(New Model Army)
Am 8.8.2008 hatten wir die Gelegenheit zu einem Interview mit Justin Sullivan – kurz vor dem New Model Army-Konzert in der Saarbrücker Garage. Wir trafen auf einen bestens gelaunten Frontmann, der so gesprächig war, dass aus den eingeräumten 10-15 Minuten schnell 25 wurden.

Hallo Justin. Musicheadquarter ist ein deutsches Online-Magazin. Mein Name ist Andreas. Das sind Karsten und Jörg. Können wir anfangen?
Justin Sullivan: Yeah.
Okay. Heute ist ein besonderes Datum. Dreimal 8. Haben solche Tage eine spezielle Bedeutung für dich?
Justin Sullivan: Besonderes Datum?
Ja, 08.08.2008.
Justin Sullivan: Tatsächlich. Das habe ich nicht einmal gemerkt. Nein. Zahlen sind nicht so wichtig für mich. Nicht wirklich. Das ist eins dieser Dinge – wie wenn du auf dein Tachometer im Auto schaust und siehst, dass sich der Stand 99.000 km nähert und du denkst, oh, ich muss aufpassen wenn es auf 100.000 springt. Und dann sind es plötzlich 105.000 und du hast vergessen zu schauen. Es ist dieser Moment.
Viele Menschen heiraten heute. Ein Tag, an den man sich erinnert.
Justin Sullivan: Ja, das ist eine gute Sache, um sich zu erinnern. Es hilft – macht es einfacher, sich zu erinnern, wenn in Zukunft jemand fragt „Wann ist unser Hochzeitstag? Du musst dich an den Termin erinnern“. Es ist 8/8/8.
Morgen spielt ihr in der legendären „Batschkapp“ in Frankfurt. Weißt du, wann du zum letzten Mal dort gespielt hast?
Justin Sullivan: Oh, das ist lange her.
Es war im März 89. Karsten weiß solche Dinge.
Justin Sullivan: Du weißt solche Dinge. War es gut?
Karsten: Ich war nicht dort. Ich habe nur auf die Liste im Internet geschaut und es so rausgefunden.
Justin Sullivan: Alles klar.
Die Frage an dich ist, was sich seitdem verändert hat.
Justin Sullivan: Puh. [lange Pause] Lass uns ganz am Anfang beginnen. In 1989 – wenige Monate später ist die Mauer gefallen. Das war eine sehr große Veränderung. Und wir alle sind älter geworden. Die Besetzung der Band hat sich geändert. [Pause]. Mrs Thatcher ist beinahe tot. Alles. Ich erinnere mich normalerweise an vieles, aber ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, wo ich vieles vergesse. Und ich fühle auch, dass das in Ordnung so ist. Es kümmert mich nicht wirklich, was in 1989 passiert ist.
Ich bin sehr interessiert an geschichtlichen Dingen und Dokumentation und der Art, wie die Gesellschaft sich verändert und entwickelt hat und wie die Nachkriegswelt sich verändert hat.
Deutschland hat sich seit 1989 unermesslich verändert. Aber ich denke nicht an – denke ich über New Model Army 20 Jahre früher nach? Nein!
Es ist ein Leben für die Musik, weißt du? An jedem Tag beginnt es von Neuem. Es interessiert mich nicht so sehr, was wir getan haben, sondern was wir vorhaben.

Aber wir gehen noch weiter in der Zeit zurück: In etwa 2 Jahren wird die Band seit 30 Jahren bestehen.Hättest du erwartet, heute immer noch mit derselben Band Musik zu machen, als du New Model Army 1980 gegründet hast?
Justin Sullivan: Nein nein nein. Die Band wurde von mir und Stuart [Morrow] zusammengebracht – und auch mit Joolz [Denby]. Robert war zuerst nicht dabei. Wir hatten nur zwei Auftritte in einem Pub in Bradford. Und ich und Stuart waren schon zusammen in einigen Bands gewesen und gründeten New Model Army als eine Art Trio. Genau, das ist es: „Wir spielen zwei Konzerte in einem Pub.“ Nein, haben wir nicht. Ich denke... wenn ich zurückschaue, denke ich, Joolz hatte eine Idee. Sie ist eine Frau, also eher praktisch veranlagt. Sie hatte die Idee, dass dies, weißt du, dass es praktische Seiten am Musikmachen gibt und an einem Leben mit Musik. Ich war nur wie ein Kind. „Ich kann Gitarre spielen, lass uns eine Band gründen. Yeah!“ Ich hatte keinerlei Erwartungen. Ich hielt es sicher nicht für eine Karriere. Es wurde nie eine Karriere, sondern was es eben wurde. Ich erinnere mich nicht an Dinge, aber ich erinnere mich an ein oder zwei Sachen – ich erinnere mich an gewisse Schlüsselmomente. Dinge, die dein Leben verändern. An die erinnerst du dich.
1979 ging ich zu einem Konzert von The Ruts, die am bekanntesten für den Song „Babylon's Burning” sind. Sie wären richtig groß geworden, aber der Sänger starb 1980 durch Heroin. Wie auch immer. Es war in einer Kneipe in Bradford, in einer sehr, sehr kalten, verschneiten Nacht. 200 Zuschauer. Und ich ging zu diesem Konzert ohne richtig zu wissen, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Und in diesem Konzert fand ich alles, das wundervoll war, und schrecklich, und schön, und erschreckend, und aufregend, und melancholisch, und alles über das Lebendigsein. Und ich kam raus aus dem Konzert und dachte „Wooooooowwwww“. Und ich erinnere mich, wie ich mich fühlte. Ich erinnere mich immer noch, wie ich mich fühlte. Und… immer wenn ich auf die Bühne gehe, habe ich das Ziel, dass sich die Leute so fühlen wie ich in jener Nacht. Es ist wie ein Vorbild. Es war der beste Auftritt, den ich je gesehen habe – bei weitem. 200 Leute in einem Pub. Der beste Gig. Der Moment, der mein Leben am stärksten verändert hat.
Gibt es Pläne für das 30jährige Jubiläum? Im Jahr 2000 habt ihr in London und Köln insgesamt vier Sets gespielt, ohne einen einzigen Song zu wiederholen.
Justin Sullivan: Ich denke nicht, dass es das wieder geben wird. Ich denke, es war eine großartige Idee und offensichtlich hat es den Zuschauern natürlich gefallen. Aber die Musiker haben es gehasst. Du kannst dir vorstellen – Songs von New Model Army, weißt du? Wenn es Bob Dylan und Neil Young wären. Von deren Bands wird erwartet, dass sie viele Songs kennen. Aber die Songstrukturen sind einfacher. Und die Teile sind ziemlich einfach.
New Model Army: Basslinien, Schlagzeug – das ist alles sehr kompliziert. Für jemanden... für Nelson, 57 Songs in Erinnerung zu rufen. Wir spielten 57 Songs über die zwei Abende. 57 Songs sofort abzurufen. Das hat ihnen viel abverlangt. Und ich werde nicht... wenn ich sagen würde „Jungs, ich hab da eine tolle Idee“, ich denke... du weißt schon. Wir werden etwas machen. Ich weiß noch nicht, was – aber wir werden etwas machen.
Es ist schon seltsam. Das war das 20jährige Jubiläum. Dann hatten wir das 25jährige und wir machten eine Art besondere Show in Paris. Und jetzt wird es das 30jährige sein. Sie scheinen ständig zu kommen. Tatsächlich – 20 Jahre sind „wahr“, 25 Jahre sind „wirklich“ – 30 ist ein Kleines. Es gibt keine ernsthaften Kleinen bis zum 50jährigen. Und ich denke nicht, dass wir das schaffen werden.

Es gibt dieses Phänomen "The following". Menschen, die auf so viele Konzerte gehen, wie möglich, und euch quer durch Europa oder gar nach Übersee folgen. Manche von ihnen haben mehrere Hundert Konzerte gesehen. Kannst du erklären, wie das anfing und in welchem Umfang es die Entwicklung der Band beeinflusst hat?
Justin Sullivan: [Pause] Ich weiß nicht, wie es angefangen hat. Wir sind einfach eine dieser Bands, der die Leute folgen. Grateful Dead waren auch eine. Vor allem Grateful Dead. Es ist eine Gemeinschaft. 1982 begannen Leute damit, der Band zu folgen. Zuerst zwei Jungs, die zu jedem unserer Konzerte kamen – auf lokaler Ebene natürlich. In 1983 hatten wir schließlich eine Gruppe in Wolverhampton, die zu jedem Konzert kamen. Und wir dachten „Woooow“. Und seitdem haben wir immer diese Vorstellung der „Following“. Aber natürlich sind es nicht mehr die gleichen Leute. Diejenigen, die uns Anfang der 80er folgten, haben längst Familie und Beruf. So verändert sich diese Gruppe alle zwei oder drei Jahre. Sie regeneriert sich. Das ist interessant zu beobachten. Es ist eine ganz neue Zusammenstellung von Leuten alle zwei oder drei Jahre – aber die Idee bleibt die gleiche.
Ich denke, das ist großartig. Ich denke, dass einfach... Sie sind nicht da, um uns zu sehen. Sie haben uns eine Million Mal gesehen. Es ist so, dass...
Sie wollen einander sehen.
Justin Sullivan: Ja, ja. Es ist so: Ich habe mit Aideen gesprochen. Zum Beispiel. Aideen ist eine Irin, aber sie hat einen Hochleistungs-Job in London. Weißt du, sie trägt die Verantwortung für sehr viele Menschen. Aber dann kommt sie zu jedem Konzert, in all ihren Ferien – von der Arbeit, für New Model Army.
Als wir nach Istanbul gingen, habe ich sie gefragt: „Was soll das? Warum kommt du? Du hast uns schon eine Million Mal gesehen.“ Und sie sagte: „Ihr spielt in Istanbul. Wenn ich als Tourist nach Istanbul komme, dann kann ich die Moschee sehen und den Bosporus. Aber ich kenne niemanden. Ich bin ein Tourist. Wenn ich aber hingehe, um meine Lieblingsband zu sehen, dann werde ich türkische Menschen treffen, die die gleiche Lieblingsband haben. So haben wir sofort etwas gemeinsam.
Es ist wie - weißt du, wir sind die Lieblingsband vieler Leute und wir sind eben diese Art von Band. Es ist wie ein sehr starkes Aroma. Manche Leute verstehen es nicht, aber bei den Leuten, bei denen es ankommt, kommt es richtig an. Und dann, weil wir nicht in den Zeitungen sind und nicht auf MTV laufen und nicht wirklich berühmt sind, wird es eine Art Gemeinschaftsding, ein Untergrund-Gemeinschaftsding. Sehr interessante Menschen in der ganzen Welt mögen New Model Army. Ich habe viele sehr interessante Menschen getroffen, die waren... ich denke, es liegt daran, dass die Musik etwas beinhaltet. Die Musik funktioniert auf zwei Ebenen. Eine ist, dass sie ziemlich ursprünglich ist. Weißt du, sie hat diese Art Rock´n Roll-Ursprünglichkeit. Aber sie enthält auch viele Ideen, sowohl musikalische als auch textliche Ideen, über die die Leute sozusagen nachdenken können. Und sie enthält Geschichten, zu denen jeder irgendwie eine Verbindung hat. So funktioniert es auf vielen verschiedenen Ebenen für die Menschen.
Genau das ist es, was auch wir daran mögen.Ihr arbeitet momentan an einem Livealbum, das im Oktober veröffentlicht werden soll. Als Arbeitstitel habt ihr „Fuck Texas, Sing For Us“ gewählt. Kannst du diesen wirklich seltsamen Titel erklären?
Justin Sullivan: Jeder denkt, das ist wegen – weißt du – dass es eine Art politischer Slogan ist, oder provokativ, ganz bewusst. Was passiert ist: Auf der Amerikatour waren wir im März in New Orleans. Da gibt es einen kleinen Club – nicht Millionen von Menschen. Wir sind nicht wirklich groß in Amerika, ein paar Hundert Leute. Und ich sagte... wir spielten die Show und eine Zugabe. Und ich sagte: „Wir müssen morgen nach Texas fahren. Wir haben 500 Meilen zu fahren und haben eine Show in Austin, Texas. Ich verliere meine Stimme, ich habe keine Stimme mehr. Herzlichen Dank, es war ein großartiger Abend.“ Und wir gingen von der Bühne. Und sie begannen zu rufen „Fuck Texas, sing for us. Fuck Texas, sing for us.“, und wir waren in der Umkleide, verwundert: “Was rufen die?” Und wir fanden das so lustig. Irgendjemand... Wir haben keine Aufnahme von diesem Abend – aber jemand nahm es mit einem Camcorder auf. So haben wir nur diese schlechte Aufnahme davon und wir beginnen das Album damit, weil es so lustig war. Ehrlich, es ist so lustig. Aber wir fühlen uns schlecht wegen der guten Leute von Texas. Denn der nächste Abend in Austin war großartig. Da waren großartige Zuschauer und wir lieben es tatsächlich wirklich, in Austin zu spielen und Texas ist großartig. Aber es war eine zu gute Gelegenheit, um sie zu verpassen.
Das Livealbum wurde in den USA aufgenommen.
Justin Sullivan: Nein, nein.
Karsten: Das war mein Fehler. Ich dachte wegen des Titels...
Justin Sullivan: Der Titel, ja. Nein, nur dieser Ruf kommt von den USA. Nein, das Album wurde bei den Weihnachtsshows in London, Amsterdam und Köln aufgenommen und auf einer Show, die wir im März in England, Holmfirth, machten. So sind es nur vier Shows. Wir haben nichts von der „High“-Tour letztes Jahr aufgenommen und auch nichts in Amerika. Nichts sauberes, wie 24-Spur-Aufnahmen. Wir haben nur diese Weihnachtsshows.
Aber mir ist aufgefallen, dass ihr in den letzten Jahren sehr häufig in den USA getourt seid. Warum ist das so?Gibt es Unterschiede zu den Zuschauern in Nordamerika verglichen mit denen in Europa?
Justin Sullivan: Es sind weniger in Nordamerika. [lacht] Viele Jahre lang sind wir nicht hin gegangen. Ich denke, wir hatten etwas Größenwahn. Dass wir unsere große Crew aus London nehmen würden und versuchen, in Amerika das gleiche zu tun wie in Europa, mit vielen Leuten und einem Tourbus. Und natürlich verloren wir viel Geld. Und dann – wir hatten immer Probleme mit amerikanischen Behörden und besonders mit der Wirtschaft. Wir hatten schreckliche Probleme mit Plattenfirmen in Amerika. So als wir zum letzten Mal dort waren – in 93 – hatten wir diese entsetzliche Tour und sagten „Wir gehen nie mehr hin.“ Und dann über die 90er merkten wir, dass Amerikaner sich in ein Flugzeug setzten und nach Europa kamen, um uns zu sehen. Und wir begannen zu fühlen, dass wir ihnen etwas schuldig waren. Du weißt, sie waren so loyal. Wir werden nur von einer kleinen Anzahl Menschen in Amerika geliebt. Ein paar Tausend, die wirklich, wirklich... Wir sind ihre Band, genau wie wir das für Menschen hier sind.
Wie ich sagte, ist es eine kleine Anzahl verstreut über ein riesiges Land, aber wir fühlten, dass wir es ihnen schuldig waren. So streckten wir mal eine Zehe ins Wasser. Ich und Dean gingen, nur wir zwei. Und wir wurden willkommen geheißen wie lang verlorene Helden. Wir hatten ein paar Hundert Leute. Und so machen wir weiter – auf dem beschwerlichen Weg. Wir fahren im Van, holen uns eine kleine Crew, spielen in kleinen Clubs, spielen in New York vor 400 - 500 Leuten. Es ist nicht groß, aber in Ordnung. Sie sind sehr enthusiastisch. Amerikaner sind überhaupt sehr enthusiastisch.
Ich liebe es, nach Amerika zu gehen. Ich denke, Amerika ist sehr interessant. Ich könnte nicht dort leben, ich will nicht dort leben. Aber ich finde es interessant, es zu besuchen. Als wir zum ersten Mal zurückgingen, war das gerade zu Beginn des Irakkriegs. Da waren überall diese verdammten Flaggen. Und nun zu beobachten, wie sich das in den sechs Jahren geändert hat – vollkommen. Alle diese Flaggen – nach und nach – wurden abgehängt und sie haben alle dieses Arschloch erkannt. Und diese Veränderungen zu sehen, das ist sehr interessant.
Ich bin immer noch nicht sicher. Ich denke, McCain wird es machen, aber ich weiß es nicht.
Jeder sollte mal nach Amerika gehen. Einmal im Leben solltest du hingehen und es besuchen. Wie ein Muslime, der einmal Mekka besuchen muss. Und wenn du im Westen aufwächst, schaust du Hollywoodfilme, schaust Fernsehen, hörst all diese Musik, die von Amerika kommt, wächst mit Jimmy Hendrix auf. Und du solltest einmal nach Amerika gehen, nur um zu schauen. Das reicht.

Hast du Erwartungen an die kommenden Wahlen in den USA?
Justin Sullivan: Wir sprachen gerade darüber. Ich denke, wenn Menschen Angst haben, tendieren sie dazu, den rechten Flügel zu wählen. Wenn sie hoffnungsvoll sind, tendieren sie zum linken Flügel. Ich denke, im November werden die Menschen in Amerika sehr ängstlich wegen der kommenden Rezession sein. Aber wir werden sehen.
Ende August wirst du einige Acoustic Shows mit Dean White spielen, unter anderem in einem Gefängnis in England – und ein Festival in Beirut. Wie kam es dazu und was erwartest du von diesen Shows?
Justin Sullivan: Eine interessante Woche. Das erste wird sogar heute sein, weil es keine Vorband gibt. So machen wir es – einen Durchlauf. Wir haben seit zwei Jahren nicht zusammen gespielt, aber wir können uns erinnern, wie es geht, denke ich.
Gefängnisse. Joolz geht ziemlich häufig in Gefängnisse. Sie macht literarische Dinge in Gefängnissen. Und ich sagte – dieses Gefängnis, wo sie hingeht – ich sagte „Ich werde dort auftreten“ und sie sagten „OK“ und es ist sehr schwierig zu organisieren. Weil es haufenweise Papierkram bedeutet und sehr unwirtschaftlich ist.
Was ich erwarte? Ich weiß es nicht wirklich. Ich kenne andere, die in Gefängnissen gespielt haben. Ich weiß, dass Chumbawamba einen Gig gemacht haben und ich sprach mit den Chumbas am anderen Tag und sie haben davon erzählt. Und andere haben im Gefängnis gespielt. Wir sind nicht die ersten, die das tun. Aber ich weiß nichts über irgendwelche Erwartungen. Ich glaube, all unsere Songs sind unglaublich leidenschaftlich und bedrückend. Es wird also interessant werden. Aber dieses bestimmte Gefängnis gehört zur Kategorie C. Es geht hauptsächlich um Drogenvergehen – und um Menschen, die vielleicht einen Mord begangen haben, die aber schon zehn Jahre hinter sich haben. Du weißt schon – diese Art Gefängnis. Es ist nicht Kategorie A. Joolz ist einmal in einem mit Kategorie A aufgetreten. Und sie sagt, es war ganz anders. Als ob du in einem Raum mit Menschen wärst und du ehrlich hoffst, dass sie nicht mehr rausgelassen werden. Als ich in dieses Kategorie C Gefängnis ging, all diese Leute, alle Insassen, mit denen ich sprach, sie würden auf der Straße freundlich sein. Es machte mir nichts aus, wenn sie irgendwo herumhängen würden. Und Menschen wegen Drogenvergehen einzusperren ist sowieso lächerlich. Blödsinn.
Und Beirut: Also da muss ich sagen, wir wurden von jemandem aus Beirut angerufen, der New Model Army liebt und er wollte New Model Army und er macht ein Festival, auf dem noch einige andere spielen. Ich glaube, Mercury Rev spielen dort. Aber wir hatten schon versprochen... – Marshall hat noch drei andere Gigs. Wir versprachen ihm das Wochenende. Daher konnten New Model Army es nicht tun. So schlugen wir vor, dass ich und Dean kommen und er sagte „OK“.
Aber ich glaube es erst, wenn ich im Flugzeug sitze. Manchmal bekommst du diese Gigs in wirklich interessanten Teilen der Welt. Und sie sagen „Alles ist super“ – Blablabla und das Geld kommt nie an und die Flugtickets kommen nie an. Ohne Flugtickets und Geld gehst du nicht. Das ist diese Sache. Aber ich bin interessiert, sicherlich interessiert, nach Beirut zu gehen. Ich bin sehr oft in Kairo gewesen. Meine Schwester lebt in Kairo. Und gerade vor drei Wochen war ich in der Türkei. Vor einem Monat spielten wir in Istanbul – ein Auftritt, den die Band dort spielte, was wir nicht oft tun. Aber dann entschied ich mich, für weitere zehn Tage in der Türkei zu bleiben und nur in den Osten der Türkei zu gehen. Erlebe ein Abenteuer – geh irgendwohin, wo niemand englisch spricht. [lacht] Geh die Berge hoch – und ich hatte eine tolle Zeit. Ich mag es sehr, zu reisen. Aber ich weiß nicht, was ich erwarte.
Ich mag dein Soloalbum “Navigating By The Stars”. Es ist ruhig, melancholisch und sehr atmosphärisch. Mit Songs, die sich von New Model Army unterscheiden. Hast du Pläne, ein weiteres Soloalbum aufzunehmen?
Justin Sullivan: Ja, aber nicht jetzt. Ich denke, momentan ist New Model Army wirklich... diese Band, das sind die besten New Model Army seit 1985. So denke ich. Mein persönliches Gefühl. Es ist die Band, in der einer dem anderen am meisten vertraut. Musikalisch. Und es ist sehr – wir haben einen Lauf. Du weißt schon, über die Jahre hast du gute Zeiten und schlechte Zeiten. Ich würde sagen, diese Band hat einen Lauf. Und so ist es gut, es laufen zu lassen. Wir werden erst ein neues Album machen.
Ich habe Red Sky Coven dreimal in Trier gesehen. In der Tufa – und es war eine tolle Atmosphäre.
Justin Sullivan: Ja, wir werden Red Sky Coven wieder machen. Vielleicht im Januar.
Wirklich? Vielleicht in Deutschland?
Justin Sullivan: Ja. Es sind Pläne – noch keine Gigs. Aber das wird nur eine Woche sein und das ist einfach. Um noch mal auf ein Soloalbum zurück zu kommen: Ich sage, ich mache ein Soloalbum. Drei Monate. Aber alle wissen, es wird zwei Jahre dauern, weil ich sehr langsam bin. Ich bin einfach langsam. Wenn ich für zwei Jahre weggehe, um etwas anderes zu machen, werde ich nicht da sein.
Karsten: Wird es wieder um das Meer gehen? Oder wirst du diesmal ein anderes Element auswählen?
Justin Sullivan: Gut, ich denke – weil ich mit Joolz auf Urlaub in Kalifornien war. Kürzlich im Januar. Es war eine Art Death Valley. Panamint Valley ist mein Lieblingsplatz momentan. So werden es vielleicht Wüsten sein. Ich mag Orte, die groß sind. Groß und weit. Meer, Wüste. Irgendwo, wo du weit sehen kannst. Ich mag es, weite Strecken sehen zu können.
Karsten: Das wirst du in Deutschland nicht finden…
Justin Sullivan: Nein, aber manche Bergspitzen. Gestern waren wir in Sion, in der Schweiz. Ein sehr schöner Ort. Wenn ich auf einer Bergspitze bin, ist das großartig. Aber wenn ich am Boden bin, werde ich wahnsinnig. Ich liebe weite, offene Flächen. Ich mochte nicht die Berge. Ich mag es, wo immer ich mich klein fühle. Weil das der natürliche Zustand ist. Das ist es, wie die Dinge sind. Wir sind wie ein Sandkorn – die Größenordnung der Welt, die Größenordnung der Zeit und alles – unsere individuellen Leben. Wir sind so klein. Und das ist meine Vorstellung von Gott. Ich bin im Grunde genommen religiös und meine Vorstellung von Gott hat mit der Natur zu tun. Mit der Größe der Natur.
Ich mag das Meer auch. Und ich denke, in einem Song wie „Ocean Rising” ist das drin, was du sagst.
Justin Sullivan: Ich bin sehr stolz auf das Album und ich plane, ein weiteres zu machen. Gerade habe ich ein Album mit Joolz beendet. Es ist nicht das gleiche, aber eine Gelegenheit, auf die gleiche Art etwas ohne New Model Army zu machen. Ich habe nur elf Gedichte aufgenommen. Und dann ist das Gedicht beendet, fertig, unveränderlich. Und ich habe nur Musik um das Gedicht herum aufgebaut, was ich sehr gerne tue. Aber ich denke, es ist ein wirklich gutes Album. Der Titel wird „Spirit Stories“ sein.
Mit Joolz' Stimme?
Justin Sullivan: Ja, Joolz’ Stimme. Nur Geschichten über Musik und einige Tracks mit viel Musik. Wie Schlagzeug – Michael hat darauf Schlagzeug gespielt. Ein paar Lieder nur mit einer seltsamen Art atmosphärischer Musik. Manches ist „full-on“. Und es hat großen Spaß gemacht – es war sehr kreativ. Das wird Ende des Sommers herauskommen.

Als letztes noch eine persönliche Frage von mir. Gestern habt ihr in der Schweiz gespielt und wart Co-Headliner neben Fish, dem ehemaligen Sänger von Marillion. Ich selbst bin über die Jahre ein großer Fan von Fish geworden. Darum bin ich nur neugierig, ob du ihn getroffen hast?
Justin Sullivan: Ja, da waren nur zwei Bands. Es war eine sehr schweizerische Art von Gelegenheit. Da war eine große Bühne mit sehr guter PA und ein Wochenendfestival. Aber am Donnerstag gab es nur uns und Fish. Und da waren vielleicht – das Wetter war schrecklich – da waren vielleicht 2000 Leute, es waren nicht viele. Nach zehn Minuten seines Sets begann es zu regnen und regnen und regnen und regnen. Und das für ungefähr zwanzig Minuten. Manche Leute gingen, um Schutz zu suchen und kamen zurück und er spielte weiter. Und dann regnete es zwischen beiden Auftritten so stark, dass wir dachte, jetzt geht jeder nach Hause. Und dann begannen wir und alle kamen wieder raus. Und es hörte auf zu regnen und sie sahen uns zu. Es war ein guter Abend.
Er ist eine ehrliche Haut. Er ist, was er ist. Ich habe ihn getroffen... – ich überlege, wie oft. Vielleicht nicht für lange Zeit. Vielleicht vor 20 Jahren, weil wir beide bei EMI waren. Aber er unterscheidet sich nicht sehr von uns. Es ist wie Heimarbeit. Ich verstehe – aber er..., es ist Heimarbeit, aber er macht sein eigenes Geschäft, was ich für einen Fehler halte. Ich habe nichts mit dem Geschäftlichen zu tun, was mich sehr glücklich macht.
Ich glaube, im Verlauf seiner Karriere hat Fish einige Fehler gemacht, was das Musikgeschäft angeht.
Justin Sullivan: Hm, wir auch. Aber die Sache ist – er fährt ein kleines Geschäft, ein wenig wie New Model Army – es ist ein kleines Geschäft. Ich glaube, er mag es, die Kontrolle zu behalten, oder er fühlt, er sollte sie behalten. So ist er in das Musikgeschäft involviert, während ich mich nicht um geschäftliche Dinge kümmere. Ich bin glücklich, dass wir Tommy [Tee, den Manager] haben, der dies tut. Ich will das nicht. Ich war am Musikgeschäft interessiert. Jede Entscheidung, die ich getroffen habe, war falsch. Ich bin da nicht zu gebrauchen. Und am Ende kümmere ich mich nicht mehr. Wenn da genug ist – wenn ich zuhause meinen Kühlschrank öffne und etwas zu essen drin ist, wenn die Rechnungen bezahlt sind. Ich kümmere mich nicht. Ich kümmere mich wirklich nicht um Geld. Ich mag nur die Musik. Und ich liebe es zu reisen. So kommt beides zusammen – ich liebe es zu touren, weil ich gerne reise und ich es liebe, Musik zu machen. Ich bin sehr glücklich. Und ich muss nicht im Geschäft sein. Also bin ich sehr glücklich.
Sehr schön. Herzlichen Dank für deine Zeit.
Musicheadquarter dankt Sabine Kühn von Rough Trade für die Vermittlung und Karsten Bier für seine Hilfe beim Niederschreiben des englischen Textes.