Purple Schulz in Landstuhl – magische Momente und der Grund, warum wir Konzerte besuchen

DATUM» 15.01.2016
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Purple Schulz misst nur 168 cm, aber er ist immer noch ein ganz Großer. Seine Konzerte sind ein Fest für Menschen, die erwachsene Popmusik mit intelligenten Texten lieben, für Menschen, die nostalgisch in den 80er und 90er Jahren schwelgen möchten, für Menschen, die an die Magie des Augenblicks glauben. Vergangenen Freitag machte ich mich in die Stadthalle Landstuhl auf, um mal wieder ein Livekonzert des Meisters zu sehen. Da lohnt es sich durchaus, den Weg 80 km durch Schnee und Eis zu machen. Schade, dass nicht viele Menschen so dachten. Die Veranstalter von Anderswelt hatten das Beste aus der Situation gemacht und gemütliche Sitzgruppen aufgestellt, die eine wohlige Club-Atmosphäre aufkommen ließen. Trotzdem schade, dass weniger als 100 Zuschauer gekommen waren, um den ehemaligen NDW-Helden zu sehen, der auch heute noch seine Zuhörer sichtbar bewegen kann.

Das Konzert startete mit Kinderlachen. Im Prinzip reichte das schon aus, um dem positiv gestimmten Publikum das Herz aufgehen zu lassen. Und dann betrat Purple durch die Menge hindurch die Bühne, um „Ich hab Feuer gemacht“ anzustimmen. Eine Hymne für alle, die etwas verändern wollen. In gut gelaunten Ansagen stimmte er das Publikum auf den Abend ein und verwies auf das musikalische Drei-Gänge-Menü, das er dem „kleinen Kreis“ von Musikliebhabern bieten wollte. Dann ging es daran, das Loop-Gerät zu erklären, das sich unter Purples Keyboard befand. Dazu erzeugte er nur mit Aufnahmen seiner eigenen Stimme ein Wirrwarr, das an eine Maischberger-Talkshow erinnerte. Damit waren auch die ersten Lacher auf seiner Seite.

In den letzten Jahren hat Purple im Duo-Format die perfekte Setlist erarbeitet, die so häufig gar nicht geändert wird. Zeitweise war er mit dem Gitarristen Schrader unterwegs, der jetzt bei den Höhnern aktiv ist. Seit kurzem begleitet ihn aber Markus Wienstroer, der lange Zeit im Jazz- und Country-Metier tätig war, schon viele bekannte Künstler unterstützte und überhaupt ein begnadeter Musiker ist. Zwar nicht so extrovertiert wie Schrader, aber an Gitarre und Violine ein wahrer Meister der leisen Töne.

Der Konzertbogen im ersten Teil schlug sich vom bekannten Mitsing-Hit „Schöne Leute“ hauptsächlich über Songs des aktuellen Albums „So und nicht anders“. Da gab es das berührende „Fragezeichen“, das die Welt aus der Sicht dementer Menschen schildert, oder ein systemkritisches „Uns kann nichts passieren“. Trotz aller Ernsthaftigkeit und Melancholie kam der Humor nie zu kurz. Purple erklärte die Regeln des kölschen Buddhismus und entließ mit der Religionskritik von „So macht das keinen Spaß“ in die Pause.

Man merkte dem Publikum seine Begeisterung an – dabei sollten die Höhepunkte im zweiten Teil ja erst folgen. Mit Wienstroer hat Purple jetzt einen Mitstreiter, der auch die Violine gekonnt beherrscht. Das gibt die Möglichkeit, Songs wie „Eine kleine Geschichte vom Ende einer großen Liebe“ im Set unterzubringen, die es früher nicht live gab. Wunderschön. Zudem gab es nun die Balladen „Unter der Haut“, „Kinderleicht“ und „Kleine Seen“, die viele zu Tränen rührten.

Ein Höhepunkt für viele war sein erster und größter Hit „Sehnsucht“. Kann man einem solchen Text neue Facetten abgewinnen? Purple bat die Zuschauer, an einen dreijährigen Flüchtlingsjungen zu denken, der tot am Sandstrand liegt. Und plötzlich bekamen die Lyrics eine ganz neue Dimension: „Warum hast Du mich gebor’n? Bevor ich da war, war ich schon verlor’n? Land der Henker, Niemandsland. Das Paradies ist abgebrannt. Ich hab‘ Heimweh – Fernweh? Sehnsucht.“ Gänsehaut bei einem Song, der schon 32 Jahre auf dem Buckel hat, von zeitloser Aktualität ist und das Publikum schier erstarren ließ. In diesem Zusammenhang sei auch Purples Autobiographie „Sehnsucht bleibt“ empfohlen, die unlängst erschienen ist.

Doch Purple Schulz ist niemand, der sich lange in den Sentimentalitäten suhlt. Er will etwas bewegen und aufrütteln. Seine Konzerte sind ein Wechselbad der Gefühle. So konnten an dieser Stelle auch ohne Stilbruch „Verliebte Jungs“ und „Du hast mir gerade noch gefehlt“ folgen. Er nahm die Zuhörer auf jeden Weg mit und viele werden sich mal wieder gewundert haben, wie textsicher sie den Songs folgen konnten.

Im Zugabenblock versucht Purple traditionell, die Gefühlswelt der Anwesenden auszureizen. Hier liegt seit eh und je seine Stärke. Es ist das Dessert im Menü, wie Purple sagt. Der Moment, für den Künstler auf die Bühne gehen und Menschen Konzerte besuchen. Zunächst war es noch humorvoll und Purple enterte als Clown die Bühne, um sich „dem Brauchtum“ zu widmen, für das er U2s „With Or Without You“ mit kölschem Text versah. Wie bekommt man jetzt die Kurve zu einem melancholischen Abschluss?

Purple erzählt eine Geschichte von der Beerdigung eines Karnevalisten. Er regt zum Nachdenken an, berichtet vom Abschiednehmen und philosophiert über den Tod. Es ist still in der Halle. Jeder – aber wirklich jeder – hört gebannt zu und hängt an seinen Lippen. Dann setzt er sich ans Klavier und spielt „Der letzte Koffer“, das sich auf bewegende und tröstliche Weise mit dem Thema Sterben auseinandersetzt. Klavierklänge. Vielleicht eine Seele, die zum Himmel schwebt. Keiner wagt es zu klatschen. Stille im Saal und Purple beendet das Konzert mit „Immer nur leben“. Ein verzaubertes Publikum und stehende Ovationen waren der Dank dafür. Man kann Purple nur zu diesen magischen Momenten gratulieren und ich empfehle jedem Leser dieser Zeilen einen Konzertbesuch – uneingeschränkt.

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Letzte Aktualisierung am 11.12.2016 um 14:14 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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