Interview mit Kari Bremnes - Deutsche Version

(Kari Bremnes)

23.03.2009 von Jessica Walther

Kari Bremnes, die große norwegische Sängerin, fügt mit ihrem neuen Album "Ly" ein weiteres großartiges Album ihrem an großartigen Alben nicht armen Veröffentlichungskatalog hinzu. Ob sie nun, wie auf früheren Platten, Edvard Munchs Tagebuchlyrik vertont oder norwegische Legenden besingt (Svarta Bjørn), immer tut sie es in ihrer ganz eigenen unvergleichlichen Art. Jazzigen Pop oder poppigen Jazz, ganz wie man will. Auf "Ly", das am 27.03.2009 erscheint (hier ein Review), lässt sie nun ein wenig die Sonne scheinen. Grund genug, um mal nachzuhaken, über ungewohnt heitere Töne und eigenartige Lofotendelikatessen, fand unsere Redakteurin Jessica Walther und stellte Kari Bremnes einige Fragen. Hier ihre charmanten Antworten.

Dein neues Album hat alles in allem eine leichtere Note. Das fängt schon mit dem Cover an, mit den hellen Farben und sogar ein bisschen Sonnenschein. Die Musik, besonders Songs wie "Passelig Dose" und "Kåpa I Milano" sind ungewöhnlich leicht, um nicht zu sagen sonnig. War das eine Entscheidung oder eine Entwicklung, während des Schreibens oder der Aufnahmen des Albums?

Kari Bremnes: Oh, es war eine Entwicklung während des Schreibens. Das einzige, was ich entscheide bevor ich anfange Songs für ein neues Album zu schreiben, ist, dass ich einige neue Songs schreiben möchte und dann schreibe ich über die Dinge, die mir in den Sinn kommen. Ich denke Dunkelheit und Licht leben im selben Raum, Schulter an Schulter, es ist etwas Heiteres in fast allem zu finden – ebenso wie es in allem auch etwas trauriges gibt. Ich möchte, dass auch das in meinen Songs vorkommt. Vielleicht ist es offensichtlicher dieses Mal, mit diesem Album. Ich stimme zu, dass "Ly" eine leichtere Seite hat, besonders in der Musik. Und das Cover, ich war so überzeugt, dass die Fotos im Norden gemacht werden sollten, auf den Lofoten, wo ich herkomme. Ich mag die Schönheit von weißem Winter.

Nick Cave schreibt und arbeitet in einem Büro, wie ein Buchhalter. Hast du auch eine Routine, wenn du schreibst?

Kari Bremnes: Ja, das habe ich definitiv. Ich habe ein Büro in einem alten Haus im Zentrum von Oslo, wo ich so laut singen und Musik spielen kann, wie ich mag und dort schreibe ich. Ich gehe jeden Tag in mein Büro, wenn ich nicht auf Tour oder im Urlaub bin. Für mich ist es am besten eine Kontinuität in meiner Arbeit zu haben, also schreibe ich täglich.

Skandinavische Musiker arbeiten viel zusammen. Arve Henriksen (der als Gasttrompeter auf "Ly" zu hören ist) war zum Beispiel auch ein Gastmusiker auf der letzten Odd Nordstoga LP "Pilegrim". Ist es etwas besonderes für Skandinavien, dass Musiker sich dort alle kennen und ständig auf Werken des jeweils anderen mitwirken? Hört sich wie eine große Familie an.

Kari Bremnes: Wir sind ein kleines Land, weisst du, und wir wissen voneinander und manchmal treffen wir uns am selben Punkt. Es ist leicht Kontakte zu knüpfen, wenn die Welt kleiner ist. Norwegische Musiker stört es nicht, musikalische Grenzen zu überschreiten, es ist nicht sehr wichtig, welches musikalische Genre man spielt, wenn die Musik gut ist.

Viele nordische Bands sind in Deutschland sehr bekannt. Von Wencke Myhre bis zu Kaizers Orchestra. Gibt es eine/n Künstler/in oder Band, die du sehr magst oder erst entdeckt hast und die auch wir entdecken sollten?

Kari Bremnes: Ida Maria ist eine junge Frau, die, wie ich denke, sehr talentiert ist. Sie ist ein Rock 'n' Roll Girl, originell und mit einem starken Ausdruck. Ich mag auch Ane Brun sehr gern und Maria Mena, aber ich denke, die habt ihr bereits entdeckt.

"Ich schreibe über das, was ich sehe und was ich erlebe, es muss persönlich sein."

Jedes Musikgeschäft kategorisiert deine Musik anders. Deine Musik ist genreübergreifend: Pop, Jazz, World. Man kann nicht sagen, die Musik "klingt wie....", weil Kari Bremnes nur wie sie selbst klingt. Nicht viele Musiker erreichen solch eine Art von einzigartigem Sound. Inwieweit bist du dir dessen bewusst?

Kari Bremnes: Ich bin sehr stolz, das zu hören und es wurde mir schon öfter gesagt, ja. Meine Musik entsteht aus meinen Texten, das ist, wo es immer anfängt. Und ich schreibe über das, was ich sehe und was ich erlebe, es muss persönlich sein. Ich glaube daran, authentisch, persönlich zu sein, für mich ist es der beste Weg eine Geschichte zu erzählen. Die beste direkteste Art.

Deine Karriere spannt sich nun bereits über 20 Jahre. Hast du je daran gedacht eine Autobiographie zu schreiben?

Kari Bremnes: Nein, niemals! (lächelt) Ich schreibe gern über das Hier und Jetzt.

Dunkel, sinnlich und melancholisch sind die Worte, die oft benutzt werden um dich und deine Musik zu beschreiben. Bist du je dieser Beschreibung müde geworden? Als du mit der Gruppe The Penthouse Playboys (eine übertrieben bis verkitscht auftretende norwegische Gruppe, d.Red.) aufgetreten bist, schienen die Menschen fast überrascht zu sein, dass du auch eine humorvolle Seite hast.

Kari Bremnes: Manchmal bin ich der Beschreibungen, die du erwähnst, müde, weil sie eine Distanz schaffen zwischen der Person, die ich wirklich bin und dessen, von dem die Menschen denken, wie ich als Musikerin bin. Aber heutzutage, denke ich, dass mein Publikum weiß, dass es da auch eine Fröhlichkeit gibt, in dem was ich tue. Ich weiß, ich kann dunkel und melancholisch sein, aber jeder der eines meiner Konzerte besucht hat, weiß, dass ich auch eine leichtere Seite zeige. Es gibt eine Menge zu lachen, und ich tue das ganz bestimmt. Über meine eigenen Fehler, zum Beispiel. Menschen ohne Selbstironie sind sehr langweilig.

Du hast "Lite Barn Som Kommer" für die von der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit kuratierte LP "Sorgen Og Gleden" aufgenommen. Wie war die Atmosphäre während der Aufnahmen, bei der die Kronprinzessin ja anwesend war?

Kari Bremnes: Die Atmosphäre war warm und relaxed.

"Berlin ist sehr lebendig, jung und vital, aber zur selben Zeit auch tief gezeichnet von der Geschichte."

Reisen ist eines deiner immer wiederkehrenden Themen. Gibt es einen Ort an den du gern reisen würdest, wo du aber bisher noch nicht warst?

Kari Bremnes: Ich würde gern nach Vietnam reisen. Ich habe eine Faszination für Asien. Letztes Jahr war ich in Thailand und mochte es sehr. Das Essen war sensationell, die Menschen extrem freundlich und alles ist so anders als in Skandinavien. Die Farben, die Art zu sprechen und nicht zu vergessen die Temperaturen!

Du sagtest in einem Zeitungsinterview, dass du Berlin sehr gern magst. Da es sich um eine norwegische Zeitung handelte, mit der du sprachst, scheint das zu stimmen und ist nicht nur Höflichkeit. Als eine Berlinerin würde mich natürlich interessieren, was dein liebster Ort in Berlin ist?

Kari Bremnes: Ich habe keinen Lieblingsort, ich war immer nur für kurze Zeit dort und zum Arbeiten. Aber ich liebe die Atmosphäre der Stadt. Es ist sehr lebendig, jung und vital, aber zur selben Zeit auch so tief gezeichnet von der Geschichte. Mein erster Besuch war als Journalistin des Filmfestivals, bevor die Mauer gefallen ist. Ich erinnere mich, wie ich am Checkpoint Charlie stand und nach Ostberlin gesehen habe, über die Uniformierten mit ihren Waffen, die an der Grenze standen. Eine unglaubliche Sicht, schwer zu glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Zu dieser Zeit hatte ich ein Interview mit Gisela May am Brecht-Theater, in der Kantine. Ich kann mich noch an den Geruch von gekochtem Fleisch und Kohl erinnern. Alle Schauspieler trugen blaue Jacken und Hosen, wie Arbeiter in China. Für mich schien das sehr merkwürdig. Ich würde gerne ein paar Tage in Berlin verbringen, um einige Lieblingsorte zu finden. Ich bin mir sicher, dass man leicht fündig wird. Heute ist meine schöne Teebox aus dem KaDeWe, wo ich meinen Morgentee aufbewahre, so etwas wie mein derzeitiger Lieblingsort in Berlin. Aber wenn du einen Ort empfehlen kannst, würde ich mich freuen, davon zu hören.

Die letzte Frage ist eine etwas schräge Frage: Ich habe eine Dokumentation über die Lofoten gesehen. Da gab es einen Jungen, der Fischzungen in einer Fabrik herausgeschnitten hat, um sein Taschengeld aufzubessern. Es hieß Kabeljaufischzungen seien eine Delikatesse auf den Lofoten. Ist das wahr, denn es klingt abenteuerlich? Sowohl der Job, als auch die Delikatesse. Hast du jemals Fischzungen gegessen?

Kari Bremnes: Ja, schon oft, ich bin damit aufgewachsen. Sie sind sehr lecker, besonders wenn man sie in Öl knusprig anbrät. Mein älterer Bruder hat als Junge Fischzungen geschnitten, um seine erste Stereo-Anlage zu kaufen. Also kam ich zu Musik, die ich wirklich liebte wie Dylan und Joni Mitchell, als Resultat von Fischzungen.

Na, wenn das kein passender Schluss ist. Vielen Dank, Kari Bremnes!

Für die Möglichkeit dieses Interviews einen ebenso herzlichen Dank an Regina Dittrich und Andrea Seeger von Strange Ways.

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