Mumford & Sons kehren mit „Wilder Mind“ der akustischen Musik den Rücken zu

VERÖFFENTLICHUNG» 01.05.2015
BEWERTUNG» 6 / 9
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„Alles Neue macht der Mai“ – das haben sich offensichtlich auch die vier Briten der erfolgreichen „Folkrockband“ um Frontmann Marcus Mumford gedacht. Nach ihrer Welttournee gönnte sich die 2007 gegründete Band nach fünf Jahren schließlich eine wohlverdiente Pause. Doch was diese Auszeit für Auswirkungen auf ihr drittes Album „Wilder Mind“ haben sollte, das konnten sich ihre Fans sicher in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen, da keiner der neuen Songs jemals live gespielt worden war.

Mumford & Sons eroberten unsere Herzen mit ihrem hinreißenden, dramatischen Folk-Rock der Vorgängeralben „Sigh No More“ und „Babel“ im Sturm, doch genau diesem beliebten Sound kehren sie nun bewusst den Rücken zu. Mit dem Beginn der Arbeit an ihrem aktuellen Album hat die Band wohl durch die intensive Zusammenarbeit mit Aaron Dessner von The National und dem Produzenten James Ford, der zuvor schon mit Künstlern wie den Arctic Monkeys und Florence + The Machine zusammenarbeitete, neue Wege eingeschlagen. Aus dem Wunsch heraus sich nicht zu wiederholen, sowie der internen Stärkung der Teamarbeit beim Songwriting, hat die Entstehung der Stücke und die Auswahl der Instrumente durch alle Bandmitglieder zu einem anderen musikalischen Ansatz geführt.

Schon bei der ersten Single-Auskopplung „Believe“ offenbart sich dem Hörer schnell, wohin die musikalische Reise im aktuellen Album geht. Zugegebenermaßen liegt beim ersten Hören nicht gerade der Gedanke an Mumford & Sons nahe: mit verzerrten Gitarren, Synthies, opulenten Arrangements und der getunten Stimme Marc Mumfords erinnert der Sound eher an Coldplay als an unsere heiß geliebten Folkrocker. Leider verhält es sich prinzipiell bei allen zwölf Tracks von „Wilder Mind“ genau so, weshalb sich meine Euphorie für das neue Album zunächst noch in Grenzen hält.

Der Opener „Tompkins Square Park“ hört sich aufgrund der reduzierten Drumlinie und der Art des Sounds, ohne zuvor überhaupt die Hintergrundinformation gelesen zu haben, eher nach dem typischen Stil von The National an. Offensichtlich ist, dass die Drums eine neuentdeckte wichtige Stellung in den Songs einnehmen, auch wenn diese vorerst wohl ausschließlich vom Drumcomputer erzeugt werden. In „The Wolf“ lassen sich noch ansatzweise Reste der früheren dynamischen Songstrukturen erkennen, jedoch dominiert den Song ein sich stets wiederholendes „Auf und Ab“ der Instrumentierung und Intensität und verliert dadurch wiederum an Spannung. „Wilder Mind“ kommt ruhiger, durch den eintönigen Drumrhythmus aber auch etwas langweilig daher. Ähnlich klingt dann auch die Mehrzahl der Titel, Ausnahmen bilden lediglich die seichten Balladen wie „Broad-Shouldered Beasts“ oder „Cold Arms“, sowie „Only Love“, in denen noch ein wenig der Spirit der Akustiksongs steckt. Der Sound wirkt insgesamt ziemlich breit, zeitweise fast lärmig und extrem E-Gitarren lastig, nur noch vereinzelt findet man hier und da ein paar Pianoklänge. Doch wo sind die faszinierenden Spannungsbögen, die mehrstimmigen Harmonien und ihre wundervoll fesselnden Melodien geblieben?

Einen wirklichen Gefallen haben uns Mumford & Sons mit dem globalen, stadiontauglichen Stil von „Wilder Mind“ nicht getan, obwohl selbst die neuen teils hymnischen Songs voller Energie, Dramaturgie und Gefühl sind. Ihr jetziger Sound lehnt sich eben mehr an den amerikanischen Alternative Rock an, wie er jedoch von hervorragenden Bands wie The Airborne Toxic Event schon seit Jahren praktiziert wird. Damit hat das britische Quartett also im Grunde nichts Besonderes oder gar Neues hervorgebracht. Vermissen werden wir ohne Frage den sympathischen folkigen Touch, mit dem Mumford & Sons uns einst in ihren Bann gezogen haben. Da können wir nur hoffen, dass Sie uns wenigstens bei ihren Live-Performances ihren eigenen Enthusiasmus für ihr neuestes Werk vermitteln können und dabei ihre „alten“ akustischen Songs nicht zu kurz kommen lassen, für die sie vor allem nicht vergessen sollten das geliebte Banjo auszupacken.