Anarchy in the U.K. – Yungblud in der Garage, London 13.09.2018

Photo credit: Universal
DATUM» 13.09.2018
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“Ich mache das nicht nur für mich. Ich bin die Stimme einer verdammt wütenden Jugend, versteht ihr?“ Yungblud, aka Dominic Harrison, hört sich an diesem Donnerstagabend wie ein Prophet an, der die frohe Botschaft der Revolte wieder nach UK bringt. Heute hören 700 Jünger zu, die dem 21-jährigen frenetisch zujubeln. Kurzzeitig wird man zurückgesetzt in eine Zeit, an der Rock ’n‘ Roll noch bessere Zeiten erlebt hatte. Irgendwie kommt es einem manchmal so vor, als ob der britische Rock es verpasst hätte, seine rebellischen Werte ins 21. Jahrhundert zu transportieren: Der Indiewelle sei Dank, tanzen doch die Kids von heute eher zu Synthie-Pop, anstatt zu Gitarren Riffs und trinken irgendwas mit Spritz anstatt rot-weiß gestreifte Dosen in den Straßen Londons.

Yungblud, der sich einen Scheiß über die Neureichen und Schönen der Stadt schert und immer wieder betont wo wer herkommt, versetzt die Jugend zumindest teilweise in eine Zeit zurück, in der Smartphones, generell Telefone, auf Konzerten nichts verloren hatten. Sobald der 21-jährige aus Dorncaster die Bühne betritt, schnellen zwar immer noch mehr Bildschirme als Hände in die Höhe, aber zumindest knallen Ellenbogen aneinander und 17-jährige Halbstarke öffnen und schließen Pits, wie in den Zeiten der Sex Pistols und The Clash. Songs wie I Love You, Will You Marry Me und California sind genau die richtige Medizin anscheinend nach einem anstrengenden Schultag. Mit erhobenen Zeigefinger wird gegen Brexit, Teresa Mey und das System im Allgemeinen gewettert und mit Polygraph Eyes das Partyleben in der UK kritisch hinterfragt. Dazu gibt es Rumgeknutsche mit den Bandkollegen und Tanzeinlagen, die man sonst nur im Ballett sieht. Yungblud ist Schauspieler, Entertainer und ein verdammter Prophet in einem. Eine selbstkreierte Comicfigur aus einem Horrorbuch, die er verinnerlicht hat. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass das einzige Cover des Abends Rape Me von Nirvana ist.

Nach gut 70 Minuten geht das Licht wieder an und die Show ist vorbei. Mehr als genug für die 700 Fans in der Halle, der Schweiß steht vor allem den vorderen Reihen im Gesicht. Dieser Abschluss wird in letzter Zeit häufig bei Berichten verwendet, aber verdammt noch mal: Das ist das letzte Mal, dass man diesen Künstler in solch einer kleinen Halle sehen wird. Und jeder einzelne Besucher, egal ob verstörtes Schulkind oder besorgtes Elternteil („Where the fuck am I?“, ertönt von einem britischen Mittfünfziger gleich zu Anfang) – sollte froh darüber sein, dass solche Musik mehr Menschen finden wird