Max Raabe verbringt „Eine Nacht in Berlin“

VERÖFFENTLICHUNG» 28.11.2014
BEWERTUNG» 7 / 9
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„Kein Schwein ruft mich an“ – so klagte Max Raabe bereits 1992 vor Beginn des Handy-Booms und berührte mit diesem Schlager im Stil der Comedian Harmonists das deutsche Publikum. Gemeinsam mit seinem Palast Orchester bringt er seither erfolgreich die goldenen 20er und 30er Jahre weltweit in die Konzertsäle zurück.

Seine Konzerte sind eine willkommene Zeitreise in die Gepflogenheiten jener Zeit. Er tritt elegant gekleidet auf, lässt sich von seinem vorwiegend männlichen Orchester zuzüglich Quotenfrau gekonnt begleiten und besticht vor allem durch seine überaus höflichen Ansagen. Wo erlebt man es heute noch, dass ein Künstler sein Publikum siezt? Mitzuerleben (fürs Auge wie fürs Ohr) ist das nun auf der neuen Liveproduktion im CD-/DVD-Format.

„Eine Nacht in Berlin“ ist das beeindruckende Ergebnis einer aufwändigen Konzertfilm-Produktion im Berliner Admiralspalast, die das gesamte künstlerische Schaffen dieser einzigartigen Besetzung dokumentiert. Max Raabe und seine Kollegen vom Palast Orchester sind bei der Auswahl der Arrangements ihres musikalischen Repertoires immer auf der Suche nach dem Besonderen und so ist auch diese Produktion alles andere als ein gewöhnlicher Konzertmitschnitt. Es ist die erste Live-Produktion seit den Erfolgsalben „Küssen kann man nicht alleine“ und „Für Frauen ist das kein Problem“. Damit wird der Mitschnitt zur musikalischen Momentaufnahme der letzten Programme.

Mit seiner präzisen Stimme interpretiert Max Raabe diese Titel so authentisch, als käme er selbst direkt aus dieser Zeit. Wenn der Künstler mit seinem distinguierten Bariton mit Wehmut und leiser Ironie von unerfüllter Liebe, Eifersucht und Lebenskrisen singt, fühlt man sich im ersten Moment wie in eine andere Zeit versetzt. Die Lieder nehmen jedoch oft überraschende Wendungen und offenbaren sich mit wenigen Worten plötzlich als äußerst modern. Besonders gut gefallen mir Raabes gelegentliche Ausflüge in die englische Sprache („Smoke Gets In Your Eyes“, „Night And Day“) und die Interpretationen altbekannter Klassiker wie „Mein kleiner grüner Kaktus“. Wie selbstverständlich bilden dabei die modernen Kompositionen – die interessanterweise oft aus der Feder von Annette Humpe stammen – zusammen mit dem Repertoire der 20er- und 30er-Jahre ein harmonisches Ganzes.

Eigens gedrehte Zwischenszenen wurden nachträglich in den Konzertfilm eingefügt. So würde meine Wahl ganz klar auf die DVD fallen, da sie als Gesamtpaket stimmig ist. Wer sich für die CD entscheidet, erhält nicht das komplette Konzert, aber eine gelungene Auswahl der Setlist in Gestalt eines Silberlings. Auch ohne den visuellen Aspekt ein Genuss.