Marla Glen am 3.5.15 in Bitburg – Interview und Konzertbericht

DATUM» 03.05.2015
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1993 stand Marla Glen mit ihrem Debüt „This Is Marla Glen“ ganz oben. Songs wie „The Cost Of Freedom“ und „Believer“ nehmen den Hörer auch heute noch vom ersten Ton an gefangen. Es ist das Außergewöhnliche der androgynen Stimme verbunden mit einer schlichten Sanftheit, die viele Menschen tief bewegt. Marla Glen tritt im Herrenanzug mit Hut und Krawatte auf – immer noch ihr Markenzeichen. Oft mag man (wenn die Stimme nur aus dem Player kommt) nicht glauben, dass es sich bei der Sängerin aus Chicago, die inzwischen in Deutschland lebt, um eine Frau handelt.

Am 3. Mai 2015 durfte MHQ sie in der Stadthalle Bitburg vor ihrem Konzert treffen und ein kurzes Interview führen. Ich muss gestehen, dass ich ziemlich unvorbereitet dort hinein gegangen bin, da eigentlich kein Treffen geplant war. Aber spontane Geschichten sind doch meist die besten. Also saß ich da mit Marla in ihrer Garderobe, ohne Equipment zum Mitschneiden (daher dieser Bericht quasi als Gedächtnisprotokoll) und stellte die alles entscheidende erste Frage: „Ich kenne dein erstes Album ‚This Is Marla Glen‘ aus dem Jahr 1993 und dein aktuelles Werk ‚Humanology‘ aus 2011. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“

Was dann folgte, war ein Rundumschlag gegen die Musikindustrie. Marla erzählte von Menschen, die sie ausgenutzt haben, von Verträgen, mit denen man sie abzockte, von Geld, das ihr gestohlen wurde. Das Album „Humanology“ sei über ihren Kopf hinweg erschienen. Sie habe nie einen richtigen Plattenvertrag gehabt und könne sich nicht erklären, wie das rechtlich möglich sei. Auch für Xavier Naidoo, mit dem sie den Song „Believer“ für dieses Album neu aufnahm, hat sie nur böse Worte übrig. Er habe ihr den Song geklaut. Diese Aussage relativierte Marla dann allerdings wieder und sagte, es seien die Leute aus seinem Umfeld gewesen, die sie über’s Ohr gehauen haben.

Ich empfand das alles als sehr traurig und fragte, ob sie deshalb frustriert sei. Da ging plötzlich ein Lächeln über Marlas Gesicht. Nein, überhaupt nicht – „Ich bin fröhlich und sehr zufrieden mit meinem Leben“. Sie berichtete von den Konzerten, die ihr sehr viel Freude bereiten. „Ich muss nun eben hart arbeiten, um mein nächstes Studioalbum zu finanzieren. Es soll bald erscheinen.“ Die Geschichten über Drogen und Alkohol, die Gerüchte zu ihren Stimmproblemen, das alles sei nicht wahr. „Die Leute denken, ich hätte all die Jahre nichts gearbeitet, aber ich habe immer Musik gemacht.“

Marla zeigte sich enttäuscht darüber, dass Journalisten nie nach der Bedeutung ihrer Lyrics fragen. So war es ihr ein Anliegen, mir zum Abschluss etwas zu ihrem größten Hit „Believer“ zu erzählen: „Ich war inspiriert vom Mauerfall in Berlin. Es geht darum, an eine Sache zu glauben.“ Das waren emotionale Abschlussworte, die mir vor Augen führten, wie sich auch ihre eigene Karriere in dem Song wiederspiegelt.

Passend dazu begann Marla Glen das Konzert in Bitburg mit „Travel“ und der wichtigen Textzeile „Working For The Music“. Sie stand temperamentvoll und stimmlich stark auf der Bühne. Und sie hatte ihr Publikum von Beginn an fest im Griff. Die Musik vereinte Blues, Jazz, Rock und Soul zu einem durchdringenden Konglomerat. Die sonoren, manchmal etwas verrauchten, rauen Klänge mit einem Timbre irgendwo zwischen Tina Turner und Louis Armstrong erzeugten stets aufs Neue Gänsehaut.

Marla Glen selbst spielte Mundharmonika – virtuos und emotional. Später auch Gitarre und Bongos. Ihre Begleitband bestand aus Piano, Kontrabass, Drums und zwei Backgroundsängerinnen, wobei eine der beiden auch mit Saxofon und Querflöte Akzente setzte. Schon beim zweiten Song hielt es einzelne Zuschauer nicht auf den Sitzen. Bis zum Ende des über zweistündigen Konzerts sollte die ganze Halle stehen und zum Teil auch tanzen.

Marla wechselte zwischen eigenen Stücken und Coversongs wie „Ruby Tuesday“, wobei aber doch die eigenen Songs überwogen. Sie machte sich einen Spaß daraus, immer wieder den Pianisten zu fragen, von wem der Song sei. „It’s not from me, isn’t it? It is? Okay, it’s from me.“ So ging es ständig, auch vor unverkennbaren Hits wie „The Cost Of Freedom“ oder „Feet On The Ground“.

Zwischendrin gab es eine Pause, aus der Marla aufgedreht und gewohnt exzentrisch zurück kam. Sie entließ ihren ganzen Weltschmerz in die Blues-Balladen und machte vermehrt Witze über Xavier Naidoo und seine seichten Songs. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Sie schrieb Autogramme während eines Songs und beherrschte die Bühne als Energiebündel bis zur Verausgabung. Von Frust bezüglich des Musikgeschäfts war da wirklich nichts zu spüren. Vor dem Zugabenblock gab es den James-Brown-Song „It’s a Man’s World“ und dann als Zugabe „Believer“. Genau die beiden Titel, die ihr in Form von Werbespots zu großer Berühmtheit verhalfen.

Zum Abschluss dann das versöhnliche „We Needed Each Other“, mit dem Marla Glen eine begeisterte Zuschauerschar in die Nacht entließ. Viele waren sicher mit gemischten Gefühlen zum Konzert gekommen. Was macht Marla Glen heute? Wie ist sie künstlerisch drauf? Man kann beruhigt sein. Marla Glen ist eine fantastische Sängerin und gestaltete einen hervorragenden Konzertabend. Davon darf es gerne mehr geben – ich warte gespannt auf das geplante Album.