Ralf Schmitz: „Aus dem Häuschen“ – Europahalle Trier 2015

Ralf Schmitz 2015
Photo credit: Boris Breuer
DATUM» 22.02.2015
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Wenn Ralf Schmitz eine Bühne betritt, dauert es keine zwei Minuten und der Saal ist am Toben. So geschehen auch vergangenen Sonntag in der Europahalle Trier. Dabei braucht der rheinische Wirbelwind, die lebendig gewordene Starkstrombatterie auf zwei Beinen gar kein besonderes Thema. Er erzählt von seiner Katze, der Mama oder – wie momentan – vom Hausbau. Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind und bei denen jeder irgendwie mitreden kann.

Im aktuellen Bühnenprogramm „Aus dem Häuschen“ geht es um die Widrigkeiten des Hausbaus. Um Handwerker und andere Katastrophen. Dem Publikum konnte nur schwindelig werden, so schnell ging es los und hämmerte Ralf Schmitz Tirade um Tirade von der Bühne. Er brauchte Stichworte – und bekam die bereitwillig: Was habt ihr als letztes renoviert? Sind Handwerker im Publikum? Gehört ihr zusammen? Welches Geräusch macht ein Betonmischer? Wer hat mir gerade an den Po gefasst? Wer nicht auf Kommando eine Antwort parat hatte, wurde gnadenlos zusammen gestaucht. Motto: Ich reiß mir für euch den Arsch auf, also macht ihr gefälligst mit.

Zum Warm-up gab es Anekdoten aus der Handwerkergilde. Die typische Maurer-Ausrede „Das muss so“ und den Installateur, der den Riss im Waschbecken als „überlackiertes Haar“ bezeichnet. Dann folgten Beispielfotos und ein komödiantischer Rundumschlag zum Gebrauch eines Akkuschraubers als elektrische Zahnbürste, Lippenstift-Auftrager und automatischen Klopapier-Abroller. Der Phantasie wurden keine Grenzen gesetzt. Und während Ralf Schmitz gerade mal Betriebstemperatur erreichte, lagen manche Zuschauer schon wehrlos in den Sitzen.

Die Bühne war einfach gehalten mit Gerüstteilen, Sessel, Klo und Kisten. Der ideale Hintergrund für Ralfs Improvisationstheater. Denn da liegt seine größte Stärke. Vier Jahre lang war er bei der Bonner Springmaus und der Theatersport ist sein Metier. Als Opfer mussten immer wieder Leute aus dem Publikum herhalten – mit Vorliebe aus der zweiten Reihe (damit sich niemand sicher fühlte). Die junge Laura durfte für einen Sketch herhalten. Ralf und eine Verkäuferin im Baumarkt. Nach der Grundsequenz spielte er seine Rolle dreimal: besoffen (mit starken Anleihen an „Dinner for one“), wütend und sexuell erregt. Laura hatte die Aufgabe, immer wieder ihren gleichen Text aufzusagen. Ralf hingegen verausgabte sich völlig in der jeweiligen Figur und schwankte stets zwischen Chaos und Schlüpfrigkeit. Dass er sich dabei mehrfach über sich selbst kaputt lachte, machte ihn umso sympathischer.

Ralf Schmitz war überdreht, hyperaktiv, hektisch, laut schreiend, ständig im Mittelpunkt. Er erzählte vom Verkäufer im Baumarkt und wechselt auf Knopfdruck (elegant getätigt von Zuschauerin Helma) fortwährend zwischen Deutsch und der erfundenen Sprache Kaputtschisch. Fachverkäufer, die in Panik davon rennen, und der typische Einkaufswagen mit linkisch rotierendem Joe-Cocker-Rad. Damit verabschiedete Schmitz die erschöpften Zuschauer nach 70 Minuten in die Pause.

Wo nahm er nur die Energie her, um nach kurzer Erholung wieder voll unter Strom auf der Bühne zu stehen? Eins der nächsten Opfer interviewte er zum Thema „40 Jahre Blasen im Musikverein“, um anschließend in wunderbarer Slapstick-Manier das komplette Interview in eine erfundene Gebärdensprache zu übersetzen.

Dann gab es ein improvisiertes Musical „Ein Abend im Kino“, das ein Pianist und Gesangspartnerin Caroline gekonnt mitgestalteten. Die Stilistik der Songs bestimmte das Publikum von Oper über Schlager und Karneval bis hin zu Techno und Heavy Metal. Es blieb kein Auge trocken. Der Abend verging wie im Flug und Ralf Schmitz hatte sein Publikum durchgehend fest im Griff. Wer sich im falschen Moment mit ihm anlegte, wurde zum willkommenen Opfer. So auch ein Zuschauer von ganz hinten, der meinte, sich über die geringe Größe des Comedians lustig machen zu können („da kannst du auf nem Pony reiten“). Schmitz konterte zuerst („wieso sollte man beim Reiten mit den Füßen den Boden berühren“) und nahm den mutigen Hinterbänkler umgehend zu sich auf die Bühne.

Als Zugabe wurde jener Rolf nämlich zum Puppenspieler, der Ralf Schmitz in seiner Parade als Marionette „bedienen“ und mit ihm zusammen einen imaginären Rasenmäher reparieren musste. Nach über zwei Stunden Programm war keiner wirklich schlauer, aber der Abend hatte allen gefallen und selbst verzweifelte Häuslebauer auf andere Gedanken gebracht. Stilgerecht bedankte sich Schmitz bei allen Mitwirkenden mit einer Rose. Eine tolle Geste. Die Mama hatte ihm geraten „Fahr nicht nach Trier“. Wir sagen „Hör nicht auf die Mama. Komm wieder!“