Heimspiel

Das Heimspiel geht in die zweite Halbzeit und zu dem auditiven Vergnügen kommt der visuelle Aspekt hinzu. Wenn wir beim Fußball-Vergleich bleiben: nach der Radioübertragung eines genialen Spiels wird für den zweiten Part das Fernsehen hinzu geschaltet. Die Eckdaten sollten bekannt sein. Am 7. Juli 1989 traten die Vier erstmals vor 40 Zuschauern in Stuttgart-Wangen unter dem Namen auf, der die deutschsprachige Musik kurze Zeit später revolutionieren sollte. Am 25. Juli 2009 pilgerten 60.000 Fans zum Jubiläumskonzert auf dem Wasen. Und als Unterstützung für das besondere Spiel hatte man sich Unterstützung aus dem Ausland eingekauft: das Orchester des staatlichen Bolschoi-Theaters aus Minsk in Weißrussland.
Die DVD bietet exakt die Tracklist des 3-CD-Release von "Was geht" bis "Populär" – mit 28 Songs also, die die Karriere der Stuttgarter umfassend beleuchten und alle Facetten der 20jährigen Karriere aufzeigen. So bekommen wir den bekannten Hitreigen ebenso serviert wie die stets beliebten Oldschool-Elemente aber auch energetische Publikumslieblinge à la "Krieger" und "Schizophren". Jeder kommt auf seine Kosten, wenn die Reise von "Was geht" und "Pipis und Popos" über "Fornika" und "MFG" bis hin zum Oldie "Die Da" und dem recht aktuellen Hit "Einfach sein" führt. So weit – so gut.
Ein Intro vor Konzertbeginn zeigt minutenlang Videosnippets aus der Karriere, unter anderem die berüchtigte "Die da"-Ansage in der ZDF-Hitparade. Dann ziehen die Helden quer durch die Menschenmasse ein. Visuell ist nicht nur die gigantische Fankulisse beeindruckend. Auch die Fantas zeigen sich von ihrer besten Seite und sonnen sich sichtlich im Glanz des Tages. Dynamik und Atmosphäre des Konzerts werden eindrucksvoll auf den Bildschirm gebannt und vor allem Smudo, Thomas D. und Michi Beck rocken die Bühne, was das Zeug hält.
Das Orchester ist mehr als schmückendes Beiwerk. Man denke nur an die gern verwendeten Samples, die uns nun endlich live um die Ohren fliegen statt digital am Computer erzeugt zu werden. Dies steigert das Sounderlebnis ungemein. Orchestrale Passagen tauchen auch immer wieder auf, ohne dass man aber übertreibt. Es macht Spaß, dem großen Orchester bei der Arbeit zuzusehen. Bekannte Songs wie "Sie ist weg" atmen durch das symphonische Arrangement einen ganz neuen Geist. "Sommerregen" beispielsweise gewinnt durch die Streicher noch an Atmosphäre und verursacht nicht nur den Protagonisten sichtlich Gänsehaut.
Schade nur, dass sich keine Extras auf dem Silberling befinden. Für den 20. Jahrestag wäre doch eventuell ein Griff in die Klamottenkiste drin gewesen – und sei es nur in Form alter TV-Ausschnitte oder Fotos. Einen Punktabzug möchte ich dafür aber nicht geben. Das wäre pingelig, zumal es hinreichend filmische Dokumente auf der Konzertleinwand gibt. Bild und Ton sind von genialer Qualität. Alle, die nicht dabei sein konnte, haben hier die ultimative Möglichkeit, ein Stück des Ereignisses für sich mitzunehmen. Und die Zeitzeugen haben sowieso schon zugegriffen.
Wer auf den Geschmack gekommen ist und Ähnliches selbst erleben möchte: Am Silvesterabend 2009/2010 versammeln sich die Fantas mit Getreuen zum "Rheinfeiern" im RheinEnergieStadion Köln. Das sollte man nicht verpassen, wenn man einen ganz besonderen Start ins neue Jahr haben möchte.