Beginner – Füchseschaulaufen im Ruhrpott

Photo credit: Nils Müller
DATUM» 28.11.2016
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„Wie heißt unser neues Album?“ Ein Raunen geht durch die Menge, aber eine Antwort bleibt aus. Gesichter gucken sich verwirrt an: Wie hieß das noch gleich? Jan Delay hat keinen Bock zu warten. Er wendet sich ab von der Menschenmasse zu seinem DJ. „Egal Mad, spiel den nächsten Song.“ Irgendwie ist die Szene bezeichnend für den gut zweistündigen Auftritt von Jan Delay, Denyo und DJ Mad, kurz, Die Beginner. „Advanced Chemistry“, das erste Album der Hamburger Hip Hop Kombo seit 13 Jahren, bekam gemischte Kritiken. Von „Zenit überschritte“ bis hin zum „Aufleben einer Legende“ war alles dabei, was man in einer Bewertung schreiben kann. Das Publikum auf ihren Live-Shows, hat hingegen heute Abend allerding ein „Setzen 6!“ verdient.

Doch von Beginn an: Den Anfang macht Langzeitkollege Megaloh aus Frankfurt, der versucht mit seinem gut 40-minütigen Set der Menge so gut es geht einzuheizen. Doch bereits von Beginn an scheinen Publikum und Künstler sich nicht auf einer Wellenlänge zu bewegen. Wechselgesänge brechen rabiat ab, in Sachen Bewegung herrscht bei den gut 9000 Leuten Stillstand und abgesehen davon, hat man die Bühnenfläche mittels Vorhang mindestens geviertelt, sodass Uchenna van Capelleveen (so sein bürgerlicher Name) nur eine schmale Linie bin zum Bühnengraben bleibt um seine Songs zu performen. Traurig, dass der Frankfurter trotz Live-Qualitäten, eher als wippende Dekoration fungiert. Dennoch kann man ihm keine Abzüge in punkto Spielfreude und -lust machen.

Das Gleiche gilt für den Headliner des Abends. Als das Licht ausgeht und die Hamburger, inklusive zwei attraktiven Backgroundsängerinnen die Bühne betreten, kommt ihnen ein Schwall von Ruhrpottliebe entgegen, den man nach dem Support so nicht erwartet hätte. Das Publikum geht auf einmal mit, die Künstler haben Bock und es steht alles auf Versöhnung – doch bereits nach dem zweiten Song Hammerhart beginnt die Menge wieder zu schwächeln. Immer wieder versucht Jan Delay die fast ausverkaufte König Pilsener Arena zu animieren, sei es mittels Wechselgesang oder mit der Aufzählung aller Pottstädte, die heute Abend vertreten sind, was bei der Konstellation Dortmund/Gelsenkirchen direkt nach hinten losgeht und Buhrufe durch die ganze Arena schallen. Da konnte wer den Fußballfanatismus nicht zu Hause lassen. Man einigt sich schließlich als Ansprache auf den Pott als Ganzes, was aber die hinteren Reihen auch nicht überzeugt, sich nicht viel mehr zu bewegen als bei einer „Mannequin-Challenge“. Erst als die Überrschaungsgäste Samy Deluxe und Torch die Bühne mit Freestyles und Songs wie Meine Posse für sich einnehmen, gerät die Menge in Fahrt. Die Treppen des Bühnenbildes blinken und Funkeln und plötzlich sind mehrere Füchse auf der LED-Wand projiziert, was endlich die verdammten Hände in die Höhe schnellen lässt. Doch zu früh gefreut. Nachdem das Main Set mit Rock On beendet wird, verlassen zig Menschen schlagartig die Halle, so als ob ihnen 65 Minuten Spielzeit genug wären. Nungut, wenn man sich den Altersdurchschnitt der Gäste anschaut, müssen wohl die meisten Menschen morgen ganz ruhrpöttisch malochen, dennoch ist dieser Grund ein wenig weit hergeholt, um 22:00 Uhr ein Konzert zu verlassen, welches gerade einmal bei der Hälfte angelangt ist.

Die Hits kommen nämlich bekanntlich zum Ende: So wird Liebeslied im zweiten Zugabeblock mit Herzchen und einer in pink illuminierten Halle zum Besten gegeben. Geschmackssache, der Song trotz seines 18-jährigen Bestehens nichts eingebüßt und die Menge singt textsicher mit. Mit Nach Hause, inklusive eines crowdsurfenden Menschen im Hühnerkostüm, findet das Konzert sein Ende. Trotz der vielen guten Ansätze, welche die Show heute hatte, kann man auf keinen Fall zufrieden sein. Sicher, die Beginner haben abgeliefert, aber wie so oft sorgen größere Multifunktionshallen für einen Schwund an Stimmung und Authentizität innerhalb der Crowd. „Heute bekommt ihr richtigen Hip Hop“, hatte Megaloh mehrfach betont. Doch was passiert, wenn das Publikum keinen richtigen Hip Hop haben will? Es fehlt allen voran an Ecken und Kanten: Auf einem Hip Hop Konzert sollte das Bier nicht 4,50 € kosten, Menschen sollten nicht nach 60 Minuten abhauen um eine Bahn zu bekommen und vor allem sollte das Publikum ein aktiver, mündiger Teil des Konzerts sein und sich nicht nur stumpf berieseln lassen. So kann man heute nur von einer starken Show reden, aber keinesfalls von einem starken Konzert.

Unsere Die Beginner Empfehlung

Advanced Chemistry
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