Konstantin Wecker in Trier – „Ich singe, weil ich ein Lied hab“

Photo credit: Simon Engelbert
DATUM» 17.06.2016
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Die Reihe „Porta hoch 3“ findet nun schon zum zweiten Mal statt und hat sich in Deutschlands ältester Stadt gut etabliert. Drei musikalisch sehr verschiedene Abende werden geboten. Am Freitag lud Konstantin Wecker zur Revolution. Äußerst passend in der Geburtsstadt von Karl Marx. Über den verlor er dann aber am Abend kein Wort.

Die 800 Zuschauer machten sich erst einmal Sorgen ums Wetter. Ist der Sitz trocken? Hab ich das Regencape griffbereit? Aufgrund der immer wiederkehrenden Regenschauer trudelte das Publikum nur sehr schleppend ein und es gab eine lange Schlange am Einlass. Zum Glück wurde der Konzertbeginn um 15 Minuten nach hinten verschoben.

Pünktlich zum Ende der Tagesschau startete Konstantin Wecker mit „Ich singe, weil ich ein Lied hab“. Einem Titel, der schon über 40 Jahre alt ist und der seit Jahrzehnten das Lebensmotto für den Münchner vorgibt. Nicht weil es uns gefällt und nicht weil wir’s bestellt… Er hat sich noch nie verbiegen lassen. Das muss jedem klar werden, der sich seinen Lebenslauf ansieht.

Früh im Konzert kommt Wecker schon zu den großen Themen. Er klagt an, dass die Nazi-Thematik, die er seit so langer Zeit besingt, immer noch aktuelles Thema ist. „Vaterland“ aus dem Jahr 1979 handelt vom Krieg, den KZs und der Feigheit der Menschen. „An meine Kinder“ enthält die eindringliche Bitte: „trag nie eine Uniform“. Ironisch tanzt Wecker den „Waffenhändlertango“.

Musikalisch sprang er von den 70er Jahren in die Gegenwart und wieder zurück. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ (1976) passte zum Abend und den Regenschauern. Und es gab romantische, nachdenkliche Lieder. Weil die Revolution viel Liebe braucht, sang er ein „Liebeslied im alten Stil“. Zur Auflockerung gründete die fantastische Begleitband eine „iPhone Band“ nur mit Smartphone-Musikinstrumenten und verwöhnte das Publikum mit elektronischen Klängen.

Dann wurde es wieder ernst: „Der Krieg“ ist die Vertonung eines Gedichts von Georg Heym, das Wecker 2015 textlich fortgeführt hat. „Zweimal kam der große Krieg mit Macht, und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.“ Die Botschaften sind stark und deutlich.

Eigentlich hätte nun eine Pause folgen sollen, doch Konstantin Wecker fragte kurzerhand das Publikum, ob es vielleicht aufgrund der Wetterlage (es war doch ungewöhnlich feucht-kalt) darauf verzichten will. Die Antwort per Applaus war eindeutig und das Konzert wurde mit stimmlicher Unterstützung des Publikum fortgesetzt: „Die Gedanken sind frei“ in Weckers erweiterter Version wurde von einem großen Regenbogen über der Porta begleitet.

Der Künstler philosophierte über sich und sein Leben. Wie er vom Anarchisten zum Frühromantiker geworden ist. Und wie schön es doch wäre, wenn nur noch Rilke und Brecht statt Söder und Seehofer zu hören seien. Im Lauf des Abends wurde das musikalische Geschehen rockiger. Neben Flügel und Cello kam vermehrt die E-Gitarre zum Einsatz. „Sage nein“ und „Empört euch“ trug Wecker mit viel Energie vor und riss das Publikum mit.

Dann erzählte er von der Willkommenskultur im Deutschland des Jahres 2015, die Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammen führt. Er zitierte aus seinem Büchlein „Dann denkt mit dem Herzen“ und hielt ein Plädoyer für den Gutmenschen. Verstand allein führt nicht zum Guten. Er muss angebunden sein ans Gefühl, ans Menschsein. Der Song „Ich habe einen Traum“ war die Essenz daraus. Der Traum von offenen Grenzen, dem Teilen und der Gemeinschaft aller Menschen ohne ideologische Hindernisse.

Standing Ovations waren dem Liedermacher jetzt schon sicher – und es sollte noch ein langer Zugabenblock folgen. Das Publikum bewegte sich im Stehen näher an die Bühne. Es gab den Titelsong der Tour „Revolution“ mit original Trierer Glockengeläut, das Wecker als göttliche Zustimmung deutete. Er nahm das obligatorische Bad in der Menge und ließ sich von vielen Frauen umarmen. Dann rief er alle zur Umarmung des Nachbarn auf. Ein großes Happening.

150 Minuten reine Konzertlänge waren schon vergangen, als der Titelsong des aktuellen Albums ertönte. Warum heißt es „Ohne Warum“? Die Antwort findet sich in einem über 300 Jahre alten Gedicht von Angelus Silesius: „Die Ros ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ Damit schloss sich der Kreis zum ersten Song des Abends. Vom Künstler, der sein Tun um der Kunst willen betreibt.

Das Publikum schien es Wecker angetan zu haben. Genau wie kaum einer dem trüben Wetter entfliehen wollte, blieb auch Konstantin der Große standfest auf der Bühne. Da noch einige Minuten Zeit waren bis zur musikalischen Sperrstunde um 23 Uhr („und die Trierer sind da sehr streng“) gab es ein Gute-Nacht-Lied als Rausschmeißer. Er hatte das Publikum im Sturm erobert und die Anwesenden werden vermutlich noch lange von diesem Abend reden. Am Samstag folgt Nils Landgren mit philharmonischem Orchester  und den Abschluss macht am Sonntag Mark Forster.

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Letzte Aktualisierung am 29.09.2016 um 06:40 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API