Genesis: Bei „Sum Of The Parts“ fällt so manches Teil unter den Tisch

VERÖFFENTLICHUNG» 14.11.2014
BEWERTUNG» 5 / 9
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Genesis machen es ihren Fans im Moment echt nicht leicht. Da gibt es geheime Treffen, von denen jeder weiß und die die Gerüchteküche heftig anheizen. Mysteriöse Ankündigungen spannender Neuigkeiten, die sich als Luftblasen entpuppen. Für Genesis mag es eine Sensation sein, dass eine neue Compilation auch Solosongs der Bandmitglieder enthält. Für den Konsumenten ist das aber obsolet, da er sowieso im Regal hat, was ihm gefällt, und sich seine eigene Playlist zusammenstellen kann.

Grund für das ganze Bohai war eine BBC Dokumentation, die kürzlich im britischen Fernsehen lief und heftigst beworben wurde. Darum also das Treffen (um Promofotos zu schießen) und darum die Compilation (um nebenbei noch was mit der Doku zu verdienen). Dass „The Lamb Lies Down On Broadway“ dieser Tage 40 Jahre alt wird – uninteressant. Dass manche Fans für eine einmalige Lamb-Reunion-Tour mit Peter Gabriel den kleinen Finger opfern würden – belanglos. Dass viele bei den großmundigen Ankündigungen eines neuen Releases auf ein Studioalbum gehofft haben – lachhaft.

Der biographische BBC Film hat die Merchandise-Maschine mal wieder angeheizt, es gab die Fernsehfilme, eine alte DVD-Veröffentlichung, Charteintritt von „R-Kives“ und danach macht jeder wieder sein Ding. Den größten Genesis-Bezug hat momentan Steve Hackett. Hammerstarke Konzerte! Ray Wilson zwar auch, aber er wird vom Umfeld der Band konsequent totgeschwiegen. Wenigstens gibt es die Doku jetzt auch im weltweiten DVD- und BluRay-Release. Man kann also noch in Erinnerungen schwelgen.

Sum Of The Parts“ erzählt die Geschichte von der Schulband im Charterhouse bis hin zur Reunion-Tour (ohne Peter oder gar Ray) im Jahr 2007. Dabei kommen die Protagonisten selbst zu Wort – allen voran Tony Banks, Phil Collins, Peter Gabriel, Steve Hackett und Mike Rutherford. Der historische Abriss handelt von den Anfängen in der elitären Privatschule Charterhouse, dem Debütalbum 1969, das noch nicht von Erfolg gekrönt war, über den Einstieg von Phil Collins, die Ära Peter Gabriel mit Erläuterungen zu seinen grandiosen Maskeraden, den Neubeginn zu dritt 1978, den Aufstieg zu Weltstars des Bombast-Rock, bis hin zum vorläufige Ende in den 90ern und der Reunion 2007. Die Phase mit „Calling All Stations“ hat demnach quasi nicht stattgefunden. Das ist ein Armutszeugnis.

Alles andere ist spannend erzählt. Steve Hackett kommt sehr selten zu Wort, die anderen vier werden in den Abstufungen des Bekanntheitsgrades korrekt behandelt. Musik spielt – wie bei solchen Dokus üblich – leider nur eine untergeordnete Rolle. Titel werden nach Belieben angespielt, ausgeblendet oder als Hintergrund für ein Interview bzw. einen Einspieler verwendet. Das Ganze dauert 90 Minuten, eine weitere halbe Stunde wird in Form von ausführlichen Interviews mit Bonusmaterial gefüllt.

Böse könnte man sagen: Hier wird Geschichtsklitterung betrieben. Ganze Alben werden ausgelassen, wichtige musikalische Stationen verschwiegen. Die Doku behandelt nur den Teil, der auch der Bevölkerung im Gedächtnis ist, nämlich die kommerziell erfolgreichsten Phasen. Interessant wäre es aber, von den Hintergründen zu erfahren, die nicht jeder kennt. Die Bandmitglieder mit kritischen Fragen zu konfrontieren und etwas Druck aufzubauen. Eigentlich ist die BBC für ein solches Vorgehen bekannt – hier hat sie aber kläglich versagt. Schade.