Philipp Oehmke schreibt über die Toten Hosen: „Am Anfang war der Lärm“

VERÖFFENTLICHUNG» 21.11.2014
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Da haben die Toten Hosen also eine offizielle Biographie schreiben lassen. Ist das der letzte Schritt ins Establishment? Irgendwie schon – obwohl Campino & Co. alles tun, um sich in einem guten Licht darzustellen. Will heißen: ihre inneren Kämpfe darzustellen, die sie ausfechten mussten, weil sie plötzlich in jedem Milieu Gehör fanden. Nicht mehr nur Punk, nicht mehr nur Jugend, nicht mehr nur das linke Spektrum. Plötzlich spielte die böse CDU „An Tagen wie diesen“ sogar auf ihrer euphorischen Siegesfeier. Böse zersungen von Volker Kauder.

Ist das wirklich so dramatisch? Ist das nicht ganz normal in einer Zeit, da Veranstalter X halt eine Gebühr an die Gema bezahlt und damit das Liedgut verbreiten darf, wie es ihm gefällt? Zumindest kann man die Aktion zum Aushängeschild für die innere Zerrissenheit einer Band machen, die eben nie das konservative Herdenvieh bedienen wollte, es mit einer einfachen Hymne nun aber doch tut. Außerdem bringt es doch interessante Pressemeldung, wenn man im Vorfeld einer Buchveröffentlichung lanciert, dass Frau Bundeskanzlerin höchstpersönlich sich nach dem Wahlsieg bei Herrn Campino für die Verunglimpfung des Songs entschuldigt habe. Eigentlich ist auch diese Darstellung eine Anbiederung an die konservative Klientel, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein.

Germanist Philipp Oehmke, Kulturredakteur beim Spiegel, gibt seinem Buch den Untertitel „Am Anfang war der Lärm“. Das stimmt nicht ganz. Er beginnt nämlich mit der Merkel-Episode. Vielleicht auch, um dem zufälligen Reinleser gleich anzudeuten, dass es nicht um eine chronologische Abfolge der Hosen-Geschichte geht, sondern dass durchaus philosophisches und politisches Gedankengut in die Texte fließt. Das ist fair.

Der 380seitige Wälzer ist spannend und flüssig geschrieben. Wir erleben aus unterschiedlichen Perspektiven nochmal mit, wie die Toten Hosen von der Spaß-Punk-Band spätestens mit „Hier kommt Alex“ und dem Konzeptalbum „Ein kleines bisschen Horrorshow“ (das die Bühnenmusik zum Theaterstück „A Clockwork Orange“ enthält) zum ernsthaften Deutschrock überging. Wir verfolgen den Weg vom Ratinger Hof in Düsseldorf zu den größten Stadien der Republik. Am Wichtigsten aber finde ich das Hintergründige – die tiefen Einblicke in die Seele der Band. Oehmke hat in Gesprächen und hautnah eine Menge erfahren und darf dies auch schreiben: von Drogen und Alkoholexzessen, von Kabbeleien und ernsthaften Zerwürfnissen in der Band (am Ende entscheidet immer Campino), von endlosen Diskussionen über das Tun und Lassen.

Den historischen Abriss und Lebenslauf des Bandgeschehens gab es schon öfters. Da brauchen wir keine Wiederholung. Doch dieses Buch bietet mehr. Ich war nie der Die-hard-Hosen-Fan, habe die Musik hier und da oberflächlich gehört. Doch mit dem Wälzer von Philipp Oehmke wächst einem die Truppe mehr ans Herz. Und sogar Frau Merkel wird irgendwie sympathisch geschildert. Da darf am Ende jeder zufrieden sein. Gut gemacht.