15 Stunden REMTV oder: Die Geschichte von R.E.M. auf 6 DVDs

VERÖFFENTLICHUNG» 28.11.2014
BEWERTUNG» 9 / 9
ARTIST»
LABEL» ,
R.E.M. REMTV bei Amazon bestellen

R.E.M. und MTV sind zusammen aufgewachsen. Und meine Generation mit ihnen. Was waren das für herrliche Zeiten! Man konnte stundenlang vor der Glotze sitzen und gebannt einer schier endlosen Abfolge von Musikvideos folgen. Die Werbung für kostenpflichtige Klingeltöne war damals noch nicht erfunden. Fast jeden Tag gab es eine neue und aufregende Band zu entdecken. Nicht ganz zufällig ging MTV 1981 nur wenige Wochen nachdem R.E.M. ihre Debütsingle „Radio Free Europe“ veröffentlicht hatten auf Sendung. Das erste ausgestrahlte Video war übrigens „Video Killed The Radio Star“ von den Buggles. Danach waren beide drei Jahrzehnte lang untrennbar miteinander verbunden. Bis die Band im September 2011 ihre Auflösung bekanntgab. MTV hatte bereits einige Monate zuvor den Zusatz „Music Television“ aus seinem Logo gestrichen und war im Bezahlfernsehen verschwunden. Man wurde gemeinsam geboren, man lebte gemeinsam und so verabschiedete man sich schließlich auch. Gemeinsam.

Was blieb war eine Erfolgsstory. Auf „REMTV“ wird sie nun noch einmal komplett erzählt. Und wenn ich komplett sage, dann meine ich auch komplett. Im Ergebnis ist daraus ein Box-Set mit sechs randvoll gepackten DVDs geworden. Alleine schon die Aufmachung sollte jedes Sammlerherz höher schlagen lassen. In einem aufklappbaren Folder im Buchformat sind die sechs Silberlinge fein säuberlich in einzelnen Fächern sortiert, garniert durch allerlei Fotos und ein 20-seitiges Booklet inklusive Liner-Notes des amerikanischen Kritikerkollegen Anthony DeCurtis. Unter den insgesamt 15 (in Worten: Fünfzehn!) Stunden Material finden sich zahlreiche Liveaufnahmen, Ausschnitte diverser Award-Verleihungen, TV-Auftritte und quasi als Höhepunkt eine exklusive Dokumentation von Alexander Young, welche die gemeinsame Historie von R.E.M. und MTV in Echtzeit beleuchtet. Und weil man gerade dabei war, hat man sich nebenbei auch gleich noch in den Archiven von VH1, Comedy Central und Nickelodeon bedient. Eine Herausforderung für jeden Rezensenten. Aber eine die sich lohnt. Und wie!

Wenn diese Besprechung nicht die Ausmaße eines Taschenbuches annehmen soll, dann ist es jedoch nahezu unmöglich, auf jede Episode und jede Einzelheit einzugehen, die eine Erwähnung verdient hätte. Und das hätten sie fast alle. Sei es das magische Free-Concert am 12. Mai 2001 im Schatten des Kölner Doms, das bei einbrechender Dunkelheit durch ein Feuerwerk illuminiert wird. Etwas ähnliches wiederholten R.E.M. siebeneinhalb Jahre später in Athen. Beide Auftritte sind auf „REMTV“ erstmals in voller Länge zu bewundern. Oder die beiden MTV Unplugged-Shows von 1991 (in allerdings sehr bescheidener Bildqualität) und 2001 mit bisher ebenfalls unveröffentlichten Outtakes. Gerade hier wird die enorme Entwicklung von R.E.M. zwischen diesen beiden Jahrzehnten deutlich. Eine Entwicklung, die sie zur mit Abstand erfolgreichsten Alternative-Band aller Zeiten werden ließ.

Nicht zu vergessen das völlig verregnete Gastspiel bei Rock am Ring 2005 oder die Aufnahmezeremonie in die Rock And Roll Hall Of Fame aus dem Jahr 2007. Selbst den Die Hard-Fans dürfte an einigen Stellen der Atem stocken. Beispielsweise bei den Aufnahmen aus der TV-Show „Livewire“ vom Oktober 1983 mit frühen Versionen von „So. Central Rain“ und „Carnival Of Sorts (Box Cars)“, obwohl die Kulisse nach heutigen Maßstäben etwas bizarr anmutet. Nebenbei gibt es ein Wiedersehen mit Patti Smith („E-Bow The Letter“), Eddie Vedder von Pearl Jam, Courtney Love und Kurt Cobain (Michael Stipe ist der Patenonkel ihrer Tochter Frances Bean) oder Larry Mullen Jr. und Adam Clayton von U2. Der brandneuen Dokumentation „R.E.M. by MTV“ hat man eine eigene DVD gewidmet. In zwei Stunden wird dabei „die ganze Energie und Dynamik aus der Verbindung zwischen Band und Sender noch einmal mit aller Kraft vor Augen geführt“, wie es Anthony DeCurtis in seinen Liner-Notes treffend umschreibt. Eine grossartige Zeitreise „From The Beginning To The End“, die auch schwierige Phasen nicht ausspart und selbst den ehemaligen Schlagzeuger Bill Berry zu Wort kommen lässt, der R.E.M. 1997 aufgrund gesundheitlicher Probleme verließ.

Das Vermächtnis von R.E.M. besteht aus fünfzehn Studioalben, von denen sie weltweit über 85 Millionen Exemplare verkauft haben. Songs wie „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“, „Losing My Religion“, „Shiny Happy People“, „Man On The Moon“, „Nightswimming“, „What’s The Frequency, Kenneth?“ oder zuletzt „Oh My Heart“ werden für immer Meilensteine der Musikgeschichte bleiben. Mit „REMTV“ haben sie sich jetzt ein weiteres Denkmal gesetzt. Die im wahrsten Sinne des Wortes fette DVD-Box stellt nicht nur ein Highlight für alle Fans der Band aus Athens, Georgia dar, sondern ist darüber hinaus ein absolut faszinierendes Zeugnis moderner Popkultur in Bild und Ton. Das rechtfertigt auch jeden Cent des mit knapp 74 Euro doch recht stolzen Preises. Aber es ist ja bald Weihnachten. Wir verneigen uns mit der Höchstwertung vor einer Band und einem Sender, die unser Leben nachhaltig geprägt haben.