Tom Lüneburger und das Kino im Kopf: „Head Orchestra“

BEWERTUNG» 8 / 9
DATUM» 23.01.2015
ARTIST»
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Als Musiker tätig ist Tom Lüneburger bereits seit Ende der 90er Jahre, damals noch mit der Band MyBalloon. Nach deren Auflösung 2006 machte er alleine weiter – mit stetig wachsendem Erfolg. Mit dem ersten Soloalbum „Good Intentions“ tourte er fast eineinhalb Jahre durch Deutschland und Europa und konnte dabei auch das Publikum in London, Paris und Kopenhagen überzeugen. Viele Konzerte, meist nur mit Stimme und Gitarre bewaffnet, um sich in ursprünglichster Form dem Publikum mitzuteilen. Inzwischen wird die Produktion größer und spektakulärer – die Authentizität ist allerdings geblieben.

„Head Orchestra“ heißt das Album, zu dem Tom Lüneburger sagt: „Kopfkino. Der immerwährende Film im Kopf. Das ewig spielende Orchester der Gedanken. Wohin mit all dem Getöse? Ab ins Studio und raus damit. Meine Songs entstehen sehr reduziert und oft höre ich das Orchester dazu. Diesmal sollte es mitspielen“. Das Ergebnis ist groß arrangierter Songwriterpop. Tom Lüneburgers Songs sind musikalische Trips in die Tiefe der eigenen Seele – mit einer Melancholie, die heilsam ist, weil sie entspannt. Er singt konsequent auf Englisch, und das ist okay so. Wenn man ihn sieht, denkt man zunächst an Kurt Krömer (Berliner Schnauze inklusive), doch sein Gesang ist einzigartig und betörend.

In den zurückliegenden zwei Jahren hat Tom jede Menge Musik zusammengetragen, aber fast alle Stücke des neuen Albums sind im letzten Sommer entstanden, den er mit ein paar Freunden in einem alten Landhaus mitten im Nirgendwo verbracht hat. Fast drei Monate Stille, heiße und sternklare Nächte, zu viel Rotwein, viel zu viele Zigaretten. Ohne die Möglichkeit der Ablenkung, immer konfrontiert mit dem eigenen Ich. Anstrengend und intensiv, aber auch lehrreich und produktiv. Atmosphärische, klar strukturierte Songs, melancholisch, aber am Ende doch auch immer mit dem Versuch der Versöhnung. Mehr Pop, aber auch mehr Tiefe.

Das Thema des Albums ist Verlust. Es geht um die Auseinandersetzung mit Angst und Schmerz, dem wandeln auf dem schmalen Grat zwischen wehmütiger Melancholie und völliger Verzweiflung. Wenn alles zu viel wird. Über die Konfrontation mit Situationen und Geschehnissen, die kaum auszuhalten sind, die die eigene Kraft übersteigen, und am Ende die stets immer gleiche Frage aufwerfen: Was bleibt? Es geht um loslassen, neu anfangen und die Suche nach dem ganz eigenen Weg.

Diesmal ist Tom Lüneburger endlich das ganz große Album gelungen. Die Stücke sind fein durchstrukturiert und funktionieren vom ersten Moment an. Leicht und beschaulich schweben die Melodien. Die Gitarre dominiert, elektronische Klänge kommen hinzu – er probiert viel Neues aus. Wirklich laut wird es nur in ganz besonderen Momenten. „Losing You“ schwebt thematisch über der gesamten Platte. Den wichtigsten Menschen zu verlieren und nichts dagegen tun zu können. „If you were here“ beschreibt das verlassene Landhaus mitten im Nirgendwo und die Sehnsucht.

Tom Lüneburger hat sich seinen Platz in der deutschen Musiklandschaft erkämpft, vor allem erspielt. 250 Konzerte zu den beiden Alben „Good Intentions“ und „Lights“, viele davon ausverkauft, zeugen von einer enormen Spielfreude und einer regen Liveaktivität. Dabei war es ganz egal ob vor 10.000 Leuten als Support der letzen Silbermondtour in den großen Arenen des Landes oder auf den eigenen Clubtourneen. Lüneburger ist ein großer Künstler des Songwriterpop – und das beweist er mit seinem dritten Album.

Tom Lüneburger  Head Orchestra Tour 2015

  • 05.03.2015 Ludwigshafen, dasHAUS
  • 06.03.2015 München, Strom
  • 07.03.2015 Stuttgart, clubCANN
  • 08.03.2015 Zürich, Papiersaal
  • 11.03.2015 Saarbrücken, Garage Klub
  • 12.03.2015 Münster, Sputnikhalle
  • 13.03.2015 Hannover, LUX
  • 14.03.2015 Dortmund, FZW Club
  • 17.03.2015 Erfurt, Museumskeller
  • 18.03.2015 Kassel, Kulturzentrum Schlachthof
  • 20.03.2015 Köln, Gebäude 9
  • 21.03.2015 Bielefeld, Stereo
  • 22.03.2015 Bremen, Kulturbahnhof Vegesack
  • 24.03.2015 Leipzig, Haus Leipzig
  • 25.03.2015 Magdeburg, Feuerwache
  • 26.03.2015 Hamburg, Knust
  • 28.03.2015 Berlin, Frannz