Acht Städte, acht Songs, eine Achterbahnfahrt: Foo Fighters „Sonic Highways“

VERÖFFENTLICHUNG» 10.11.2014
BEWERTUNG» 7 / 9
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Im kommenden Jahr feiern die Foo Fighters ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Wenn man sich anschaut, was die Band alleine seit der Veröffentlichung ihres letzten Albums „Wasting Light“ so alles auf die Beine gestellt hat, dann fragt man sich, was da noch kommen soll. Das Album wurde analog in Dave Grohl’s Garage aufgenommen und schaffte es direkt auf Platz 1 der deutschen, britischen und US-amerikanischen Charts. Es folgte der mit einem Grammy dekorierte Film „Sound City“, eine Hommage an das gleichnamige Studio in Van Nuys, einem Stadtteil von Los Angeles und der dazugehörige Soundtrack „Real To Reel“. Aber Dave Grohl wäre nicht Dave Grohl, wenn er nicht da schon von der Absicht getrieben gewesen wäre, all das mit dem nächsten Album noch zu übertreffen. Ansonsten hätte er sich nach dem Zusammenbruch von Nirvana auch längst zur Ruhe setzen und seinem Tantiemen-Konto beim Wachsen zuschauen können.

Doch weit gefehlt! Dave Grohl nahm sich nichts geringeres vor, als gleich mal die musikalische Identität von ganz Amerika zu entschlüsseln. Also ging er mit Taylor Hawkins, Nate Mendel, Chris Shiflett und Pat Smear auf eine Reise durch Austin, Chicago, Los Angeles, Nashville, New Orleans, New York, Seattle und Washington DC. Die Foo Fighters tauchten in die Musikgeschichte und das kulturelle Leben dieser Städte ein, schlugen ihr Quartier in jeweils einem legendären Studio auf, das die einzigartige Geschichte und den Charakter des Ortes geprägt hat und nahmen – unter Beteiligung lokaler Musiker – in jeder Stadt einen Song auf. Aus acht Städten und acht Songs ist schließlich ihr achtes Studioalbum mit dem treffenden Titel „Sonic Highways“ geworden. Am Mischpult saß dabei erneut Butch Vig, der bereits den Vorgänger produziert hat.

Das Album teilt sich seinen Titel mit einer acht Folgen umfassenden Dokumentarserie, bei der Dave Grohl natürlich auch Regie führte. Hierzulande ist das Making Of lediglich auf dem Spartenkanal „Spiegel Geschichte“ zu bewundern, weil sich erstaunlicherweise kein anderer Sender die Rechte daran sichern wollte. Ein Fehler, denn nach allem was man bisher von „Sonic Highways“ zu sehen bekam, ist es tatsächlich ein ebenso einfühlsamer wie spannender Streifzug durch die amerikanische Musikgeschichte geworden. Jede Folge zeigt die regionale Identität der jeweiligen Stadt, wie die Umgebung die Musiker in ihrer Entwicklung prägte und welchen Einfluss diese umgekehrt auf die Kultur ihrer Heimatstadt hatten. Und obwohl es sich bei dem Album keineswegs um einen Soundtrack im eigentlichen Sinne handelt, muss man die einzelnen Songs immer im Kontext zu den Städten sehen, in denen sie entstanden sind.

Im Opener „Something From Nothing“ beklauen sich die Foo Fighters erstmal selbst. Das Intro erinnert stark an „Skin And Bones“ aus ihrem Live-Akustik-Album von 2006. „Something From Nothing“ hätte sich auch gut auf „Wasting Light“ gemacht, direkt hinter „Dear Rosemary“. Wie so häufig baut sich der Song zunächst langsam auf, um dann nach hinten raus voll abzugehen. Es folgt mit „The Feast And The Famine“ ein solider Mitgröhl-Rocker für die nächste Stadiontournee. Soweit nichts Neues also. In „Congregation“ besinnt sich das Quintett dann zum ersten Mal seiner eigenen Wurzeln und lässt dazu ein wenig Nashville-Country-Feeling aufblitzen. Die Foo Fighters beschwören die Zeiten vor „Echoes, Silence, Patience & Grace“, jenem Album, das sie 2007 endgültig in die Liga der Weltstars katapultierte. Anschließend schnüren sie mit „What Did I Do / God As My Witness“ einen knapp sechsminütigen Doppelpack, der aus dem Southern Rock der Siebziger Jahre geboren ist, dann aber fast schon melodramatisch in Richtung Aerosmith abdriftet und irgendwie zu hektisch ausfaded. Keine Offenbarung.

Da macht „Outside“ mit seinen zweistimmigen Gitarren schon deutlich mehr Spass. Der Mittelteil klingt wie eine schnaufende Lokomotive, die sich ihren Weg durch die Wüste bahnt, während die Foo Fighters im Speisewagen eine Mahlzeit aus Stoner und Desert Rock servieren. Bei „In The Clear“ feiern wir ein Wiedersehen mit den seit „Wasting Light“ typischen Stromschlaggitarrenriffs, wobei alles drumherum mehr oder weniger träge vor sich hin plätschert und wie ein Heißluftballon wirkt, der an seinen Seilen zerrt, aber nicht losfliegen darf. Auch „Subterranean“ bleibt irgendwo im gebremsten Schaum stecken. Es scheint fast so, als habe die Band Angst vor der eigenen Courage bekommen. Am Ende steht mit „I Am A River“ der längste Song des Albums. Er beginnt fast schon sphärisch, wird einschmeichelnd, dann langsam wütender. Wenn man Fernweh hören könnte, dann würde es so klingen. Bis zum melodramatischen Ende inklusive Streicherbegleitung. Vielleicht ist „I Am A River“ der beste, weil Foo Fighters-untypischste Song des Albums und weil er zum Abschluss noch einmal nahezu alle Facetten von „Sonic Highways“ in sieben Minuten und acht Sekunden in sich vereint.

Ohne Zweifel ist „Sonic Highways“ das experimentellste aller bisherigen Foo Fighters-Alben. Die Band hat es sich nicht leicht damit gemacht und wahrscheinlich lässt sie den ein oder anderen Fan und Kritiker mit dem Ergebnis zunächst etwas ratlos zurück. So ging es mir jedenfalls und ich fühle mich sogar beiden Gruppen zugehörig. Nicht zu vergessen, dass es von „Sonic Highways“ keine der sonst üblichen Vorab-Bemusterungen, sondern lediglich einen Stream gab, der noch dazu mit einem individuellen Code geschützt und nur zum einmaligen Aufruf bereitgestellt wurde. Die Wirkung mag auf CD und mit vernünfigen Boxen eine andere sein. Oft sind ja gerade die Alben im Nachhinein die besten, die sich erst entwickeln müssen. „Sonic Highways“ gleicht in etwa einer Achterbahnfahrt: Die Spannung vor dem Start, die Angst vor der ersten Kurve, der Magen, der langsam taumelnd seinen eigentlichen Platz wiederfindet und schließlich die Lust es gleich nochmal zu versuchen. Dave Grohl versucht sich an folgender Erklärung: „Ihr werdet die Foo Fighters in diesem Album erkennen, aber ihr werdet genauso überrascht sein. Wir tun Dinge, die wir noch nie zuvor getan haben“.