Pink Floyd: „The Endless River“ – das Denkmal wird nicht zerstört

VERÖFFENTLICHUNG» 07.11.2014
BEWERTUNG» 8 / 9
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Es hätte ein großes Desaster werden können, was David Gilmour und Nick Mason da im fünfzigsten Jahr ihrer Band Pink Floyd planten. Ein letztes, ein abschließendes Album. Mit vor allem Instrumentals, die aus den Sessions zu „The Division Bell“ hervor gegangen sind. Resteverwertung? Ausverkauf? Hat man das nötig? Die Gefahr, das eigene Denkmal nachhaltig zu beschädigen war schon groß. Das esoterische angehauchte Cover und der kryptische Titel „The Endless River“ taten im Vorfeld auch nichts dazu, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Aber – verdammt noch mal – wir reden hier von Pink Floyd! Hat wirklich jemand geglaubt, David und Nick wärmen hier etwas Halbgares auf, nur um kurz vor Toresschluss nochmal „Hier!“ zu rufen? Das wäre ein Armutszeugnis. Und zeitweise konnte man das Gefühl haben, dass die beiden selbst dem Braten nicht mehr trauen. Die Geheimniskrämerei mit abgesagten Interviews und wichtigtuerischen Listening-Session wurde größer. Es sickerte durch (was eigentlich schon länger bekannt war), dass „The Division Bell“ ursprünglich ein Doppel-Album mit starkem Ambient-Anteil auf Teil 2 werden sollte und dass das neue Album nun das fehlende Glied dieses 20 Jahre alten Releases sei.

Und jetzt ist es da, das fünfzehnte Studioalbum einer der größten Bands der Musikgeschichte. Und es ist fantastisch! Nicht im Sinne der großen Konzeptwerke der 70er Jahre, aber im Vergleich dazu, was heute so an Musik auf die Menschheit los gelassen wird. Ich hätte nie geglaubt, dass ich das einmal über ein Album sage, das fast ohne Vocals auskommt, aber „The Endless River“ ist einfach wundervoll. Der Titel bezieht sich auf eine der letzten Zeilen des Songs „High Hopes“ und so schreibt man die Geschichte fort, die vor 20 Jahren begann.

Es ist ein Album für alle Sinne geworden. Man kann es laut im Auto hören, oder im 5.1-Sound im heimischen Wohnzimmer. Gehirn frei machen, Musik rein lassen, Atmosphäre genießen. Wir bekommen alles, was seit Jahrzehnten die Musik von Pink Floyd ausmacht. David Gilmours prägnantes Gitarrenspiel, die rhythmischen Konstrukte von Nick Mason, das Vermächtnis von Richard Wright als kongenialem Partner an den Keyboards, Gilad Atzmon mit einem wundervollen Saxofon-Solo. Es gibt Umweltgeräusche, wie wir das gewohnt sind, Samples aller Art, dezenten Backgroundgesang. Der Song „Keep Talking“ vom letzten Album wird in gewisser Weise fortgesetzt, denn auch „Talkin‘ Hawkin‘“ enthält die roboterhafte Stimme des großen Wissenschaftlers Stephen Hawking.

Ansonsten stehen die Stücke in kleinen Einheiten für sich, die sich zu einem großen Ganzen formieren. Es macht keinen Sinn, einzelne Tracks heraus zu greifen, obwohl sie durchaus sehr verschieden sind. „The Endless River“ muss man am Stück und ohne Unterbrechung hören. Alles andere wäre Unsinn. Der Fluss kumuliert zum großen Finale „Louder Than Words“ ohne viel Pathos, stattdessen mit dezent ausklingenden Lyrics. Ich kann nicht anders, als David und Nick zu diesem sphärischen, durch und durch floydesken Musikstück zu gratulieren. So kann man noch in der Gegenwart erfahren, was diese Band seit Jahrzehnten ausmacht. Daran dürfen sich Nachfolger noch für lange Zeit orientieren.

Mir liegt die CD/DVD-Box vor. Schöne Aufmachung, Bandfoto, Hologramm und dazu ein Hardcover-Booklet. Auf der DVD bekommen wir nicht nur einen starken 5.1-Mix des Albums, der mit entsprechender Hardware jedes Haus zum beben bringen wird, sondern auch „Forschungsmaterial“, dass die Entstehung des Albums klarer werden lässt. Sowohl in visueller als auch auditiver Form gibt es eine Reihe von Sound-Schnipseln aus dem Jahr 1993, die Grundlage für das aktuelle Album wurden. Was abschließend traurig machen kann: Es wird keine Tour zum Album geben – und es war definitiv das letzte Kapitel der Bandgeschichte. „Nachdem Rick gestorben ist, haben wir keine Chance mehr, neues Material aufzunehmen“, so David Gilmour. Das letzte Ausrufezeichen nach 20 Jahren Stille darf auch gerne so stehen bleiben.