Feel The Vibes, Not The Hype! – Das 30. Summerjam Festival 2015 am Fühlinger See, Köln

DATUM» 03.07.2015 - 05.07.2015
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2015 kann man getrost als die Jubiläumssaison der Festivals bezeichnen: Neben Big Playern wie Rock am Ring (30 Jahre) und dem Hurricane Festival (15 Jahre), feiert das Summerjam Festival am Fühlinger See ebenfalls seinen 30. Geburtstag.

Nach einem souveränen Auftritt der Antilopen Gang, zeigen die 257ers, dass nicht jeder Hip Hop-Act zwingend gut beim Publikum ankommen muss. Die Leute vor der Red Stage können sich nicht geschlossen auf den Sound der drei Essener einlassen: Das kann an der Hitze liegen oder eben daran, dass „die hier irgendwie nicht hingehören“, wie eine Besucherin treffend analysiert. Während Shneezin, Keule und Mike in ihrem Lied „Auseinanda“ fragen: „Wer will frische Kekse, haben wir gerade erst gebacken?“, scheiden sich vor der Bühne also die Geister. Die ersten vier Reihen können den musikalischen Backkünsten noch etwas abgewinnen und feiern die Jungs, die restlichen Zuschauer wirken verwirrt. Selbstinszinierung steht bei den 257ers ganz oben, künstlerische Vielfalt eher nicht: Das beste Beispiel dafür, ist ein Trash/Pop/90er-Medley, das aus den Boxen dröhnt: „Lemon Tree“ von  Fools Garden, „Kidz“ von Marteria und das Titellied der Sendung mit der Maus. Wer den Humor der 257ers nicht versteht, der geht spätestens jetzt zur Green Stage. Roman Virgo bringt dagegen die Roots, Babylon und den jamaikanischen Reggae erstmalig an diesem Summerjam-Wochenende zurück. Das Cover „Stay With Me“ sorgt für den ersten Gänsehaut-Moment bei 35 Grad im Schatten. Mono & Nikitaman, bestehend aus dem Duo Monika Jaksch und Nick Tilstra, machen mehr als eine Stunde lang Stimmung an der Regattabahn.  Es finden sich unerwartet viele Leute ein, um zu den Mix aus Pop, Reggae und Hip Hop der Wahlberliner zu tanzen. Bei dem Song „Hol’s dir“ fragt Nikitaman: „Summerjam, habt ihre noch Träume?“, und die Antwort ist ein tosendes „Ja“ in etlichen unterschiedlichen Sprachen. Für manchen dürfte sich einer dieser Träume heute erfüllt haben.

In diesem Jahr gibt es eine große Neuheit auf dem Summerjam: Es sind Pandas in der Menge. Nicht irgendwelche Pandas, sondern 16-jährige Mädchen und Kinder, die auf den Schultern ihrer Eltern sitzen. Cro hat es im Blut, die Menschen zu vereinen, gerade was das Alter betrifft. Als Headliner ist der Stuttgarter bedauerlicherweise genau so fehl am Platz, wie Winterjacken im Sommer. Bitte nicht falsch verstehen: Seine Songs, seine Musik, das passt durchaus auf ein Festival, was keine musikalischen Grenzen kennt. Nur ist der „Easy“-Boy so blass auf der Bühne, dass man quasi durch ihn hindurch sieht. Der Veranstalter zieht anscheinend die Reißleine, wie sonst kann man den Spontanauftritt des Jugglerz Soundsystem erklären: „Summerjam whaasssuuup?“ Animationen, Springen, Hintenvornelinkszurmittezurseiteundwiederzurück, dann reicht es mit dem Robinson Club. Ein Vier-Sterne All Inclusive Hotel auf Mallorca könnte Cro blind buchen, auf diesem Festival hat er nichts verloren und seine Show ist am

Samstag

komplett aus den grauen Zellen verschwunden. Abgesehen von der andauernden Hitze präsentiert sich das Festival weniger im Deutschrap-Gewand, sondern beruft sich auf seine Wurzeln. Tarrus Rileys „Gimme Likkle One Drop“ ist da ein wunderbares Exempel. Der Mann aus Kingston, der Hauptstadt Jamaikas, zelebriert seine Hits „Protect The People“ oder „Sorry Is A Sorry Word“ mit Mitklatsch-Anfeuerungen oder unterhält das Publikum mit gekonnten Tanzeinlagen. Nach dem Konzert wird im Fühlinger See abgekühlt. Bei diesen bitterwarmen Celsiusgraden ist dies auch notwendig. Im Nachhinein hätte man es aber dennoch vielleicht lassen können, da man den Grund für die ungewöhlich warmen Strömungen entdeckt. Ein paar Faultiere haben kurzerhand das Dickicht des Baums als neues Toilettenhäuschen umfunktioniert, sodass sich das Entladende direkt mit dem Wasser vereint. Naja, gibt Schlimmeres.

Es dämmert, erste Leute ziehen ihre leichten Pullover an und die Lichter Red Stage sind jetzt klarer zu sehen. Als die Stimme eines alten Bekannten von der Bühne ertönt, bricht das Publikum in Jubel aus. Patrice, Kölner und Summerjam Dauergast bereitet den Fans das beste Konzert des gesamten Festivals: Nicht nur, dass seine Band das musikalische Niveau hochschraubt und jeden Song vom Original variiert (eine Rückblende an die 257ers kommt ein letztes Mal auf), Patrice selbst legt mit Songs wie „Soulstorm“ oder „Cry Cry Cry“ ein Feuer aus, das selbst die vielen wedelnden Shirts und langgezogenen „Soooooooouuuulstom“ Rufe nicht wiederlegen können. Der Headliner kann eigentlich schon einpacken – wäre es nicht Damien Marley, Sohn von Bob Marley.

Der Nachkomme der Reggae-Ikone lässt das Publikum zuerst eine gute halbe Stunde warten. Als ein minutenlanges Bandintro, ein Vorsänger und ein Ansager mit ihrer Chose durch sind, wird es Zeit für einen der Hauptgründe, warum das Festival ausverkauft ist. „Make It Bun Dem“ könnte die Halle mit einem Wimpernschlag abreißen, wenn es nicht eine Open-Air Veranstaltung wäre. Kleine Rasta-Teens brüllen in den ersten Reihen selbst die Ansagen mit und würden dem Mann direkt an die Zöpfe springen. Ein gelungener Abschluss, der höchstens durch den

Sonntag

getoppt werden kann. Und zwar durch Regen. Diese Abkühlung hat das Festival auch bitter nötig. Unzählige tanzende krebsrote Festivalisten strömen in den späten Nachmittagsstunden auf das Festivalgelände, nachdem sie ihre Zelte gesichert haben. Kwabs aus London, der mit seinem Hit „Walk“ internationale Bekanntheit erlangte, ist leider die erste kleine Enttäuschung des Abends. Sein konzeptionierter Auftritt mit synchronen Tanzeinlagen gerät aufgrund des unaufmerksamen Publikums leider ein wenig in den Hintergrund. Vielleicht hat man auch nur auf den Rapper Kontra K gewartet. Der Berliner ist,  vor allem dank einsetzenden Platzregens, ein feuchtfröhlicher Augenschmaus für die meisten Frauen im Publikum. Kein Wunder, dass man nach einer Welle des Kreischens so gut wie taub ist. Grund dafür ist sein freier, volltätowierter Oberkörper. Abgesehen davon gehen die tiefgreifenderen Stücke wie „Wölfe“ und „Erfolg ist kein Glück“ mit einem glatten Schuss ins Herz. Klar, die Attitüde ist bei den meisten Deutschrappern gleich: Hartes Umfeld, hartes Leben, harter Style. Bei Maximilian Diehn, so sein bürgerlicher Name, ist die Attitüde aber einfach glaubhaft. Gleichzeitig kommt der 28-jährige so smart und sympathisch daher, dass es schwer fällt ihn nicht zu mögen. Was das Ego betrifft, so bleibt jedoch Wycliff Jean einsam an der absoluten Weltspitze. In weißem Anzug gekleidet stolziert der einstige Präsidentschaftskandidat von Tahiti und Sonntagsheadliner auf der Bühne der Red Stage umher und versucht sein Ego höher als den Kölner Dom zu pushen: „Nennt mir einen Rapper aus Amerika, der noch ohne Bodyguard rumläuft, verdammt? Jay Z? Kanye? Alles Pussys!“ Lustigerweise landet wenige Minuten später ein Schmetterling auf seinem linken Oberarm, der den Mann ohne Securities vollkommen aus dem Konzept bringt, gar erschreckt. Schließlich muss einer seiner Mitläufer einschreiten und das geflügelte Monster von seinem Arm verscheuchen, damit das Konzert und somit auch das Festival in einem gigantischen Feuerwerk zum Ende kommt.

Was übrig bleibt sind drei anstrengende Tage voller neuer Eindrücke zum Festival, die leider nicht alle positiv sind. Die Entfremdung vom Ursprung hat in diesem Jahr leider genau das hervorgebracht, was viele soziale Internet-Wutbürger prophezeit haben: Eine Vermischung von Reggae-Liebhabern und Eventfans, die hauptsächlich am See chillen wollen, aber sich Null für die Vibes, Reggae und Babylon interessieren. Natürlich müssen die Veranstalter des Summerjam Festivals schauen, dass man in den schwarzen Zahlen bleibt. Jedoch bleibt die Gefahr bestehen, ein Stück der kulturellen Identität zu verlieren und den Platz an die Konkurrenz abzugeben, von der es in Deutschland mehr als genug gibt. In diesem Sinne: Feel the vibes und geht nicht nur zum Zelten und Schwimmen auf dieses großartige Reggae-Festival!

Bestes Konzert: Patrice

Schlechtestes Konzert: 257ers

Moment des Festivals: Roman Virgos „Stay With Me“