Adoro mischen zum Weihnachtsfest wieder Pop und Klassik – Motto diesmal „Nah bei dir“

VERÖFFENTLICHUNG» 07.11.2014
BEWERTUNG» 5 / 9
ARTIST»
LABEL» ,
Adoro Nah bei dir bei Amazon bestellen

Es gibt seit Jahren zwei musikalische Konstanten, wenn Weihnachten naht: „Last Christmas“ läuft wieder im Radio und Adoro bringen ein neues Album heraus. Nach der Werkschau „Das Beste“ und Edelmetall für jedes ihrer Studio-Alben erscheint mit „Nah bei dir“ nun der sechste Longplayer, auf dem sich Peter Dasch (Bassbariton), Nico Müller (Bariton), Jandy Ganguly (Bariton) und Assaf Kacholi (lyrischer Tenor) stimmgewaltiger denn je zeigen.

Wie immer muss ich mit gemischten Gefühlen an die Sache heran gehen. Da sind einige Titel in der Auswahl, die überhaupt nicht funktionieren – vor allem zu Beginn der CD. Louis Armstrongs „Wonderful World“ in einer deutschen Fassung? Grauselig. „Applaus, Applaus“ von den Sportfreunden? Wird ohne die Schnoddrigkeit des Originals zum Lalala-Schlager. Und Peter Fox‘ „Haus am See“ vereinnahmt von den Klassikfreunden? Schlimmer geht’s nimmer.

Damit sind aber zum Glück die hässlichsten Kröten geschluckt. Tim Bendzkos Weltretter-Song ist ohnehin schon sehr getragen und beim Hören in der neuen Version wird mir bewusst, dass auch Bendzko eine sehr klassische Stimmfarbe sein eigen nennt. Den Marius-Titel „Lass uns leben“ zu covern ist für mich eigentlich blasphemisch. Doch auch hier muss ich ein glückliches Händchen beim Arrangement zugestehen. Die Ballade funktioniert ganz gut im edlen Gewand. Ebenso Heinz Rudolf Kunzes „Mit Leib und Seele“. Gerade da, wo man es am wenigsten erwartet, ziehen Adoro sehr korrekt durch.

Zum Abschluss noch ein paar Titel, mit denen man nichts falsch machen kann – von Roger Cicero und Max Raabe. Selbst Charlie Chaplins „Smile“ hört sich im deutschen „Lächeln“ wundervoll verträumt und authentisch an. Da liegt die Stärke der Crossover-Spezis: Tradition und Moderne zu verbinden und unterschiedliche Hörerschichten grenzüberschreitend zu vereinen. Egal ob mit Jazzband oder klassischem Orchester – das Ergebnis spricht immer für sich.

Die altbekannten Kritikpunkte bleiben aber bestehen. Die Opernsänger geben sich stimmlich die Klinke in die Hand. Will heißen: Man teilt sich die Lyrics häufig auf. Leider verzichtet man damit meist auch auf Mehrstimmigkeit, was ich schade finde, denn das Potential für eine polyphone Umsetzung ist hervorragend. Die Sänger lassen auch nicht das typische Operngehabe mit Vibrato und pipapo raushängen, sondern singen klar und mit sanfter Schönheit. Oft sind die Titel allerdings auch überladen und der Schmalzhahn wird zu weit aufgedreht.

Über den Sinn der Neuinterpretationen lässt sich streiten. Einen Zweck können sie zumindest erfüllen: Es ist ein Weg, Klassikliebhaber in eine neue musikalische Richtung zu führen. Wenn die Schwiegermutter sich erst einmal mit Adoro angefreundet hat, ist der Weg zu den Originalsongs von Bendzko und Cicero nicht mehr weit. Eine gute Gelegenheit also, anlässlich des Friedensfestes eventuell einen musikalischen Konsens zu finden. Adoro unterm Weihnachtsbaum können definitiv zum familiären Frieden beitragen.