Die Prinzen sind wieder in aller Munde – Zeit für ein „Familienalbum“

VERÖFFENTLICHUNG» 29.05.2015
BEWERTUNG» 8 / 9
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Als sich Die Prinzen vor 25 Jahren zusammentaten, stand am Anfang das gemeinsame Faible, oder besser gesagt die gemeinsame Philosophie: Musik. Obwohl sie alle Anfang 20 und dem Alter entsprechend rastlos und ungestüm waren, nahmen sie ihren eigenen musikalischen Anspruch immer ernst. Sie hatten die Eliteschulen und Internate der Leipziger Thomaner bzw. des Dresdener Kreuzchors besucht, den Speisesaal miteinander geteilt, unter Heimweh gelitten und die weite Welt bereist. Sie studierten Schlagzeug und Gesang, probierten sich in verschiedenen Punk- und Popbands aus, trugen selbst genähte Phantasiejacken und knallbunte Leggins und liebten Bach ebenso wie die Beatles, Stones und Queen. Eine Menge Neugier war dabei, Lust aufs Experiment. Niemand repräsentierte die Aufbruchsstimmung damals im jungen vereinten Deutschland musikalisch so treffend wie Die Prinzen.

Im neuen Jahrtausend allerdings ist es ruhiger geworden um die Kultband der 90er Jahre. Schade, denn plötzlich waren A-cappella-Nachfolger wie die Wise Guys, Basta und Maybebop enorm erfolgreich. Und deren Erfolg wäre ohne die Wegbereitung der Prinzen gar nicht möglich gewesen. Umso erfreulicher ist es, dass Xavier Naidoo das Potential der Band erkannt hat und die beiden Leadsänger Tobias und Sebastian mit in die zweite Staffel von „Sing meinen Song“ nahm. Plötzlich sind sie wieder in aller Munde und es gab einige wundervolle Momente. Ich denke da an Yvonne Catterfelds gewagt-laszives Medley „Küssen verboten / Alles mit’m Mund“, Andreas Bouranis „Schlaflied“ und die Prinzen-Version von „Nur in meinem Kopf“. Trotz der deutlich gealterten Protagonisten ist da genügend Energie im Vortrag und in den zeitlosen Songs.

Pünktlich zur TV-Präsenz und dem anstehenden Jubiläum steht dann auch ein neues Album in den Regalen. Jetzt könnte man ja meinen, die Bandproduktion mit Xavier hätte dazu geführt, dass es wieder in Richtung instrumental arrangierter Songs geht, wie das bei den meisten der letzten Alben und Stücke der Fall war. Aber weit gefehlt! Tatsächlich besinnen sich die Prinzen auf ihre wahre Stärke und legen ein Album in der Tradition der ersten beiden CDs vor. Das macht mich glücklich. Fünfstimmiger Satzgesang, dezente Musikbegleitung. Die wahren Stärken werden voll ausgespielt. „Wir haben nach unserem Debüt, das auch rein A Cappella war, viel experimentiert, jetzt liegt das Hauptaugenmerk wieder auf dem Gesang“, erklärt Sebastian Krumbiegel. „Das Konzept war: Es sollen ausschließlich Stimmen zu hören sein, plus Schlagzeug und Bass. Also genau die Besetzung, in der wir auch live auftreten. Und die gibt es auch auf der Platte.“

Thematisch tummeln sich Die Prinzen in der ganzen Bandbreite humoristischer und ernster Lieder. Die erste Single ist ein After-Love-Song namens „Er steht im Regen“ – melancholisch und anspruchsvoll. Ebenso „Kann ich noch etwas für dich tun?“. „Unsre besten Zeiten“ ist ein optimistischer Gute-Laune-Hit. Hinzu kommen einige lustige Kracher. „Es gibt zu viele Gitarristen“ – davon kann mancher Musiker ein Lied singen. Oder der Mann, der einfach nicht nach Hause gehen will: „Ulf-Dietrich“. Den kennen alle Nachtschwärmer und Konzertveranstalter. Die Ideen gehen den Prinzen noch lange nicht aus, auch wenn die natürliche Leichtigkeit der ersten Alben ein wenig gelitten hat. Trotzdem reicht es noch für 50 Minuten ohne Langeweile. Besonders der melancholische Abschluss „Vielleicht sterb ich ja heute Nacht“ hat es mir angetan. Der Monolog im Blues-Weltschmerz eines Besoffenen ist einfach großartig. So etwas hat es seit Lindenbergs „Unterm Säufermond“ nicht mehr gegeben.

Was mir zum persönlichen Glück fehlt (und das ist Jammern auf hohem Niveau), wäre eine noch stärkere Betonung des A-cappella-Gedankens. Wenn man Stücke der Prinzen ohne Instrumentierung hört, erkennt man das hohe Potential in dieser Richtung. Meine Hoffnung ist es ja immer noch, dass die Leipziger auf ihrer Jubiläumstour im Herbst eine ausgedehnte A-cappella-Sequenz einbauen. Warum diese Spielwiese allein Nachfolgern wie den Wise Guys oder Basta überlassen?