The Everlasting Lieblingsfestival – Das Summerjam 2016 in Köln!

Photo credit: Marc Brüser
DATUM» 01.07.2016 - 03.07.2016
ARTIST»
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von Florian Eßer und Marc Brüser

Auch wenn manch ein Internettroll immer noch behauptet, dass das Summerjam Festival am Fühlinger See in Köln zu einer Mischung aus Wochenendrastafaris und minderjährigen Mädchen, die zum ersten Mal in ihrem Leben Grasgeruch wahrnehmen, verkommt, so muss er feststellen, dass der Vibe immer noch nicht ganz verloren ist. Das zeigt sich auf dem Camping- als auch auf dem Festivalgelände. In diesem Jahr bedauerlicherweise mit einigen Abstrichen. Der

Freitag

startet mit den Orsons auf der Red Stage. Man muss die Hip Hop Gruppierung von Chimperator Records nicht mögen, dennoch sind sie gute Musiker, die es schaffen, die Menge zu animieren. Das gelingt dieses Jahr wiedereinmal ordentlich mit gleichmäßig klatschenden Händen und einer springenden Masse, allerdings nur so lange, bis Kaas, der regenbogenfarbene und Einhörner mögende Paradiesvogel des Rap-Quartetts, seine aufkommende EP „KAAS & JUGGLERZ in Jamaica“ promoten will, die während eines Aufenthalts auf Jamaika entstanden ist. So wundert es nicht, dass die präsentierte Auskopplung aus dem Reggae-Projekt den einprägsamen Titel „Jamaica, Jamaica“ trägt. Obwohl der Sound in seinen musikalischen Wurzeln zum Summerjam passt, wie eine Herde pinker Flamingos zu Kaas selbst, kann er die Crowd nicht ganz überzeugen. Kaas wurde erleuchtet, doch das Publikum muss im Dunkeln verweilen. Ähnlich albern fühlt man sich bei SDP. Waren StoneDeafProduction noch vor zwei Jahren bei Rock am Ring eine unterhaltsame Abwechslung, verkaufen sich Vincent Stein und Dag-Alexis Kopplin mit ihrem neuen Album „Zurück in die Zukunft“ weit unter wert, allem voran mit dem Après Ski Hit „Meine Freundin (die kann blasen)“. Alligatoah, in der zweiten Reihe des Line-ups stehend, soll den heutigen Abend ausklingeln lassen. Der heutige „Headliner“ und Trailerpark-Mastermind thematisiert in seiner Setlist – fast ausschließlich bestehend aus den letzten beiden Alben – die Probleme dieser Welt, will Kochtöpfe mittels Circle Pits zum Kochen bringen und singt Duette mit seinem Spiegelbild. Lukas Strobel, so sein gebürtiger Name, kann man auf keinen Fall fehlenden Unterhaltungswert ankreiden. Jedoch zeigem die vorderen Reihen, dass auch Internettrolle manchmal recht haben können. Die Menge besteht hauptsächlich aus Frauen, wenn man sie nicht Mädchen nennen will. Einzelne werden von ihren nicht viel älteren Freunden mit Beleidigungen und Fäusten gegen andere Festivalgänger bewacht. Andere zicken sich gegeseitig an, dass man ihnen den Platz weggenommen hätte. Bei einem Festival. Dazu muss man auf den letztjährigen MHQ-Bericht über das Summerjam aufgreifen: „Feel the vibe and not the hype.“ Am

Samstag

entert Megaloh um 18:30 Uhr die Grüne Bühne und hat eine Überraschung im Gepäck. Während seines Konzertes erscheint ein junger Mann namens Philipp in einem Schlauchboot auf der Bildfläche. Während Philipp im Gummibötchen  von Viva con Aqua auf den Händen der Gäste getragen wird, solle man seine Pfandbecher in das Boot werfen – doch der gute Zweck beschränkt sich hierbei nicht bloß auf die Spendenaktion: Im Hagel aus Biertropfen und Plastikbechern zückt Philipp plötzlich ein Schild, das er in die Höhe streckt: „Jenny, willst du mich heiraten??“ Jenny, Philipps Freundin, nimmt seinen Antrag unter frenetischem Applaus mit einem Ja-Wort an. Da muss selbst der gestandene Rapper und Komplize von Philipp zugeben: „Geile Aktion, habe ich auch noch nie gemacht. Ich war echt ein bisschen nervös.“ Es folgt der lustloseste Auftritt des gesamten Festivals: Der einstige überzeugte Jude Matisyahu wirkt versteinert, als er die immer noch gut gefüllte Green Stage betritt. Lässig fletzt er sich auf seinen Hocker und singt monoton Song um Song herunter. Einzig seine Beatbox einlagen und das wunderbare Wetter inklusive einer untergehenden Sonne sind die einzigen Lichtblicke dieses Konzerts. Da hilft auch kein Remix des wundervollen „One Day“ um den Auftritt ins positive Licht zu rücken.

Nachdem deutsche und italienische Fußballfans beim Public Viewing gemeinsam das nervenaufreibende Viertelfinale durchlitten haben, geht es wieder zurück zur Festival-Insel, genauer gesagt zur Green Stage. Dort gibt es einen weiteren guten Grund zu Jubeln. Hier geht es um Beats, Bässe und das meist erwartete Hip-Hop-Comeback der letzten Jahre: Die Beginner „packen Hamburg wieder auf die Karte.“ Das Trio aus Hamburg, bestehend aus Denyo, DJ MAD und Jan Delay, beweisen am späten Samstagabend auf der Green Stage, dass ihre Klassiker „Füchse“ und „Liebeslied“ auch nach 18 Jahren noch zum kollektiven Kopfnicken geeignet sind. Summerjam-Stammgast Gentleman ist dadurch verhindert, dass er zur selben Zeit auf der Red Stage zusammen mit Bob Marley-Sprössling Ky-Mani Marley auftritt. Auch wenn es schade ist, dass diese beiden Topacts zur gleichen Uhrzeit ihre Stagetime haben, lässt sich sagen, dass man nicht enttäuscht wird, egal für welche der beiden Konzertbühnen man sich heute entscheidet. → Gentleman

Der Sonntag

lädt dazu ein Freunde zu besuchen, die an der Regattabahn campen. Hier wird wieder einmal deutlich, dass das Summerjam ein zweischneidiges Schwert hinsichtlich der Festivalbesucher ist: Nachbarn begrüßen einen mit einem schwarzen Afghanen in der Hand, manche machen Musik und wiederum anderebieten die Wassermelonen und Sangria aus dem Tetrapack an. Es sind die kleinen Dinge, die Festivals zu einem Erlebnis machen.

Bei wechselhaftem Wetter begrüßt uns das französische Duo Dub Inc um 18:00 Uhr auf der Red Stage. Der durchaus solide Auftritt der Band aus Saint-Étienne, die sich 1997 zusammengefunden hat, steht aber in keinem Vergleich zum angekündigten Headliner des Sonntags: Parov Stelar verkehrt eigentlich eher in Electro-Swing Kreisen; doch das Summerjam-Booking beweist im Gegensatz zur Buchung von Alligatoah ein Händchen für außergewöhnliche Gäste. Der österreichische DJ, begleitet von einer Sängerin und weiteren Live-Musikern bietet der tanzenden Masse anderthalb Stunden lang einen hervorragenden Mix aus elektronischer Musik und Swing. Gerade alteingesessene „Roots Rock Reggae“ Liebhaber dürfen hierbei gern ein Auge zudrücken, denn beendet wird das Festival von niemand geringerem als Morgan Heritage und seinen Brüdern. Der Sonntagsheadliner bringt ein letztes Mal ein Gefühl von Jamaika, Love and Happiness an den Fühlinger See.

Wie alle anderen Festivals dieser Größenordnung ist auch das Summerjam nicht frei von Kriminalität und schockierenden Verbrechen, wie die Vergewaltigung einer jungen Frau auf traurige Weise deutlich macht. Der Täter soll die Frau in der Nacht von Sonntag auf Montag in ihrem Zelt überfallen haben, wie das Opfer und weitere Zeugen um 06:20 Uhr bei der Polizei angeben. Diese ermittelt nun gegen den Mann, der nach Zeugenaussagen Mitte bis Ende Zwanzig gewesen sein soll, ca. 1,75 Meter groß, dunkelhäutig und Rastalocken trug. Auffällig ist das T-Shirt des Mannes, auf dessen Rücken das Konterfei von Bob Marley gedruckt ist. Zeugen werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 0221/229-0 bei den Ermittlern zu melden. Neben den obligatorischen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz – bei 155 Besuchern sind Drogen gefunden worden – gibt es 99 Anzeigen aufgrund von Diebstählen.

Auch wenn die erhöhte Präsenz der Ordnungshüter dazu beitrug, dass die Statistiken des diesjährigen Festivals unter denen der letzten Jahre liegen, ist die subjektive Wahrnehmung der Besucher eine andere. Viele der Feiernden bemängeln das nicht eingehaltene Versprechen der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Das Wachpersonal kann nicht verhindern, dass ungebetene Gäste durch die Waldgebiete Zutritt zu dem Festivalgelände erhalten, Zelte aufgeschlitzt und Wertgegenstände entwendet werden. Im Allgemeinen scheint das Security-Personal nicht recht zu wissen, welches Bändchen wem und wohin den Zutritt gestattet. Nichtsdestotrotz sieht man weniger Flaschensammler auf dem Gelände, als noch in den Jahren zuvor, und wenn man einmal ehrlich ist, sorgen diese wenigstens dafür, dass so manches Leergut vom Platz verschwindet und somit nicht auf der Oberfläche des Fühlinger Sees umhertreibt oder die Grünflächen verschmutzt. Denn die Vermüllung des Geländes offenbart eine andere Wahrheit: Es reicht eben nicht aus, sich im Marihuanarausch als naturverbundenes Blumenkind zu inszenieren und nur davon zu singen, die Welt zu verbessern, man muss die Dinge auch in die Tat umsetzen. Eine Message, die der Großteil der Besucher leider nicht verinnerlicht hat. Was aber tief in den Köpfen verankert ist, ist der Gemeinschaftsgedanke, den das Summerjam mit sich bringt. Man hat das Gefühl, dass sich die 30.000 Festivalgänger seit Urzeiten kennen. Überall blickt man in freundliche und hilfsbereite Gesichter. Bei den vereinzelten, aber starken Regenschauern wird man umgehend dazu eingeladen, sich für ein Dosenbier unter die schützenden Pavillons zu gesellen und hat jemand einmal zu viel gekocht, so hat man immer noch nach drei Festivaldekaden Summerjam eine Einladung für das gemeinsame Abendessen sicher. The Everlasting Lieblingsfestival got me again.

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Letzte Aktualisierung am 4.12.2016 um 12:16 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API