„Lebenslänglich“ oder 40 Jahre Niedeckens BAP

VERÖFFENTLICHUNG» 15.01.2016
BEWERTUNG» 8 / 9
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In diesem Jahr feiern BAP ihr vierzigjähriges Bestehen. Ab Mitte Mai wird man dies auf einer Jubiläumstour quer durch die Republik ausgiebig feiern. Immerhin gehören BAP zu den erfolgreichsten deutschen Bands aller Zeiten. Elf ihrer Alben landeten auf der Spitzenposition der deutschen Charts, zuletzt das Live-Album „Das Märchen vom gezogenen Stecker“. Bis 1980 trat die Band unter dem Namen Wolfgang Niedecken’s BAP auf, danach bis Ende 2014 als BAP. Nach dem Ausstieg der Bandmitglieder Jürgen Zöller und Helmut Krumminga gab Niedecken bekannt, zukünftig in wechselnden Besetzungen unter der Bezeichnung Niedeckens BAP aufzutreten. Die Musik und die Botschaft hinter all diesen Namen blieb immer die gleiche.

Es hätte wohl keinen besseren Titel für das achtzehnte Album des aktuellen Siebenerpacks um Frontmann Wolfgang Niedecken geben können als „Lebenslänglich“. Denn egal wie die Kölner Formation in den vergangenen vier Jahrzehnten auch immer hieß, man hatte stets das Gefühl, dass sie schon immer da und noch nie weg war. Für viele mag der 40. Geburtstag ein Anlass sein, um wehmütig zurückzublicken. Nicht so für Wolfgang Niedecken. Mit „Lebenslänglich“, übrigens das erste reguläre BAP-Studioalbum seit fünf Jahren, spannt er nach dem Ausflug in akustische Gefilde wieder den Bogen zur Rockband. Im Zuge der Veröffentlichung hat manch ein Kritikerkollege versucht das Album in Zusammenhang mit dem zu setzen, was an Silvester in Köln passiert ist. Das ist natürlich völliger Quatsch. „Lebenslänglich“ war schon vorher fertig, wurde danach auch nicht ergänzt oder sonstwie verändert, wie Niedecken in einigen Interviews der letzten Zeit betont hat. Dass man gerade ihm jedoch eine scharfe Zunge und einen wachen Verstand bei der Beschreibung der speziellen Befindlichkeiten in der Domstadt attestieren kann, steht außer Frage. So findet sich diesmal unter den vierzehn neuen Songs mit „Dausende vun Liebesleeder“ sogar eine rockige Ode an die „schönste Stadt“.

Insgesamt klingt das neue Album wunderbar erdig und warm. Sicherlich ein Verdienst des Produzenten-Duos Ulrich Rode und Anne de Wolff sowie von Stewart Lerman, der „Lebenslänglich“ in New York abgemischt hat. Musikalisch huldigt Niedecken darauf seinen Helden zwischen Tom Petty und Bob Dylan, dessen Stück „Simple Twist Of Fate“ er in „Komisch“ umdichtet. Es sind die politischen Statements, Alltagsbeobachtungen, Geschichten, Geständnisse und Rückblenden, die es neben dem Mix aus Country, Folk und Americana so frisch und abwechslungsreich klingen lassen, als habe die Band nicht schon vierzig Jahre auf dem Buckel. Und ein bißchen Altersweisheit darf man Niedecken inzwischen auch zugestehen, ohne ihm wie so oft eine reflexartige Betroffenheitslyrik vorzuwerfen. Zumal er diese Altersweisheit selbst nur dosiert einsetzt. Etwa in „Et ess lang her“, in dem er quasi mit 34 Jahren Verspätung die Geschichte hinter dem Über-Hit „Verdamp lang her“ erklärt. Am Anfang des Albums steht das Plätschern des Rheins und „Alles relativ“, ein Song, der erzählt, was vor und nach „Verdamp lang her“ so alles passiert ist. Ansonsten wäre Niedecken nicht Niedecken, wenn er den Finger nicht auch in aktuelle Wunden legen würde. Dazu gehören die Flüchtlingsfrage („Vision vun Europa“), die Kriege im Nahen Osten („Absurdistan“) oder das neue deutsche Besorgtbürgertum („Sankt Florian“).

Gastmusiker gibt es auf „Lebenslänglich“ auch. Von Brücken-Sänger Nicholas Müller singt im Refrain von „Dä Herrjott meint et joot met mir“ mit und bei „Die Ballade vom Vollkasko-Desperado“ werden BAP vom Calexico-Trompeter Martin Wenk unterstützt. Dabei sind die wahren Balladen des Albums ganz andere. „Miehstens unzertrennlich“ erinnert an eine Jugendliebe, während „Zeitverschwendung“ an Niedecken’s Frau Tina gerichtet ist. In „Schrääsch hinger mir“ huldigt er dem ehemaligen Schlagzeuger Jürgen Zöller, der zwischen 1987 und 2014 die Felle für BAP bearbeitet hat. Dazwischen liegen noch das tiefenentspannte „Auszeit“ und der Closer „Unendlichkeit“, dessen Textzeile „Lebenslänglich sucht man Zuversicht“ dem Album seinen Namen gab.

Dafür, dass Wolfgang Niedecken nach eigener Aussage am Anfang der Arbeiten an „Lebenslänglich“ kurz vor einer Schreibblockade stand, ist das Ergebnis grossartig geworden. Es ist weit entfernt von der gefühlten Anstrengung, die den BAP-Kosmos eine ganze Zeit lang umgab. Und es ist auch weit entfernt von der Versuchung das Ding nach vierzig erfolgreichen Jahren als Selbstläufer zu betrachten. Um es mit einem Wort zu sagen: „Lebenslänglich“ klingt verdammt souverän. Einigen ihrer berühmten Söhne hat die Stadt Köln bereits ein Denkmal gesetzt. So blinzelt ein bronzener Willy Millowitsch auf dem nach ihm benannten Platz in die Sonne. Oder Heinz Flohe, der vor der Südkurve des Rhein Energie Stadions den Ball in ein imaginäres Tor schießt. Dass es mit der Umsetzung neuer Ideen in Köln ansonsten auch mal etwas länger – ich möchte nicht gleich sagen vierzig Jahre lang – dauern kann, das weiß natürlich auch Wolfgang Niedecken. Deshalb hat er sich mit „Lebenslänglich“ sein Denkmal kurzerhand selbst geschaffen.

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