Wattwanderung in der Eifel – Rock am Ring 2016

Photo credit: Rainer Keuenhof
DATUM» 03.06.2016 - 05.06.2016
EVENT»
VENUE»

Regen und Schlamm können auf einem Festival eine höchst unerwartete Kreativität unter den Zuschauern hervorrufen. Man legt sich auf die nasse Erde und kreiert seinen eigenen Matschengel, fängt eine gülleartige Schlacht vor der Bühne an oder springt in Pfützen um seinen Nachbarn zu ärgern. Kurz und knapp: Man saut sich richtig ein und hat trotz des Wetters den Spaß seines Lebens. Dies hätte auch für Rock am Ring gelten können, wären da nicht Blitze, Donner und eine Schlammwüste gewesen, in der man bei jedem Schritt nach vorne bis zu den Knöcheln eingesunken ist.

Der Freitag

mhq-banner_rar16-1

lässt noch nichts Böses erahnen. Amon Amarth begrüßen bei der Ankunft gerade ihre Fans und Johann Hagg’s Stimme dröhnt über das gesamte Gelände. Die Sonne scheint, die Menge lacht, es scheint, als sei alles so wie es bei einem optimalen Festival sein sollte. Erste Zweifel kommen auf, als erstmalig das Rock’n’Roll Camping betreten wird und die pechschwarzen Schuhe sich binnen Sekunden in ein zartes haselnussbraun färben. Sei es drum. Die Stimmung ist trotz des mäßigen Bodens weiterhin ausgelassen: Diverse Trinkspiele wie Flunkyball und FlipCup sowie schmetternde Musik von den Onkelz bis hin zu ZSK ballert aus verschiedensten Zelten heraus.

Nun wird es Zeit für die Bands: Erwartungsvoll blickt das Publikum auf die Bühne. Die Band ist bereits 20 Minuten im Verzug. Von allen Seiten schreit die Menge: Tenaious D, Tenaious D. Doch statt Jack Black, ertönt die Stimme eines Sicherheitsbeauftragten, der die Menge über ein kommendes Unwetter informiert und dass das Konzert verschoben werden muss. Buhrufe und Mittelfinger sind die prompte Antwort. Eine Frau spannt aus Provokation ihren Hello Kitty Kinderregenschirm auf. Doch mit einem Blick nach oben, erkennt man den wirklichen Ernst der Lage. Blitze schlagen am Horizont ein, lautes Donnergrollen erfolgt immer rasanter. Tausende von Zuschauern setzten sich ruhig in Bewegung, von Panik ist nichts zu spüren. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich das Gewitter direkt über einem befindet und Blitze nur 50-100 Meter entfernt einschlagen. „Fick dich Donner, leck mich doch am Sack“ schallt es aus dem Sanitätszelt, in dem Helfer und Zuschauer Zuflucht vor dem Unwetter gesucht haben. Nach anderthalb Stunden ist der Spuk vorbei. Tencaious D betreten nach endlosem Warten im Matsch die Bühne und entschuldigen sich für das Unwetter, welches sie mit ihrem Auftritt versehentlich heraufbeschworen haben. „Kickapoo“, „Tribute“ und „Fuck Her Gently“ machen das Armageddon vergessen. Einzig verstörende Videos, in der es Jack Black und Kyle Gass „französisch“ krachen lassen, erzielen nicht bei allen ihre gewünschte Wirkung. Der Wechsel zur Volcano Stage gestaltet sich schwieriger als gedacht. Man hat das Gefühl, das gesamte Festivalgelände gleiche einem Wattenmeer, das gerade Flut hat. „Ist das Gülle oder Matsch. Das stinkt ja widerlich“, stellt eine zierliche junge Dame fest. Die Antwort ist wohl ein Mix aus beidem, da die Dixies nicht weit entfernt sind. Endlich angekommen, reißen gerade Volbeat die Bühne mit der besten Show des Abends vollends ab. Dekadent genießt man den Auftritt aus gut 100 Meter Entfernung mit Weizen und Antipasti. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Major Lazor zelebrieren im Anschluss auf der CraterStage, das was man von ihnen erwartet. Konfetti, heiße Tänzerinnen und nochmals Konfetti. Achja, und Feuerbälle. Das ist alles ganz nett anzusehen, hat aber herzlich wenig mit Rock zu tun. Viel mehr fühlt man sich in einen Club versetzt, in dem Mann den Mindestverzehr blechen muss um drinnen irgendwelche Frauen von hinten anzutanzen. „Germany! Jump!“ Geht nicht, der Matsch hat sich am Schuh festgesaugt und lässt einen nicht mehr los. Egal, es muss weiter getanzt werden bis der Schuh erneut die Farbe von einem matten schwarz in ein elegantes kackbraun wechselt. Mit einer Explosion, Konfetti und vielen vielen Luftschlangen geht der Freitag zuende. Müde begibt man sich im Entengang watschelnd Richtung Auto zurück, an einen Aufbau vom Zelt ist gar nicht mehr dran zu denken. Der

Samstag

mhq-banner_rar16_tag2

hält hingegen noch mehr böse Überraschungen bereit. Eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz verkündet, dass das Festival von der Ordnungsbehörde Mendig bis auf weiteres suspendiert worden ist, da sich noch weitere, stärkere Unwetter dem Gelände nähern. Doch die bleiben zur Verwunderung aller aus. Lediglich ein kleines Lüftchen mit einem kurzen Aufblitzen innerhalb der Wolken sorgt für etwas Nässe an einem ansonsten bewölkten, aber trockenen Tag. Nichtsdestotrotz, was kann es schöneres geben, als in einer Reihe voller gut gelaunter Menschen aus Ratingen zu sitzen die pünktlich zum ersten Donnergrollen „Hurra, die Welt geht unter“ von K.I.Z. anstimmen? Um 21:30 Uhr ist der Spuk vorbei und die Deftones starten ihr Set auf der Volcano Stage. Leider wird dies zu spät bemerkt, da trinkwütige Ratinger einen doch noch auf einen letzten Jägermeister Cola einladen wollen. Zu den Red Hot Chili Peppers steht man aber rechtzeitig in der ersten Welle, um Mastermind Michael „Flea“ Balzary dabei zuzugucken wie seine Finger filigran über die Bassseiten rauschen. Nebenbei lässt er es sich nicht nehmen zur Unterhaltung des Publikums einen Handstand hinzulegen und anschließend die Menge mit den ersten Tönen von „By The Way“ in komplette Verzückung zu setzen. Die Degradierung zum Co-Headliner, aufgrund von Terminproblemen, scheint den Kaliforniern auf jeden Fall nichts auszumachen. Viel besser kommt es noch, wenn der angedachte Co-Headliner Billy Talent für das beste Konzert des Festivals sorgt. Eine Zeitreise setzt im Kopf ein: 2006 – Billy Talent II läuft im MP3-Player und man macht sich mit Bierfahne von V+ Curuba mit dem zerbeulten Fahrrad auf den Weg nach Hause. In den Ohren brettern die Drums von „Red Flag“, das man freihändig und laut mitsingt. Nä wat schön. Ben Kowalewicz sieht eher um einige Jahre verjüngt aus und Hits wie „This Is How It Goes“ und „This Suffering“ schlagen genauso ein wie früher.

An dieser Stelle sollte nun eigentlich die Zusammenfassung für den

Sonntag

mhq-balken_rar16_Matsch

kommen. Nur kam noch in der Nacht die Hiobsbotschaft: Der letzte Festivaltag ist abgesagt. Auftritte von Alligatoah, Biffy Clyro und Black Sabbath verpuffen in der Luft wie die Hoffnung, doch noch ein versöhnliches Ende zu finden.

Die 31. Ausgabe von Rock am Ring wird in den meisten Augen der Zuschauer wohl als eines der schlechten Festivals seiner Geschichte eingehen. Sei es wegen der riesigen Schlammmassen, dem endlosen Warten auf eine finale Abreise (stundenlang sollen Menschen darauf gewartet haben, dass ihr Auto aus dem Matsch gezogen wurde) sowie den ausgefallenen Bands. Wie ein Sprichwort sagt: Kannste so machen, ist dann aber scheiße. Das Sahnehäubchen, das man nach dem Festival auf sozialen Netzwerken immer wieder liest, ist, dass viele Probleme dem Veranstalter in die Schuhe geschoben werden, wofür er nichts kann. Zum Beispiel, dass man das Festival eine Woche hätte nach hinten verschieben müssen. Wenn es einen Veranstalter auf dieser Welt gäbe, der alle Bands überzeugen könnte auf ihre Termine keinen Wert zu legen und lieber in Deutschland zu bleiben, der werfe den ersten Stein. Ansonsten: Mund abwischen, weitermachen und sich nächstes Jahr in bester Manier mit einem Top Line-Up präsentieren.