„Sonic Highways“ – Neun Stunden Foo Fighters auf vier DVDs

VERÖFFENTLICHUNG» 03.04.2015
BEWERTUNG» 8 / 9
ARTIST»
LABEL»
Foo Fighters Sonic Highways bei Amazon bestellen

Dave Grohl als Workaholic zu bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung. Für ihn wurde der Begriff „Rockaholic“ erfunden. Ständig brütet der Mann über neuen Ideen und wenn er ein Ziel erreicht hat, sucht er gleich nach der nächsten Herausforderung. 2013 legte Grohl mit der Grammy dekorierten Doku „Sound City“ sein Regiedebüt vor, dem im vergangenen Jahr das hochgelobte achte Foo Fighters-Album „Sonic Highways“ folgte (Hier gibt es unser Foo Fighters „Sonic Highways“ CD-Review). Parallel dazu entstand eine achtteilige HBO-Serie, die das Quintett auf seiner musikalischen Reise durch die USA begleitet. Einer Reise, welche die Foo Fighters von Chicago, Washington, Nashville, Austin und Los Angeles bis nach New Orleans, Seattle und schließlich New York führte. In jeder dieser acht Städte nahm die Band einen Song in einem anderen Studio auf, traf sich mit lokalen Musikgrößen, tauschte sich gegenseitig aus und formte so nach und nach ihre persönlichen „Sonic Highways“. Nachdem die Dokumentation hierzulande bereits im Spartenkanal „Spiegel Geschichte“ zu sehen war, erscheint sie nun auch in einem Paket aus vier DVDs sowie zusätzlich als Blu-ray und via iTunes. Und wer führte Regie? Na klar!

Ein erklärtes Ziel der Foo Fighters war es, dabei den Vibe, das Lebensgefühl und die historische Bedeutung jeder einzelnen Metropole musikalisch und visuell einzufangen und so jedem Song und jeder Folge einen eigenen Stempel aufzudrücken. Um das zu erreichen, tauchten Dave Grohl, Taylor Hawkins, Nate Mendel, Chris Shiflett und Pat Smear tief in den kulturellen Kosmos der Städte ein und bewältigten einen wahren Interviewmarathon. Dave Grohl wechselte die Seiten und fragte Dan Auerbach von den Black Keys, Chuck D von Public Enemy, Billy Gibbons von ZZ Top, Dolly Parton oder Paul Stanley von Kiss und – last but not least – sogar US-Präsident Barack Obama Löcher in den Bauch.

Nun muss man jedoch – selbst als weltgrösster Foo Fighters-Fan – zugeben, dass die „Sonic Highways“-Serie in erster Linie für den amerikanischen Markt konzipiert wurde und für den Betrachter außerhalb der USA deshalb einige Längen aufweist. So ist nicht jedes Interview spannend und nicht an jeder Stadt erkennt man sofort den Reiz des Besonderen. Was den Mehrwert ausmacht, sind die Geschichten hinter den Songs und die Besuche in solch legendären Studios wie Steve Albini’s Electrical Audio in Chicago, Rancho De La Luna in Kalifornien oder dem Robert Lang Studio in Seattle. Da wird selbst Dave Grohl phasenweise wieder zum Kind und freut sich diebisch darüber mit solchen Größen wie Rick Nielsen von Cheap Trick (bei „Something From Nothing“), Zac Brown („Congregation“) oder Joe Walsh von den Eagles („Outside“) musizieren zu dürfen. Und zum Abschluss der Episoden präsentieren die Foo Fighters einen fertigen Song nach dem anderen, mitsamt den Lyrics, die Dave Grohl alle erst am Ende der jeweiligen Aufnahmesession schrieb.

So richtig lohnenswert wird „Sonic Highways“ erst durch das Bonusmaterial. Dazu zählen weniger die ungeschnittenen Versionen diverser Interviews als vielmehr die Aufnahmen von den Recording Sessions. Da sieht man die Band beim zwanglosen Jammen, bei Schussübungen (typisch amerikanisch, aber wenigstens nicht mit scharfer Munition) oder beim fetten Barbecue, beobachtet Taylor Hawkins, wie er sein Drumset bearbeitet (und muss unwillkürlich an das Tier aus der Muppet Show denken) oder Dave Grohl, wie er seine Vocals einsingt, was lustig klingt, weil die Musik dazu fehlt. Überhaupt wird viel gelacht und rumgeblödelt. Man spürt wie intakt das Innenleben der Foo Fighters und das Verhältnis zu ihrem Produzenten Butch Vig ist. Besonders ersteres war ja nicht immer so, wie wir spätestens seit „Back And Forth“ wissen. Und dass Dave Grohl einfach eine coole Socke ist, haben wir ja schon immer geahnt. Abzüge in der B-Note gibt es lediglich für die völlig lieblose Aufmachung des DVD-Sets, das weder über ein Booklet noch über sonst etwas verfügt, was ansatzweise nach Gestaltung aussieht.

„Sonic Highways“ zeigt eindrucksvoll, wie die Foo Fighters den Eindruck vermitteln, als seien sie nach wie vor absolut bodenständige Typen, die Musik nicht wegen des Geldes, sondern in erster Linie um ihrer selbst willen machen. Man möchte fast glauben, sie seien jederzeit bereit um die Ecke ein Bier im Stehen zu trinken. Dabei sind sie in Wirklichkeit doch nur die wahrscheinlich grösste Rockband, die dieser Planet in den vergangenen zwanzig Jahren hervorgebracht hat.