Reinhard Mey: „Dann mach’s gut live“ – Musik von Hand gemacht

VERÖFFENTLICHUNG» 01.05.2015
BEWERTUNG» 9 / 9
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Reinhard Mey Dann mach

Im Jahr 2014 hat mich das Reinhard Mey-Fieber gepackt. Ich hatte den Mann noch nie live gesehen, obwohl ich seine Musik schon seit Jahren so liebe. Und was, wenn er plötzlich aufhörte? Das letzte Album hieß „Dann mach’s gut“ und enthielt immerhin einen Song, der Wolfgang Petry im beschaulichen Rentnerdasein besang. Okay – ich denke, man muss sich keine Sorgen machen. Wie sagte Reinhard Mey auf den aktuellen Konzerten? „Der Zenit meiner Karriere liegt ja noch vor mir.“ Recht so!

Trotzdem habe ich es nicht bereut, mir mit den Konzerten in Koblenz, Saarbrücken und Trier gleich drei Auftritte des genialen Songwriters angesehen zu haben. Nur Reinhard mit Gitarre – über zwei Stunden, ganz allein auf der Bühne. Angestrahlt von einem Scheinwerfer, sonst nichts. Und wo es auch war – er nahm den Saal gefangen. Mit seiner Präsenz, den Liedern, seinen emotionalen und humorvollen Ansagen.

Das kann man nun nacherleben auf dem neuen Livealbum „Dann mach’s gut – live“. Reinhard Mey verfolgt seit Jahren eine strikte Politik: Im Jahr eins erscheint ein Studioalbum (logischerweise im Mai). Jahr zwei sieht eine Tournee vor, die in der Regel 60 Auftritte in gut zwei Monaten umfasst. Jahr drei schließlich beschert uns den dazu passenden Liverelease. Ebenfalls im Mai – diesmal sogar am Monats-Ersten. Und es sieht auch nicht so aus, als wolle der Barde sich zur Ruhe setzen. Pläne für das Album 2016 scheinen schon recht konkret zu sein.

Was aber bietet der aktuelle Release? Den Mitschnitt eines Tour-Höhepunkts, nämlich eines Konzerts in Berlin zum Abschluss der Tour. Mey thematisiert auch dieses Nachhausekommen und entführt die Hörer auf eine durch und durch biographische Reise. Die Setlist war auf allen Konzerten der Tour gleich, doch das hatte mich auch als mehrmaligen Konzertbesucher an keiner Stelle gestört.

Es ist faszinierend, wie Reinhard Mey uns auf seine Reise mitnimmt. Thematisch geht es zunächst um das Leben als Musiker. Der neue Song „N‘abend“, dazu passend „Freundliche Gesichter“, das autobiographische „Spielmann“ und die Hommage „Wolle“ passen da perfekt rein. Anschließend thematisiert er die Liebe zu seiner Frau Hella. Wir hören „Wenn du bei mir bist“ und „Ich liebe dich“. Betörend gut und atemberaubend, vor allem wenn man selbst die Liebste neben sich sitzen hat.

Eine humorvolle Passage gibt uns „Der Biker“ als Entschuldigung an die berühmte Annabelle, einige Kühe on the road, die Hommage „Alter Freund“ an den Wein und das beliebte „Danke, liebe gute Fee“. CD 1 und damit die erste Konzerthälfte endet dann mit einem schwierigen Titel. „Lass nun ruhig los das Ruder“ geht an den Sohn Max, der nach vielen Jahren im Wachkoma Mitte 2014 verstarb. Nach diesen emotionalen Lyrics braucht man erst einmal Zeit zum Durchatmen.

Doch auf CD 2 geht es ebenso persönlich und eindringlich weiter. Die Satire „Das Narrrenschiff“ widmet sich der aktuellen politischen Lage. Ja, Mey kann auch noch Politik, wenn er sich dabei auch stärker zurück hält als seine Kollegen. Dann geht es zurück ins Familiäre: Songs an die Enkelkinder. Die neu hinzu gekommene Generation hat den Songwriter inspiriert, wie dies jede Veränderung in seinem Leben getan hat.

„Vaters Mantel“ berichtet von Leidenschaften – beruflichen wie privaten. Danach folgt ein Exkurs zu Meys ganz persönlicher Leidenschaft, dem Fliegen. Wundervoll, dass er „Lilienthals Traum“ und „Über den Wolken“ wieder ausgepackt hat. Beim Hören des Albums wird deutlich, wie bewusst der Liedermacher die Setlist ausgewählt hat und wie stark sie als Einheit funktioniert.

Zum Ende geht es um die Tochter („Spangen und Schleifen und Bänder“) und den verstorbenen Sohn. Nach „Dann mach’s gut“ gehen die Lichter im Saal aus und man fragt sich, wie Reinhard Mey nach diesen emotionalen Lyrics, die vielen Tränen in die Augen treiben, weiter machen kann. Doch es geht. Mit dem, was immer hilft, wenn man nicht mehr weiter weiß: „Ein Stück Musik von Hand gemacht“. Im Zugabenblock finden sich das nostalgische „Viertel vor sieben“, das die Kindheit besingt. Ein Wunsch, den sicher jeder Anwesende nachempfinden kann. Um zum Abschluss gibt es „Gute Nacht Freunde“ – den Klassiker. Reinhard Mey erlaubt den Zuschauern, die bisher fotografisch und filmisch erfreulich zurückhaltend waren (das habe ich auf drei Konzerten so erlebt), diesen Song mitzuschneiden, da nun das Lampenfieber überwunden sei und er sich keine Sorgen mehr um Textaussetzer mache.

Die letzte Tour von Reinhard Mey war vielleicht seine emotionalste. Er packt sein Publikum und lässt es für über zwei Stunden nicht mehr los. Und danach setzt er sich dann noch geduldig hin und gibt Autogramme. So erlebt man den großen Künstler während der Tour: publikumsnah und ohne Allüren. Ich hoffe, dass er noch lange weiter macht und wir auch in Zukunft von seinen Weisheiten profitieren können, egal ob im Studio oder live.