Rolling Stone Weekender Festival 2014 – Musikalischer Strandurlaub an der Ostsee

Rolling Stone Weekender 2014 Weißenhäuser Strand

Zum sechsten Mal lud das Rolling Stone Weekender Festival Anfang November an den Weißenhäuser Strand. Ein Festival im November – geht das? Ja, das geht sehr gut. Das Festival bezeichnet sich selbst auch als „Indoor-Komfort Festival an der Ostsee“. Der Weißenhäuser Strand ist eine Bungalow-Ferienanlage direkt am Ostsee-Strand. Die Konzerte finden in den Räumen der Ferienanlage statt. Die Mainstage befindet sich in einem eigens aufgebauten großen Zirkuszelt.

Für mich persönlich ist das Rolling Stone Weekender immer der Abschluss der jährlichen Festivalsaison. Und auch dieses Jahr hat FKP Scorpio wieder ein wunderbares Line-up aufgefahren. Den Festival-Freitag eröffneten die Herren von Triggerfinger gekonnt im großen Zelt. Anschließend musste man sich entscheiden: Die grundsätzliche Crux bei Festivals ist auf der einen Seite das vielfältige Angebot, auf der anderen Seite parallel laufende Konzerte. Ich entschied mich für den australischen Experimental-Pop von D.D Dumbo im sehr schönen Rondell. Diese beiden Beispiele illustrieren bereits das breite Spektrum an Künstlern, das dieses Festival dem Publikum präsentiert.

Rockig ging es auf der Mainstage mit The Undertones weiter. Erfahren füllten sie das große Zirkuszelt mit ihrer Musik. Anschließend führte mein Weg mich in den Baltic Saal. Hier kommt man sich wie in einem Club mittlerer Größe vor: Die Bühne liegt relativ tief und bietet den Künstlern auch nicht allzu üppig Platz. Hierdurch kommen jedoch Künstler und Zuschauer näher zusammen. Und da ich ein großer Fan von Club-Konzerten bin, fühle ich mich hier sehr wohl. Auf der Bühne spielt Annie Clark aus New York alias St. Vincent. Sie war auf jeden Fall einer meiner persönlichen Entdeckungen und Highlights auf dem diesjährigen Weekender. Und das ist auch etwas, was dieses Festival ausmacht: Die Veranstalter kramen immer wieder tolle Überraschungen aus ihrer großen Künstler-Kiste hervor und bringen sie auf die Bühnen am Weißenhäuser Strand.

Anschließend ging es zurück zur Mainstage, auf der der amerikanische Singer-Songwriter Sam Beam von Iron & Wine einen Soloauftritt präsentierte. Für mich wirkte er in dem doch recht dimensionierten Zirkuszelt und auf der festivaltypischen, sehr großen Bühne etwas verloren. Seine Singer-Songwriter-Qualitäten sind hervorragend – hätten jedoch besser auf eine kleinere Bühne gepasst.

Der nächste Künstler war mit seiner Band Kettcar vor zwei Jahren ein Headliner auf der Mainstage des Festivals. In der Zwischenzeit hatte die Band beschlossen zu pausieren. Markus Wiebusch startete ein Solo-Projekt unter eigenem Namen. Im April dieses Jahres veröffentlichte er das Debüt-Album unter dem Titel „Konfetti“ und erntete zu recht hervorragende Kritiken. Und Markus Wiebusch zeigt auf dem Album und auch auf der Bühne des Baltic Saals, dass das Solo-Projekt musikalisch nicht einfach nur die Fortsetzung von Kettcar ist, sondern tatsächlich etwas Neues.

Musikalisch beschloss Selig auf dem Mainstage den Freitag. Man merkte, dass Jan Plewka die Bühne liebt und sich dort mit sichtlichem Vergnügen austobt. Man hatte den Eindruck, dass er die Bühne gar nicht mehr verlassen und immer weiter spielen wolle. Als ich ihn bei anderer Gelegenheit traf und auf die tolle Show beim Weekender ansprach, klang noch immer große Begeisterung bei der Erinnerung an diesen Abend in seiner Stimme.

Am Vormittag des nächsten Tages konnte man ein weiteres Highlight des Festivals genießen: Den Weißenhäuser Ostsee-Strand. Es hatte etwas wie Urlaub, den Strand kilometerweit entlang zu laufen.

Wer dem Festivalprogramm am Samstag folgen wollte, konnte bereits ab 12 Uhr Lesungen verschiedener Autoren im Witthüs beiwohnen. Ich begann meinen Festival-Samstag bei der dritten Lesung mit Sven Regener. Er las aus seinem neuen Buch „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Und es war ein großes Vergnügen diesem Multitalent bei seiner Lesung zuzuhören. Sven Regener ist eben ein sagenhafter Geschichten-Schreiber und –Erzähler – sei es live oder auf Papier, Vinyl oder Zelluloid.

Musikalisch begann der Samstag mit Sea Wolf aus den USA. Und ich liebe es, wenn der zweite Festival-Tag mit schönem und melodischem Indie-Rock beginnt und die müden Tanzbeine ganz langsam wach werden können. Auch hierfür ein Dankeschön an das Weekender für die tolle Programmgestaltung. Anschließend gab es einen kleinen Abstecher zu dem Wohnzimmerkonzert in einem Bungalow mit John Allen aus Hamburg. Er ist der nette Kerl, mit dem man gerne mal einen Whisky in einem Pub trinken geht. Wenn er jedoch anfängt zu singen, füllt eine unglaubliche Präsenz den Raum. Ungefähr 70 ausgeloste Zuhörer kamen in den Genuss dieses besonderen Gigs.

Nach diesem Abstecher ging es zu den Levellers (UK) im Baltic Saal. Schöner, handgemachter Folk-Rock mit sozialkritischen Inhalten ist ihr Markenzeichen. Sie sind mit ihrer kraftvollen Musik eindeutig eine Live-Band und rissen das Publikum mit. Die Mainstage eröffneten am Samstag Augustines (USA). Und auf die Mainstage gehören sie mit ihrem intensiven Alternative-Rock auch.

Während das Stage-Hopping bei den großen Festivals immer mittelgroße Wanderungen erfordert, sind die Wege beim Weekender wirklich kurz und man kann schnell mal schauen, was auf den anderen Bühnen gespielt wird. Ein Vorteil eines Indoor-Festivals, bei dem die Bühnen nicht zur akustischen Trennung weit auseinander liegen müssen.

Im Baltic Saal tritt Gisbert zu Knyphausen und die Kid Kopphausen Band auf. Wer die musikalische Entwicklung von Gisbert zu Knyphausen inklusive dem persönlichen und musikalischen Einschnitt durch den Tod seines Freundes und Wegbegleiters Nils Koppruch beobachtet, erlebte nicht nur ein wundervolles Konzert. Es ist bemerkenswert, wie er das Arrangement der Lieder weiter entwickelt hat und sie an dem Abend in einer besonderen Interpretation präsentierte.

Zurück zur Mainstage ging es mit dem Duo Blood Red Shoes aus Brighton mit druckvollem Punk weiter. Wenn das Tanzbein bis jetzt noch nicht wach war, wurde es spätestens hier von der Musik der beiden wach gerüttelt. Im Baltic Saal präsentierte das Festival mit Jeff Tweedy ein musikalisches Urgestein. Seine Ausstrahlung ist beeindruckend, seine Stimme geht unter die Haut und seine Texte verleiten zum Zuhören.

Die Mainstage gehörte anschließend Live aus den USA. In den 1990er Jahren gegründet und 2009 aufgelöst, meldete sich die Band 2012 mit dem neuen Sänger Chris Shinn zurück. Mit kraftvollem Alternative-Rock füllen sie musikalisch das Zelt und liefern eine ordentliche Show auf der Bühne ab.

Den Abschluss des Festivals sollen die Editors aus Großbritannien bestreiten. Kurz vor dem Auftritt kommt die Nachricht, dass der Gitarrist Justin aus Krankheitsgründen nicht nach Deutschland reisen kann. Die Band bietet jedoch an, sich spontan in ihr Studio zu begeben und innerhalb von 24 Stunden ihre Stücke neu zu Akustik-Versionen zu arrangieren und so den Auftritt zu retten. Alleine diese Aktion der Band verdient absoluten Respekt. Und so präsentierten die Editors zum Abschluss des Rolling Stone Weekenders 2014 ein wirklich fantastisches und einzigartiges Akustik-Konzert. Oder mit den Worten der Band: „A rare unusual version of an Editors live show, maybe never to be repeated, and we’ll all enjoy doing something different and special together!!“. Es ist ihnen gelungen.

Fotos vom Rolling Stone Weekender Festival 2014 – Freitag

Fotos vom Rolling Stone Weekender Festival 2014 – Samstag