Pearl Jam „Lightning Bolt“ – der Sarg hat sich wieder geöffnet!

VERÖFFENTLICHUNG» 11.10.2013
BEWERTUNG» 7 / 9
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Mit über 60 Millionen verkaufter Alben gehören Pearl Jam zu den erfolgreichsten Überlebenden der „Grunge“-Ära. Als 1991 ihr Debüt „Ten“ erschien, gab Eddie Vedder unseren Idealen und Träumen, Ängsten und Unsicherheiten ein Gesicht und eine Stimme. Pearl Jam provozierten, sie stellten Mechanismen in Frage, sie grübelten, verfolgten konsequent ihren Weg und konzentrierten sich schließlich auf sich selbst, was zeitweise in einer medialen Totalverweigerung mündete. Wir bewunderten sie dafür. Ihre Interpretation der Welt war nicht alltäglich und Vedder’s Texte luden uns ein, mit ihm gemeinsam andere Gedankenpfade zu beschreiten, als diejenigen, die wir vorher schon tausendmal gegangen waren. Über die Jahre jedoch änderte sich das Bild. Die Musik begann austauschbar zu werden. Wo man früher im Kampf um bezahlbare Konzertkarten mit dem Monopolisten Ticketmaster in den Ring gestiegen war, da wurden plötzlich ganze Tourneen zu einer Aneinanderreihung von Festivalauftritten, weil sich hier mit dem geringsten Aufwand der grösste Gewinn abschöpfen ließ. Die Ideale verblassten und verkamen am Ende zur Karikatur. Ganz vorbei war es dann mit der Veröffentlichung des bislang letzten Studioalbums „Backspacer“ vor vier Jahren, das an Belanglosigkeit und unverhohlener Anbiederung an die Radioquote kaum noch zu überbieten war. Pearl Jam hatten den Soundtrack zu ihrer eigenen künstlerischen Beerdigung geliefert und ich klappte den Sarg endgültig zu.

All das muss man wissen, um zu verstehen, warum an dieser Stelle trotzdem kein Verriß steht. In meinem Kopf war er bereits vorformuliert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass „Lightning Bolt“ die verlorengegangene Liebe zu dieser Band wieder zum Leben erwecken würde. Dafür war die Enttäuschung einfach zu gross. Und auch wenn das Album – um im Bild zu bleiben – nicht wie ein Blitz einschlug, so sorgt es doch dafür, dass mein Pearl Jam-Herz langsam wieder zu schlagen beginnt. Natürlich knüpft auch „Lightning Bolt“ phasenweise da an, wo „Backspacer“ aufhörte. Das könnte zum einen an der mal wieder eine Spur zu perfekten Produktion von Brendan O’Brien liegen, der schon so manch andere Band glattpoliert hat. Mit Sicherheit liegt es aber am Auftakt mit Songs wie „Getaway“, „Mind Your Manners“, „My Father’s Son“ oder „Lightning Bolt“, die allesamt eine Fortsetzung des „The Fixer“-Themas vom Vorgängeralbum sind. Eine rotzige Gitarre, ein bißchen Punkattitüde hier, ein wenig Wut da und zwischendurch eine schöne Bridge. Kein allzu grosses Kino, aber eben eingängig und nett gemacht. Doch „nett“ ist ja bekanntlich die kleine Schwester von „scheiße“. Die wahren Batterien für den Herzschrittmacher müssen wir also woanders suchen.

Der erste überraschende Impuls für die Pumpe ist „Sirens“. Es soll Leute geben, die das Stück schon mit dem unvergleichlichen „Black“ vergleichen. Das ist weit hergeholt, geht grundsätzlich aber in die richtige Richtung. Ein eindringlicher Song. Das musikgewordene Gefühl der Einsamkeit. Stellen wir ihn mal auf eine Stufe mit „Man Of The Hour“, Pearl Jam’s Beitrag zum Tim Burton-Film „Big Fish“ von 2003. Ihm folgt „Infallible“, das vermutlich ungewöhnlichste Stück auf „Lightning Bolt“. Es ist mal einschmeichelnd, im nächsten Moment trotzig wie ein ungezogenes Kind und wird möglicherweise ein paar Leute erschrecken. Was gut ist, denn wann hat sich zuletzt jemand vor Pearl Jam erschreckt? „Pendulum“ beginnt mit einem unheilvollen Piano, über das sich Eddie Vedder’s Gesang erhebt. Dann kommt ein sich vorsichtig vorantastendes Schlagzeug um die Ecke, dem die Gitarre funkelnde Sterne auf den Weg streut. Nur das Hühnergegacker hätte es dazu nicht gebraucht. „Swallowed Whole“ hingegen klingt wie eine Kissenschlacht: Fröhlich, ausgelassen, kindisch. Kurz gesagt: Stark! Mit „Let The Records Play“ stoßen Pearl Jam anschließend die Tür zur Kneipe ganz weit auf. Sie stampfen den Laden wild um sich schießend in Grund und Boden, genehmigen sich danach ein Bier an der Theke, während Mike McCready mit seiner Bluesgitarre auf dem Tisch tanzt.

Zum Ende von „Lightning Bolt“ nimmt die Band dann nochmal den Fuß vom Gas. Das hymnische „Yellow Moon“ ist der vielleicht beste Song des gesamten Albums, bevor „Future Days“ für einen fast schüchternen Abgang sorgt. Ist das eine Geige da im Hintergrund? Dazwischen liegt mit „Sleeping By Myself“ der einzige ernstzunehmende Totalausfall. Und zwar sowas von total! Eine klebrig-süße Schlagerballade, bei der nur die Durchsage „Frau Müller, bitte zur SB-Kasse“ fehlt. Das Stück kennt man bereits von Eddie Vedder’s unsäglichem Solo-Album „Ukulele Songs“ von 2011 und es ist seitdem nicht besser geworden. Auch das futuristische Artwork ist ziemlich grausam, aber inzwischen bin ich soweit Pearl Jam selbst diese Geschmacksverirrung zu verzeihen. Zumal die Aufmachung der CD in Form eines kleinen Buches die Augen schnell wieder beruhigt.

Nach der bedingungslosen Selbstaufgabe namens „Backspacer“ hat „Lightning Bolt“ endlich wieder so etwas wie Ecken und Kanten. Die Songs sind weniger plakativ und austauschbar, der verzweifelte Versuch die eigene Jugendlichkeit zu konservieren, ist einem (wenn auch nicht durchgängig) souveränen Umgang mit den musikalischen Wurzeln gewichen. Es ist als würde man nach Jahren in der Fremde alte Freunde wiedertreffen, die zwar inzwischen ein schickes Anwesen im Grünen, aber trotzdem noch etwas Spannendes zu erzählen haben. Ich gebe mich zwar nicht der Illusion hin, dass wir deswegen gleich wieder wie früher Arm in Arm um die Häuser ziehen werden, aber der Sarg hat sich wieder geöffnet.

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