Interview mit Gitarrist Marco Wriedt, Europahalle - Karlsruhe

(Axxis)

12.01.2008 von Ingrid Silvasi

Mitte Januar in Karlsruhe – früher Nachmittag an der Europahalle, eine Handvoll Fans steht bereits am Eingang für das Knock Out Festival und Mastermind Mark Jansen und Goldkehlchen Simone Simons von Epica schleichen sich fast unbemerkt zum Hintereingang vorbei. Ich jedoch warte auf Marco Wriedt, "Neuzugang" und Gitarrist bei Axxis. Im Gänge-Wirr-Warr der Europahalle treffe ich wieder auf Mark, Kai Hansen und Co. schwirren ebenfalls dort rum. Nur Marco lässt sich noch entschuldigen.

Frisch der Dusche entstiegen begrüßt er mich kurz darauf jedoch gut gelaunt und ich bin überrascht, dass er mit seinen jungen Jahren eine außerordentlich tiefe Stimme hat. Bei Axxis wird er die Mainvocals wohl nicht übernehmen können...

Durch das Gänge-Labyrinth schlagen wir uns durch nach draußen zum Tourbus, in dem wir es uns auf den gemütlichen Ledersofas bequem machen. Marcos Gitarrentechniker Bogdan ist dabei, waschechter Rumäne und Gitarrist der Band Magica. Passt ganz gut, so kann er während der Tour ein wachsames Auge auf Sängerin Ana haben, die Axxis stimmlich unterstützt und wirft das zweite Auge auf Marcos Gitarren.

Während Marco unseren MHQ-Shortcut ausfüllt, nehme ich ihn genauer unter die Lupe. Er passt voll in das Klischee eines blonden und blauäugigen Burschen - und Mädels: er ist noch zu haben!

Das neue Jahr fängt gut für ihn an - fast zwei Wochen hat er es bereits ohne Fast Food, seine große Schwäche - ausgehalten und zeigt mit seinem Motto, dass er momentan einen großen Traum lebt.

Marco: Alles ist möglich!

Das hast du selbst erfahren!

Marco: In der Tat...

Wie hast du denn Weihnachten verbracht?

Marco: Ganz „old-school“ mit Familie, ganz klassisch: Weihnachtsbaum, Pute mit Gemüse als Essen. Ganz schön, sich mal wieder auf die wesentlichen Sachen im Leben zu konzentrieren, was ja im Tourbus ja nicht möglich ist.

Ihr hattet komplett frei über die Feiertage?

Marco: Ja, wir hatten den letzten Gig am 23. Dezember in Pirmasens, dann am 5. Januar erst wieder in Paris, da hatten wir also ein paar Tage frei.

Nun bist also schon seit einem Jahr bei Axxis dabei. Wie hast du dich eingelebt?

Marco: Am Anfang war alles noch unwirklich – ich kannte die Band bereits von früher und mit Leuten wie Andre Hilgers, der ja auch bei Rage ist, in einer Band zu spielen – das war am Anfang komisch. Du kommst in den Proberaum, vorher hast du nur DVD´s oder Videos gesehen und plötzlich spielst du auf einmal mit ihnen. Das war am Anfang ein bisschen komisch. Dass der Funke übergesprungen ist, war auf dem Masters Of Rock in Tschechien. Das war so der dritte, vierte Gig vor ca. 20.000 Leuten. Das hat meine „professionelle“ Karriere eigentlich wirklich eingeläutet. Davor hatten wir ein paar 600er Konzerte, das war cool, aber als ich in Tschechien auf der Bühne war, da war ich tot, da war ich fertig! 40°C im Schatten, zu wenig getrunken, weil ich mich auf das Spielen konzentrierte und alles was danach kam in den letzten drei Monaten war einfach Party! Damit hat keiner gerechnet, auch Berny und Harry nicht. In dem Moment als das Album rausging an die Presse und Promotion, fing es an, dass ich wirklich viel Rückmeldung bekommen habe von Medienleuten. Metal Hammer hat eine Seite über mich gebracht. Die Leute sehen mich nun anders als vor einem Jahr. Vor einem Jahr war ich der Neue, den keiner kannte, das hat sich nun drastisch geändert.

Wirst du nicht manchmal noch belächelt, dass du noch das Nesthäkchen in der Band bist?

Marco: Aus einem Grund nicht, da ich ziemlich die gleichen Einflüsse und die gleichen Lieblingsbands habe wie alle anderen auch. Das war lustig als wir das erste Konzert mit Helloween hatten in Rom, da kamen die Leute wie Kai Hansen und dachten, ich wäre der Roadie. Als sie mich dann spielen gesehen haben, fragten sie Harry „wo habt ihr den denn gefunden?“. Dann kamen sie auf mich zu und es war unglaublich - nach dem vierten Konzert hat mir Kai Hansen schon angeboten seine Gitarre zu spielen. Und da ich schon ein bisschen Ahnung habe von der Sache, habe ich auch Respekt gewonnen in den letzten Wochen. Man nimmt mich auf jeden Fall ernst.

Auch innerhalb der Band?

Marco: Absolut!

Der Altersunterschied zu den anderen Bandmitgliedern ist ca. 20 Jahre?

Marco: Teilweise sogar noch mehr. Andre ist jetzt 34, da fängt es an. Der Rest ist jedoch über 40. Manchmal ist das schon krass.

Du bringst dadurch einen gewissen „frischen Wind“ mit in die Band!

Marco: Ja, das sagen viele! Das ist auf jeden Fall auch ein Kompliment! Nachdem die Fans das neue Album gehört haben, sagen viele „oh, das ist ja mal was Anderes!“. Wir haben die Gitarren weiter nach vorne gemischt, ich wollte einfach meinen Stempel sofort von Anfang an aufdrücken von Anfang an und bisher – wenn man den Reviews Glauben schenken darf – habe ich das auch wirklich geschafft.

Vor allem bei deinem eigenen Song!

Marco: Devilish Belle, ja! Das war ein Song, der kam von „out of nowhere“ – auf einmal war er da.

Davon würde ich auch gerne mehr auf dem nächsten Album hören, der Song ist etwas dunkler als der Rest.

Marco: Das stimmt, das stimmt! Ich stehe auch mehr auf die melancholischen Sachen, mehr dramatisches und bombastisches, obwohl ich auch auf einfache Rock-/Pop-Sachen stehe. Aber dieses musicalmäßige, bombastische – das ist einfach mein Ding! Wenn die Tour zu Ende ist, fangen wir – also Harry, Berny und ich – sofort an mit dem neuen Album. Wir haben viel vor, es wird sicherlich sehr ambitioniert werden. Ob wir es wirklich schaffen, werden wir sehen. Wir wollen wirklich mal alles herausholen, was geht. Bei diesem Album kam ich ja erst spät dazu, die Songs waren teilweise schon geschrieben. Ich habe manches, als wir die Gitarre aufnahmen, einfach von den Demos übernommen und sozusagen kopiert. Die Solos sind natürlich alle von mir ausgearbeitet. Auf dem neuen Album kann ich mich von Anfang an sofort komplett drauf einlassen und das wird das Album doch stark beeinflussen.

Vielleicht auch ein wenig von dem "kitschigen" weg, was in vielen Reviews ja auch durchaus kritisiert wird...

Marco: Axxis hat immer polarisiert mit Songs wie "Touch the Rainbow", was auch einerseits cool ist, denn wir dürfen natürlich nicht den roten Faden von Axxis verlieren, schließlich sind Axxis nun auch fast 20 Jahre dabei und hat dadurch den eigenen Stil, schon alleine durch Bernys Gesang. Deswegen wird es immer Axxis bleiben, egal wie weit wir musikalisch gehen. Solange Berny singt, wird es immer Axxis sein.

Was ist mit Lakonia? Wird sie weiterhin singen oder habt Ihr Euch komplett von ihr getrennt?

Marco: Wie du siehst, ist sie ja nicht dabei...

Zuerst hieß es aus persönlichen Gründen, in einem Interview las ich, dass Ihr Euch von ihr getrennt habt. Werden wir noch eine weibliche Stimme auf dem nächsten Album hören?

Marco: Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Dann heißt es „back to the roots“...

Marco: Ich glaube, da wird´s auch hingehen, ohne jetzt etwas Definitives zu sagen. Wir können ja trotzdem noch bombastische Chöre machen. Das haben wir auch bewiesen bei „I hear you cry“ – Chöre, die wir selber gesungen haben und keine Frauenstimme dabei ist.

Jetzt habt Ihr auf der Tour erst mal Ana dabei.

Marco: Ja, denn wir mussten natürlich jemanden haben, der die neuen Songs dementsprechend noch mitpräsentieren kann. Denn „Doom of Destiny“ geht nicht ohne Frauengesang, weil sich der Gesang auch überschneidet. Und als sich die Sache mit Lakonia wirklich kurzfristig vor der Tour entschied, haben wir uns natürlich gefragt, was wir jetzt machen werden. Gehen wir ohne Frau auf Tour, dann können wir nur die alten Sachen spielen ohne Frauengesang, aber wir wollten natürlich auch das neue Album wenigstens ein bisschen präsentieren, auch wenn wir nur 45 Minuten Spielzeit in Deutschland und 35 Minuten im Ausland haben. Also haben wir zum Glück Ana durch unser Recordlabel AFM gefunden, da Magica auch dort unter Vertrag sind.

Habt Ihr Ana die Songs vorab zugeschickt?

Marco: Ja und ich fand es unglaublich, dass sie in ungefähr zwei Wochen alles perfekt konnte!

Das musstest du auch!

Marco (bescheiden): Ja, das stimmt. Das waren 25 Songs, das waren sogar noch ein paar mehr! Ja, das war auch eine sehr, sehr lustige Geschichte. Der Gedanke war, dass ich mir 5-6 Songs raussuche und das war es dann. Aber ich habe gedacht „ok, sie geben mir 25 Songs, also lerne ich sie auch alle“. Das war auch so eine positive Sache, die gezeigt hat, dass ich komplett dahinter stehe.

Nun habt Ihr auch den zweiten Teil der Tour fast hinter Euch, von welchen Höhe- und Tiefpunkten kannst du berichten? Am liebsten natürlich von den Tiefpunkten!

(Marco lacht.)

Bogdan: Axxis hat bis jetzt keine schlechte Show gespielt, aber es hängt wirklich sehr vom Monitoring ab. Wenn die Bandmitglieder sich selbst gut hören können, dann spielen sie eine gute Show und präsentieren sich gut. Wenn jedoch auf der Bühne etwas nicht stimmt, fühlen sie sich unwohl. Das merkt man! Das ist das Einzige, was passieren kann.

Marco: Wir haben nicht so einen langen Soundcheck wie die beiden anderen Bands. Meistens haben wir einen Line Check – kommt da was raus, da was raus, ja, alles ok und meistens gehen dann auch schon die doors auf. Heute habe ich mal nicht verpennt und ich war recht früh da – heute hatten wir also einen kleinen Line Check. Ich denke, das sollte heute wirklich hervorragend werden.

Die beste Show bis jetzt?

Bogdan: Paris! Von dem was ich gesehen habe!

Weil die französischen Fans Ana kennen!

Bogdan: Vielleicht... Paris hatte ein positives Feedback.

Marco: Meine Lieblingsshow bisher war, wo ich auch die beste Erinnerung habe - London! Es war mein größter Traum mal dort zu spielen, ich habe dort viele Freunde, die waren auch alle da. Wir hatten eine schöne Zeit, waren danach noch zusammen im Hyde Park. Das war ganz cool! Auch die ganze Halle, dieses Theater! Ich stehe auch auf England, auf London generell. Das war ein Traum, der Wirklichkeit geworden ist! Aber stimmt... von der response her war Paris auch gut. Und gestern in Tuttlingen war es auch eine Hammer-Show. Das war der einzige Gig, bei dem etwas schief gegangen ist... Die hohe e-Saite hat sich bei mir nach unten verstimmt – während dem Spielen! Beim Bending, wenn man die Saite hoch zieht – vielleicht von der Hitze vom Licht, keine Ahnung, hat sich die Saite nach unten verstimmt. Ist aber auch nur bei einem Song wirklich aufgefallen, bei „Living in a World“ (fängt an die Original-Melodie und zum Vergleich die verstimmte Version zu dudeln). Hörte sich dann sehr düster an, zwar immer noch harmonisch. Bei Bands mit zwei Gitarristen kann man schnell mal nachstimmen, aber so mit einem Gitarristen – gar nicht. Man muss einfach versuchen zu improvisieren und einen anderen Weg zu finden, wie du den Song noch retten kannst. Aber die Fans gestern waren echt cool – Süddeutschland ist eh immer unsere Hochburg!

Interessant, wo doch die meisten Bandmitglieder aus dem Ruhrpott kommen...

Marco: Verstehe ich auch nicht so...

Auf welche Band freust du dich heute ganz besonders?

Marco: Epica und Gamma Ray! Epica einfach deswegen, weil so viel Tiefe von den Arrangements drin ist und Simone toll ist! Sie hat einfach eine tolle Stimme, ist charismatisch. Und Gamma Ray natürlich...

Gamma Ray kannst du jedoch momentan auf allen Konzerten sehen...

Marco: Natürlich! Aber ich freue mich jeden Abend auf die Band! Wir sind mittlerweile gut befreundet.

Was machen Axxis, während Andre mit Rage touren wird?

Marco: Am neuen Album schreiben! Wir produzieren das Album vor mit allem Drum und Dran und er spielt die Drums ein.

Das hört sich ja an, als wolltet Ihr dieses Jahr noch ein neues Album rausbringen!

Marco: Dieses Jahr nicht mehr, aber 2009 ist in Planung. Wir haben auch schon drei Songs geschrieben – wir hauen also wirklich rein.

Eine letzte Frage noch, Marco! Für beide Teile der Tour wurde jeweils eine Mitreisemöglichkeit im Tourbus an einen Fan versteigert. Was ist daraus geworden?

Marco: Der ist hier - er filmt immer! Wir hatten jedoch in der ersten Hälfte keinen Fan dabei, nur jetzt im zweiten Abschnitt. Er hat eine gute Zeit!

Darf ich die Hintergründe für dieses Versteigern erfahren? Musstet Ihr Eure Alkoholvorräte finanzieren?

Marco (lacht): Nein, die Idee war hauptsächlich erst mal, den Fans die Möglichkeit zu bieten, ganz nah zu zeigen wie so ein Tourleben abläuft und wie stressig es auch manchmal sein kann. Zum Beispiel heute bei so einem Festival - kein richtiger Soundcheck, es läuft hektisch hinter den Kulissen ab. Er ist sehr happy, dass er das alles sehen kann. Die ganzen Städte - Barcelona, London, Paris! Das ist der beste Urlaub!

Spricht der gute Marco und nach einem kurzen Rundgang im Tourbus geht´s für ihn auch schon wieder auf zur Arbeit! Einen großen Gig haben Axxis noch dieses Jahr vor sich: sie sind für das Wacken Open-Air bestätigt worden. Und bis dahin haben sie noch viel Zeit, am neuem Material zu arbeiten...

Ein herzlicher Dank gilt Marco und Bogdan für die Frage-Antwort Runde und „hinter den Kulissen“ Tourmanager Uwe und Promoter Peter von AFM!

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