Die Toten Hosen – Testspiel in Luxemburg am 11.8.2015

DATUM» 11.08.2015
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Das war eine Überraschung als die Toten Hosen aus dem Nichts heraus ein Konzert in Luxemburg ankündigten – gut einen Monat vor dem Termin. Nach einer zweimonatigen Konzertpause ging es logischerweise darum, vor den großen Open Airs in der Schweiz und in Leipzig die Spielpraxis zurück zu gewinnen. Ein Testspiel also im kleinen Luxemburg – wie beim Fußball. Kein Problem, die Halle kurzfristig auszuverkaufen. Gut 6000 Tickets waren innerhalb von 24 Stunden weg. Also auf ging’s in die Rockhal nach Esch/Alzette.

Der große Bau in der Avenue du Rock’n’Roll wurde speziell für große Konzerte gebaut und ist demnach perfekt ausgestattet. Selbst an Parkplätzen unter und neben der Halle mangelt es nicht. Schweißtreibenden Temperaturen konnte man allerdings nur im Außenbereich entgehen. Das taten viele Fans den ganzen Abend über und bekamen vom Konzert wohl nur wenig mit. Schade drum. Momentan ist halt doch eher Open-Air-Saison.

Passend war auf jeden Fall der schwülstige, harte Bluesrock des Supports Triggerfinger. Die Band aus Belgien hatte ihren großen berühmten Moment 2012 mit dem Song „I Follow Rivers“, der in einer Coverversion von Lykke Li zum Charthit wurde. Diesen Titel spielte man im 30minütigen Set übrigens konsequent nicht! Auch eine Form von Stellungnahme. Stattdessen gab es starke Nach-vorne-Treiber vom elegant und lässig auftretenden Musiker-Trio. Verzerrte Gitarren, ein unglaublich tiefer und wuchtig gezerrter Bass, wirbelnde Drums und ein abwechslungsreicher Gesang – so stellt man sich Desert Rock vor und genau so klingt er auch, wenn man alles richtig macht.

Aber wir waren ja wegen der Hosen dort. Und die starteten pünktlich um 21 Uhr einen 150minütigen Trip durch ihre Geschichte. Wie Campino im Lauf des Konzerts mit Blick auf frühere Zeiten treffend bemerkt: „Nie hätten wir gedacht, dass uns jemand folgt.“ Er war bestens gelaunt und in Topform. Die technischen Möglichkeiten machten das Konzert zum Erlebnis bis in die letzten Reihen und verdeutlichten anschaulich, dass das gegenwärtige Tour-Konzept für große Open Airs gedacht ist.

Es startete auf riesigen LCD-Wänden mit der Vorstellung der Band als Desperados. Dann hielten „Bonnie & Clyde“, „Liebeslied“ und „Auswärtsspiel“ her, um das Eis zu brechen. Wäre nicht nötig gewesen, denn das multikulturelle Publikum aus vor allem Deutschen und Luxemburgern hing von Beginn an gebannt an seinen Lippen, sang jeden Song textsicher mit und ließ sich auch von der schwitzenden Leibesmasse im Inneren der Rockhal nicht abschrecken: nicht jammern – mitmachen!

Um im „Ausland“ zu glänzen, hatte Campino beschlossen, seine Ansagen teilweise auf „Sulu“ zu halten. Schöne Idee, wenn man ein internationales Publikum vor sich hat. Das könnte auch in der Schweiz und in Leipzig gut funktionieren. Das aktuelle Album nahm einen geringeren Stellenwert ein als bei den Open Airs vor zwei Jahren. Stattdessen gab es Klassiker (Campino: „Lieder von früher, die wir nicht immer spielen“) wie „35 Jahre“ und „Madelaine (aus Lüdenscheid)“, letzteres wie geschaffen für den frankophilen Sprachraum.

In Erinnerung an das Projekt „Entartete Musik“ aus dem Jahr 2013 hatte man Musiker der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf mit im Gepäck und brachte mit Streicher- und Piano-Begleitung unplugged Titel wie „Nur zu Besuch“, „Unsterblich“ und „Europa“ zu Gehör.  Als Hommage an die europäische Idee und die Flüchtlingsproblematik gab es später im Konzert auch „Willkommen in Deutschland“ zu hören. Ein Thema, dem sich die Hosen gerne widmen.

Trotz vieler ernster Töne hatte man ausreichend mit „Wünsch dir was“, „Alles aus Liebe“ und „Verschwende deine Zeit“ zu feiern. Zum Ende des ersten Zugabenblocks gab es ein erlösendes „Tage wie diese“, mitgesungen aus 6000 Kehlen. Kleine Kinder auf den Schultern ihrer Väter, während beide ganz in die Lyrics versinken. So geht großes Konzert-Kino. Da die Band nicht zu stoppen war, gab es insgesamt drei Zugabenblöcke und die Hosen entließen erst um 23.30 Uhr das Publikum mit „Zehn kleine Jägermeister“ und „You’ll Never Walk Alone“ in den wohlverdienten Feierabend. Die laue Sommernacht auf dem industrie-romantischen Campus verschaffte genug Abkühlung und die meisten traten wohl den Weg Richtung Deutschland an. Die Toten Hosen? Immer gern gesehen. Auch in Luxemburg. Wir folgen.