Lunatic Soul – Walking on a Flashlight Beam: Mariusz Duda tanzt auf Lichtstrahlen

VERÖFFENTLICHUNG» 17.10.2014
BEWERTUNG» 9 / 9
ARTIST»
LABEL»
Lunatic Soul Walking on a Flashlight Beam bei Amazon bestellen

Es gibt sie selten, aber es gibt sie – diese Alben, die dich weghauen, in deinen Alltag einbrechen, dich gefangennehmen, nicht mehr loslassen und nach denen du dich wie nach einem Geliebten sehnst, wenn du sie länger nicht gehört hast. Diese Alben, die dich morgens mit dieser Sehnsucht aufwachen lassen, und an die du immer noch zurückdenkst, selbst wenn ihre Zeit schon längst vorbei ist … Für mich waren das Alben wie „Pretty Hate Machine“ von Nine Inch Nails, „Disintegration“ von The Cure oder die „Violator“ von Depeche Mode – drei Bands, von denen ich mich als Jugendliche (aber auch später noch) regelrecht ernährt habe. Lunatic Soul gehört definitiv zu diesen Bands. Doch der Reihe nach.

Vor einer Woche bekam ich die Chance, das neue – und vierte – Album von Lunatic Soul zu reviewen. Lunatic Soul ist das Soloprojekt von Mariusz Duda, dem Frontmann der polnischen Progressive-Rock-Band Riverside, die sich in den letzten Jahren einen Platz im Prog-Olymp erspielt haben. Wer mich kennt, weiß, dass ich Riverside und Lunatic Soul abgöttisch liebe, auch wenn sich die beiden musikalisch stark voneinander unterscheiden. Rockmusik wird man nämlich vergeblich bei Lunatic Soul suchen, denn hier schaltet und waltet Mariusz Duda ganz allein und lebt die eher dunkle und geheimnisvolle Seite seiner Persönlichkeit aus. Was das Genre angeht – schon vor mir sind andere Leute daran gescheitert, LS zu beschreiben, aber so etwas wie Elektro-Ambient-Ethno-Postprog-Psychedelic-Sphärenpop gibt vielleicht ein wenig wieder, was einen hier erwartet.

Einzelne Songs zu charakterisieren, ist meistens öde und vermiest mir das Rezensionenschreiben, weil ich nicht unendlich viele Adjektive zur Verfügung habe. Man möge mir nachsehen, dass rein technische Beschreibung von Musik mir auch nicht liegt. Was „Walking on a Flashlight Beam“ angeht, so finde ich Adjektive wie atemberaubend, hypnotisierend und seligmachend ziemlich passend. Ich musste nicht 50 Mal reinhören, bis sich mir die Musikwelt erschlossen hat – ich spielte den ersten Song an und war schon direkt in Dudas Musik-Universum, ein Universum aus sphärischen Klängen, hypnotischen Rhythmen – und ziemlich tanzbaren Beats. Man kann sogar den einen oder anderen Song als elektronischen Clubhit bezeichnen. Das ziemlich poppige, aber auch düstere „Cold“ z. B., aber vor allem „Gutter“ den absoluten Überüberübersong auf diesem Album. Ein Song, der mir beim ersten Hören und viele Male danach die Tränen in die Augen getrieben hat, einfach nur weil er so wahnsinnig schön ist, düster, anmutig und gleichzeitig tanzbar und euphorisierend (diese Bässe, sag ich nur!). Ich würde diesen Song am liebsten heiraten, ohne damit den anderen Tracks des Albums auf die Füße treten zu wollen. Sie sind alle fantastisch.

WOAFB bietet dem geneigten Hörer alles, was man so an Bands, die ich eingangs genannt habe, schätzt. Der acht Minuten lange Titelsong „Walking on a Flashlight Beam“ z.B. vereint für mich NINs Minimal-Elektro mit den späteren Depeche Mode und teilweise curigen Melodieläufen aus der Disintegration-Zeit. Das sind natürlich alles Hilfskonstruktionen, denn Lunatic Soul hat einen eigenen Sound und spätestens Mariusz einzigartige Stimme macht daraus ein unverkennbares Produkt. Natürlich hört man auch hier und da Riverside heraus, immerhin stammt auch da das Meiste aus Dudas Feder, aber es ist eben wie eine nackte, fragile Version von dem, was man bei Riverside gewöhnt ist. Lunatic Soul ist eher wie die Filmmusik zu einem Arthouse-Film, und WOAFB ein Film über das Leben einer in sich gefangenen Seele, eines Autisten, aber vielleicht auch eines Menschen, der mitten unter uns lebt, aber nicht dazugehört. Das Dunkle ist dabei das innere Gefängnis, und das Licht die Welt draußen, die bedrohlich und begehrenswert zugleich ist. Überhaupt ist das Thema Licht und Dunkel die Grundlage für alle Texte von WOAFB, ohne dass man gleich von einem Konzeptalbum sprechen muss (Konzeptalben sind auch ziemlich überbewertet …).

Bevor ich mich jetzt weiter in schwülstigen Beschreibungen verliere oder in eine akademische Textanalyse gehe, hör ich lieber auf. Ich denke, die Botschaft ist angekommen. Nur noch das: In Zeiten, in denen sich Opeth, Haken und Steven Wilson usw. darin übertrumpfen wollen, besonders bombastisch, spitzfindig und kompliziert zu klingen, ist es eine Wohltat, Musik zu hören, die einfach nur sein will. Für mich ist WOAFB definitiv das Album des Jahres, aber auch ganz sicher eines jener Alben, die mich immer begleiten werden – das steht für mich außer Frage.

Anspieltipp: Gutter. Und dann alle anderen.