Political incorrectness in vollendeter Form – Paradiesvogel Kay Ray erheiterte die Tufa Trier

KayRay_2015_AndreasElsner
DATUM» 10.01.2015
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Kay Ray in der Tufa. Vor vier Jahren hatte ich ihn noch im Vorprogramm von Nina Hagen gesehen, daher war die Vorfreude auf das abendfüllende Programm groß. Und abendfüllend war es im wahrsten Sinne des Wortes. Der exzentrische Kabarettist legt bei seinen Liveauftritten eine Energie an den Tag, die kaum zu überbieten ist. Egal ob er mit Band auf der Bühne steht oder – wie in Triers renommiertem Kulturzentrum Tuchfabrik – ganz allein mit Mikro, einer Kiste alkoholhaltiger Utensilien und iPad 3.

Dieser Typ ist der helle Wahnsinn, was Auftreten, Ausstrahlung und Gesang angeht. Ein Kabarettkünstler, der unter anderem mit seiner Bisexualität kokettiert, dies aber nicht zum Hauptaspekt seiner Show macht. Im Prinzip singt er ein Programm aus bekannten Popsongs und eigenen Stücken (und das mit kräftiger, klarer Stimme, was man ihm zunächst gar nicht zutraut), verliert sich aber zwischendurch stets in ellenlangen Ansagen, die die wahre Essenz seiner Auftritte ausmachen. Es geht um Männer und Frauen, Schwule und Heteros, Alltäglichkeiten und Ungereimtheiten. Es machte durchweg Spaß, dem schrillen Entertainer zuzuhören.

Ein heißes Eisen packte er gleich zu Beginn an: Satire darf alles – auch über Religionen lästern. Der Rundumschlag ging über Frankreich, Moslems und Peitschenhiebe bis hin zum „Sozi-Papst“ Franziskus und der Forderung, alle Religionen abzuschaffen. Kay nahm kein Blatt vor den Mund und verlor sich sogleich in einem Endlos-Monolog über schwule Bürgermeister, Sylt und die unfreundliche Oma in der Bahn. Bis er mit dem eigenen Titel „Leichen meiner Feinde“ und Kate Bushs „Cloudbusting“ endlich die ersten Songs interpretierte, war schon eine knappe halbe Stunde vergangen.

Die politische Korrektheit wurde bewusst mit Füßen getreten. Kay machte Witze über Behinderte („sonst würden die ja schon wieder ausgegrenzt“), Hasenscharten-Träger und seine Familie. Vor allem die frisch angetraute Ehefrau und die kleine Tochter mussten in einer Form als Opfer seines Humors dran glauben, dass manchen Anwesenden der Mund offen stehen blieb. Hannelore Kohl wurde ebenso durch den Kakao gezogen wie Claudia Roth (der „Hamster auf Ecstasy“) und ihr Veggie-Day.

Vor der Pause fluchte sich Kay Ray Bier trinkend und rauchend über die Bühne. Er sang „Gute Nacht, Freunde“, um die Zigarette als Teil des Bühnenprogramms zu rechtfertigen. Nach der Pause wurde diese Karikatur noch schärfer. Er brachte Wodka mit, nötigte dem Publikum unter tosendem Applaus die Flaschen auf. Eine angehende Erzieherin bekam einen Platz auf der Bühne, um auch in Ruhe qualmen und saufen zu können. Eine andere Zuschauerin gab ihr Smartphone für ein kurzes Filmchen her, wobei Kay es sich genussvoll durch die Unterhose zog. Der Fantasie waren hier keine Grenzen mehr gesetzt.

Die „Scheiß-Regenbogenfahne“ des CSD bekam ihr Fett weg, ein Bus voller Polen auf dem Weg nach Auschwitz, Telefonsex und der arabische Frühling. Nach diversen Kate Bush- und Amy McDonald-Parodien ging es gesanglich in den Schlagerbereich. Milva und Peter Maffay – lauter übliche Verdächtige. Der rote Faden war schon lange verloren gegangen, doch ich fand es erstaunlich, wie Kay die skurrile Handlung immer wieder neu aufnahm.

Bis zum ersten Zugabenblock waren bereits über drei Stunden furchtloser Selbstdarstellung vergangen. Endlich wurde ein Witz vom Bayer in der Bahn, der irgendwo im ersten Teil begonnen hatte, zu Ende gebracht. Kate Bushs „Running up that hill“ und das „Mmm mmm mmm“ der Crash Test Dummies erklangen als letzte musikalisches Höhepunkte. Kay Ray hatte sein Publikum sichtbar erschöpft, doch gegangen war keiner. „Möglicherweise ab 18“ heißt das Programm – eine völlige Verausgabung des Künstlers ist der Lohn für alle Zuschauer, die seinen frechen Schimpftiraden freiwillig folgen.