Herbert Grönemeyer begibt sich mitten rein: „Tumult“

Neues Album 2018 "Tumult" von Herbert Grönemeyer

VERÖFFENTLICHUNG» 09.11.2018
BEWERTUNG» 8 / 9
ARTIST»
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Ich muss gestehen, dass ich mit den Alben des großen Meisters seit seinem Mega-Erfolg und Ausnahmewerk „Mensch“ nicht viel anfangen konnte. „12“, „Schiffsverkehr“ und „Dauernd jetzt“ waren zwar ebenfalls Nummer-1-Alben, aber der Funke wollte einfach nicht überspringen. Ganz anders ist es jetzt mit „Tumult“. Schon beim ersten Hören im Radio hat mich die Single „Sekundenglück“ gefangen genommen. Was für eine tolle Idee, den inneren Monolog mit einem Schreibmaschinen-Rhythmus zu unterlegen, der den Gedankenfluss unterstreicht. Eine wundervolle Melodie – und dann diese Wortschöpfung im Songtitel. Ein Ausnahmesong, wie ich mir ihn lange wieder gewünscht habe.

Das Album „Tumult“ ist auf den ersten Blick unpolitisch, und doch handelt es von den unruhigen Zeiten, in denen wir leben, von der Befindlichkeit des Landes und der Gesellschaft. Und es erzählt auch von dem, was selbst in Zeiten wie diesen unabänderlich bleibt und Hoffnung stiftet: Es erzählt von der Liebe und vom Geliebt-werden; es erzählt von dem Glück, das in winzigen Momenten weilt, aber auch von der Verheißung des Werdens und des stetigen Neuanfangs.

Dazu nutzt Grönemeyer – wie gewohnt – unterschiedliche musikalische Stile. Vielleich vielfältiger denn je. Wir finden Mambo- und Latino-Rhythmen in „Taufrisch“, weltmusikalisch-orientalische Klänge im Duett „Doppelherz / iki Gönlüm“ mit dem Rapper BRKN, den Tango „Der Held“ und das fast schon gospelmäßig anmutende „Warum“ mit dezentem Backgroundchor. Doch er ruht sich auf dieser Vielfalt nicht aus, sondern bietet eine breite Palette an vor allem balladesken Liedern, die auf verschiedene Arten zu Herzen gehen.

Das Liebeslied „Mein Lebensstrahlen“ bietet neben der Bildsprache in den Lyrics auch eine wundersame Melancholie, die den Hörer mitnimmt. „Bist du da“ lässt die Frage des Songtitels nur am Anfang stehen. Der Refrain wird immer rockiger und mündet schließlich in einem selbstbewussten „Du bist da“. „Fall der Fälle“ besticht durch einen Herzschlag-Rhythmus, der darüber hinaus nur von akustischer Gitarre begleitet wird. Der Elektrobeat von „Leichtsinn und Liebe“ steht neben der Pianoballade „Verwandt“.

Dezent politisch wird es in „Wartezimmer der Welt“, dem eigentlichen Titelsong des Albums, in dem der Sänger das Unpolitische betrachtet und den Protagonisten ziemlich teilnahmslos auf „das Chaos und den Tumult“ blicken lässt. Energisch und aufrüttelnd folgt dann aber „Und immer“, das für Grönemeyer so typisch hohe, fast schon hysterisch klingende Vovals mitbringt. Und „Lebe mit mir los“ bietet schnelle Pianoläufe sowie prägnante Trompeten. Ein gelungerner Abschluss.

Die Deluxe-Edition enthält noch fünf Bonussongs, darunter zwei Remixe. „Seid ihr noch da?“ funktioniert als sphärische Ballade, „La Bonifica“ erzählt von enttäuschten Hoffnungen im gelobten Deutschland und „Mut“ macht sich nachdenklich auf die Suche nach Ruhe. Allein die Auswahl dieser Bonustitel macht deutlich, dass Grönemeyer keineswegs Lückenfüller auf dem Album hat, sondern vielmehr das Luxusproblem, gar nicht alle Ideen in normaler Albumlänge unterbringen zu können.

„Tumult“ ist ein Grönemeyer-Album ganz nach meinem Geschmack. Ein Werk, das die Lage beschreibt, in der wir leben; ein Werk, das Wort und Klang für die Stimmung findet, die uns alle ergriffen hat und in Sorge versetzt. Sein fünfzehntes Album ist eines der wichtigsten!

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Letzte Aktualisierung am 28.09.2018 um 17:12 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API