdem bleibt das Gefühl nicht los, man möchte schnell einen Haken hinter Unwetter machen. Es wäre nicht auszumalen was passiert wäre, wenn hier ein Mensch tatsächlich von einem Blitz getroffen wäre.

Wie auch immer, the Show must go on! Das passiert auf der Crater Stage mit einem Hauch von Niveaulosigkeit in Form der deutschen Rapper des Labels Trailerpark. Dass Alligatoah, Sudden, Basti und Timi Hendrix eine Vorliebe für Drogen und niedere Triebe haben, ist spätestens seit ihrem Erfolgsalbum Crackstreet Boys 2 bekannt. Leider sind das auch nahezu die einzigen Themen, welche die Wohnwagensiedler haben. Es ist immer das gleiche Songkonzept: Ein bisschen Fäkalien hier, etwas über Kokain da, dann singt Alligatoah einen Refrain mit Ohrwurmpotenzial, fertig ist das Trailerpark Konzert. Nach drei Songs zum Gähnen langweilig.

Leider steht Friedrich Kautz aka Prinz Pi dem in nichts nach. Mit Hirn und Konzept hat der Berliner Rapper schon immer gearbeitet. Nur bringen Songs über vergangene Liebe die Leute nicht gerade zum Durchdrehen. Dazu kommt eine zwar technisch herausragende Band, die aber selbst den schnelleren Songs wie 3 Minuten ein die Luft nimmt, da man das Gefühl hat irgendwie fehlt da eine verzerrte Gitarre. Und so plätschert der Nachmittag bei herrlichem Wetter und mehreren Becks langsam vor sich hin. Solange zumindest, bis man sich von den Diktatorenrappern von K.I.Z. aus dem Alltagsfestivaltrott herausreißen lässt. Mit Uniform, Baskenmütze und AK betreten die Kannibalen und ihre treuen Soldaten die Bühne. Immer mehr steigt das Gefühl auf, dass das Publikum allein auf diese Band gewartet hat. Crowdsurfs, Pogopits zur altbekannten Ellenbogengesellschaft und Spasst-Ausrufe sind der Grund, warum der Redakteur dieses Mediums keine Stimme mehr hat.

Deichkind liefern ihre alt eingespielte Chaotenshow ab, die einen immer wieder begeistert. Was hier an Licht- und Bühnenkonzeption herausgeholt wird, ist einsame Spitze. Daher darf sich die Band auch zur besten Band des Tages krönen. Und ein Remmidemmi mit Hüpfburg, Kissenschlacht und Schlauchbooten in der Menge lassen einfach jeden noch einmal zum Spielekind werden. Fragt sich nur noch, wie viel die verlangt um auf einem Geburtstag mit der gleichen Show zu spielen.

Am Ende des Tages/der Nacht hält man sich mit den klassischen Aktivitäten wach: den Titel des Flunkyballkönigs auf dem Rock n Roll Camping gehört nun dem Reporter des Artikels. Der

Sonntag

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glänzt einmal mehr mit Sonne und angenehmen Temperaturen um die 25 Grad. Auf einen Sonnenbrand wird zunächst trotzdem verzichtet um sich ins Alternatent zu begeben, wo die Kölner Lokalhelden Annenmaykantereit ihr Set beginnen. Die anfängliche Skepsis über ein stickiges und überfülltes Zelt, wie man es von anderen Festivals kennt, wird sofort revidiert: Der Sound ist bei Barfuß am Klavier glasklar. Das ohnehin lautstarke Publikum wird durch die Decken noch einmal um einige Dezibel nach oben geschraubt. Dazu kommt Henning Mays unverwechselbare Reibeisenstimme, die zu Oft gefragt und 21, 22, 23 in Mark und Bein geht. Was ein Auftakt für den letzten Tag in Mendig!

Nicht weit entfernt auf der Crater Stage nimmt Jacoby Shadix von Papa Roach ein Bad in der Menge, ehe es zu den Klassikern Between Angels and Insects und Blood Brothers zurück zur Bühne geht. Shadix erzählte selbst in einem Interview, dass er alle paar Wochen den „Armageddon“-Button bei sich selbst drückt und am nächsten Morgen nicht mehr weiß, was er alles getan, gesagt und gesungen hat. Heute ist anscheinend einer dieser Tage. Zum gefühlt drölften Mal sind die Beatsteaks aus Berlin als Co-Headliner bei Rock am Ring zu sehen. Der Moment, an dem sie n hätten Headliner werden können, scheinen Armin & Co. verpasst zu haben. Es wäre ihnen einfach mal gegönnt bei Nacht die größte aller Bühnen abzuschließen. Vielleicht wäre dann auch genug Geld zur Verfügung um sich an Stadionrocker à la AC/DC heranzutasten. Aber so entspannt man sich noch bei Tageslicht mit einem kühlen Blonden und nickt zu Summer, Hello Joe und Automatic im Takt.

Und nun, eine weitere Premiere: erstmalig und live auf der Bühne in ihrer Vollkommenheit! Wen gibt es als würdigeren Abschluss für ein von den Bands her rundum gelungenes Line-up als die Foo Fighters? Und was für einen besseren Opener als Everlong? Dave Grohl, in Jeans und rotem Flanellhemd, läuft und spielt und brüllt wie der Leibhaftige. Raritäten wie Arlandria werden genau so dankbar angenommen wie Walk. Vieles wird textsicher mitgesungen, nur springen will niemand so richtig. Es scheint, als wäre das Publikum allmählich ermüdet von den letzten Tagen. Gesichter sprechen ja meistens Bände – und in der ersten Welle sieht man fast in jeder Visage eine Sonnenbrille und eine dezente Krebsröte. Grohl lässt sich davon nicht beirren, kommt dank des speziell für die Band eingebauten Steges, bei der wunderbaren Akustikversion von Hero dem Publikum sehr nahe. Der einzige Wehrmutstropfen ist die Überschneidung mit Motörhead, aber irgendein Nachteil müssen ja die vielen Bühnen und Bands haben. Auswahl gab es an den drei Tagen ohnehin mehr als genug.

Um eine Zusammenfassung zu ziehen bedarf es vieler Faktoren:

Die Infrastruktur muss dringend überarbeitet und effizienter gestaltet werden. Marschwege von teilweise einer Stunde vom Zeltplatz zum Auto über Schotter, Kies und Sand sind eine Zumutung. Gleichzeitig sind die Wege zum Festivalgelände hin wesentlich kürzer geworden und daher ein echter Gewinn für Rock am Ring in Mendig.

Das Line-up war hingegen das Beste, welches man in Deutschland in diesem Jahr zu Gesicht bekommen hat und wird. Bands wie Deichkind, die Foo Fighters oder AnnenMayKantereit zeigen einerseits die Qualität des Festivals, aber darüber hinaus auch dessen Vielfältigkeit. Lediglich auf Klamaukrap à la Trailerpark könnte man im nächsten Jahr durchaus verzichten.

Die Security des Festivals mit Namen Special Security Service, kurz SpecSec, war wie immer freundlich und zuvorkommend, wenn auch an manchen Stellen nicht immer ausreichend informiert.

Last, but not least muss man an der Stelle ein dickes Lob an die Kommunikation von Seiten des Veranstalters loswerden. Man hat Kritiken konstruktiv aufgenommen und gleichzeitig viele Informationen schnell über die sozialen Medien verbreitet.

Als Fazit bleibt schließlich nur eins zu sagen: Nächstes Jahr, selbe Zeit!