Hannes Wader verstummt noch lange nicht: „Sing“

VERÖFFENTLICHUNG» 06.02.2015
BEWERTUNG» 8 / 9
ARTIST»
LABEL» ,
Hannes Wader Sing bei Amazon bestellen

Der Grandsegnieur der deutschen Liedermacherszene tut alles, damit die großen politischen deutschen Songwriter nicht verstummen. Das Motto lautet „Sing“ – und damit ist eigentlich schon alles gesagt. So deutlich, dass man diesen Aufruf an sich selbst und alle Gleichgesinnten getrost zum Albumtitel machen konnte. Das Cover zeigt ihn allein mit Gitarre. Und so haben wir ihn am liebsten. Erst letztes Jahr durfte ich den 72jährigen in Trier erleben. Der Theatersaal war ganz erfüllt von seiner Präsenz. Kleine Anekdote am Rande: Vor dem Theater lautierte ein Trierer Grüppchen der NPD gegen die „Verschwendung von Steuergeldern für entartete Musik“. Welche Dummheit und Ironie bei einem ohne Zuschussmittel durchgeführten Konzert eines Künstlers, der in deutscher Sprache singt, dabei nur in kleinen Ansätzen politisch ist und die schreienden Rechten nicht einmal erwähnt, um sie nicht aufzuwerten.

Jetzt heißt die Devise also „Sing“ und die Abstände zwischen den Alben werden zum Glück wieder kürzer. Er trat bei der ECHO-Verleihung (ECHO für Hannes Wader in der Kategorie Lebenswerk) zusammen mit den Toten Hosen auf und wurde erst kürzlich von Universal Music mit einer umfangreichen CD-Edition geehrt, die insgesamt sechzehn lange Zeit nicht erhältliche Alben wieder verfügbar macht, die Wader in den 70ern und 80ern für das linke Pläne-Label aufnahm. Von angehendem Ruhestand zu Glück keine Spur.

Musik, besonders das Singen, hilft bekanntlich durch gute wie schwere Lebenslagen. Vom berühmten Pfeifen im Wald bis hin zum ruhigen Niederlassen dort, wo man singt, weil böse Menschen eben nun mal keine Lieder kennen. „Singen besiegt die Angst“, erklärt Wader im Titelstück. Und geht’s ihm mal schlecht, „ja, dann singe ich erst recht“. Das neue Album ist musikalisch so opulent wie stilsicher ausgefallen. Mal mit Country-Anleihen, mal bluesig, mal griffig-poppig, einmal sogar karibisch-sonnig. Aber auch hier sollte man genauer hinhören, wenn Wader vom Urlaubs-Strandspaziergang singt, bei dem einem plötzlich „etwas Kaltes entlang Algenblätter und Tang“ begegnet, das sich als toter Bootsflüchtling entpuppt. Solche subtilen gesellschaftspolitischen Andeutungen machen seit Jahrzehnten das Werk von Hannes Wader aus und sind doch so viel wirkungsvoller als die Moral mit dem Vorschlaghammer.

Die Titel stammen allesamt aus Waders Feder – das gab es übrigens in diesem Jahrtausend noch nicht, da er immer auch einige Coversongs am Start hatte. Jetzt also 100 % Hannes! Im Mittelpunkt der zehn neuen Songs stehen wie immer Sprache und Botschaft. Lieder mit Message, aber frei von erhobenem Zeigefinger. Mein Highlight ist momentan „Wo ich herkomme“, das sehr persönlich und autobiographisch die Herkunft Waders aus der sogenannten „Unterschicht“ beleuchtet und seine Solidarität ausdrückt.

Das neue Album von Hannes Wader lohnt sich ebenso wie alle rezenten Veröffentlichungen von ihm und seinen kongenialen Weggefährten Konstantin Wecker und Reinhard Mey. Das Trio will und darf nicht verstummen. Und gerade Wader zeigt mal wieder, dass er noch lange nicht handzahm geworden ist. Weiter so!