Die Fantastischen Vier drücken die „Rekord“-Taste

VERÖFFENTLICHUNG» 24.10.2014
BEWERTUNG» 8 / 9
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25 Jahre – die Fantastischen Vier freuen sich über ihre Silberhochzeit und wollen das gebührend feiern. Da macht es gar nichts aus, dass sie mit einem Außenposten in „The Voice Of Germany“ endgültig zum Establishment gehören. Nach 25 Jahren haben Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon vielleicht viel gesehen und erlebt, aber eines noch lange nicht: Die Schnauze voll. Das hört man dem aktuellen Album „Rekord“ in vielen Facetten an. Wenn man heute in ihnen den typischen Sound des deutschen HipHop ausmacht – wer hätte 1989 gedacht, dass es ein Genre wie deutschen HipHop überhaupt jemals geben wird? Vorreiter, Wegbereiter, Ideengeber… ganz egal. Die Fantas drücken auf dem Albumcover die „Rekord“-Taste und lassen uns an der Gegenwart teilhaben.

Das Album startet mit dem Sample „25 Years“ und der Vergangenheitsbewältigung, die wir als Single schon seit Wochen in den Gehörgängen haben. Dann aber geht es endlich richtig los! „Heute“ ist ein spannender, philosophisch geprägter Song im alten Fanta-Style. Ein Song, den man einfach lieben muss. Ebenso wie „Und los“, das kurze orchestrale Momente mit sich bringt und gesanglich ins Schlagerhafte abgleitet, wenn der Chorus die drei berühmten Töne aus „Ti amo“ in Endlosschleife wiederholt. Wundervoll grotesk!

Für Puristen wird aber auch genügend Wortwitz geboten, beispielsweise in „Lass sehen“, dass die Marotten der Facebook-Welt kritisiert, und in dem herrlich perfiden „Typisch ich“, das in die gleiche Kerbe schlägt und Selbstdarsteller aller Art parodiert. Das Highlight für mich ist ganz klar der Titel „Single“, der sich nicht etwa dem einsamen Liebesleben widmet, sondern eine Lanze für den Longplayer im Gegensatz zur Single bricht. Das spricht mir als klassischem Album-Hörer doch zutiefst aus der Seele und die Fantas gewinnen dem Begriff „einsame Spitze“ für den Nummer-1-Hit eine herrliche neue Bedeutung ab. Noch ironischer wäre es meiner Meinung nach, genau diesen Song auszukoppeln und damit die Charts zu stürmen. Ich bin gespannt, ob sie diesen Weg gehen.

Die Freundschaft dieser vier verschiedenen Typen, die Symbiose zwischen den Charakteren, die Einheit, die diese vier Schwaben bilden, ist eine Kreativitätswalze, die, was immer man auch versucht, einfach nicht gestoppt werden kann. Da sind sie ganz vorne mit der bewusst eintönigen Hommage „Disco“ und einer wundervollen Miss Platnum, die den Refrain gelangweilt an sich abtropfen lässt. Ein Paradestück. Ebenso „Frieden wie denn“, das in seiner mechanischen Textfolge an den lamentierenden Engel aus Heinrich Bölls „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ erinnert.

Zum Schluss gibt es noch eine typische Song-Predigt von Thomas D, der in „Gott ist mein Zeuge“ eindringlich seine Philosophie unters Volk bringt, und den Oldschool-Song „Das Spiel ist aus“, der eben jene Textzeile aus der Moderation des WM-Endpiels 1954 sampelt. Die Fantastischen Vier haben acht Studioalben eingespielt, vier Konzert- und zwei MTV-Unplugged-Alben aufgenommen und gaben ein gefeiertes „Heimspiel“ vor 65.000 Zuschauern in Stuttgart. Sie übertrugen das erste Live- Konzert in 3D auf rund 100 Kinoleinwände und sind auch nach 25 Jahren immer noch für ein fantastisches Album gut. Alt werden sollen gefälligst andere.