MC50 feiern im Kölner Luxor 50 Jahre „Kick Out The Jams“

MC50 - 50th Anniversary of "Kick Out The Jams" - Luxor, Köln - 27.11.2018

DATUM» 27.11.2018
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Wenn einige deiner musikalischen Helden quasi in deinem Wohnzimmer auftreten, dann ist das wie Weihnachten im November. Heute abend findet im Kölner Luxor eine vorgezogene Bescherung statt. MC50 sind zu Gast und die Bandbesetzung liest sich wie die Speisekarte eines Fünf-Sterne-Restaurants: Urgestein Wayne Kramer an der Gitarre, dazu Soundgarden-Gitarrist Kim Thayil, Fugazi-Drummer Brendan Canty, Basser Billy Gould von Faith No More und Zen Guerilla-Sänger Marcus Durant. Umso erstaunlicher, dass das Konzert vom Gloria Theater ins ungleich kleinere Luxor verlegt wurde. Der Zuspruch hält sich auch dort in Grenzen. Am Ende mögen es 350 Fans sein, die den Weg in die Luxemburger Straße gefunden haben. Möglicherweise liegt das an der mangelnden Werbung oder am gepfefferten Ticketpreis von 40 Euro. Soviel sei schon jetzt verraten: Diejenigen, die das heimische Sofa einem Ausflug in die kalte Kölner Nacht vorgezogen haben, dürfen sich ärgern. Falsche Entscheidung.

Zur besseren Einordnung ein kurzer Rückblick: Am 30. und 31. Oktober 1968 traten MC5 (als Abkürzung für Motor City Five) in Detroit auf die Bühne des Grande Ballroom und rauschten durch ein Set von enorm aggressiven Stücken. Vier Monate später veröffentlichte die Band den Live-Mitschnitt dieser beiden Konzerte unter dem Titel „Kick Out The Jams“. Die Welt des Rock hatte sich für immer verändert. Was später unter der etwas holprigen Genrebezeichnung Proto-Punk bekannt wurde, nahm hier seinen Anfang. Die kraftvolle Energie, mit der MC5 auf der Bühne alles von sich preisgaben, die politischen Positionen, die sie vertraten, die provokative „Fuck You“-Haltung gegenüber jeglicher Form von Autorität, der unbedingte Wille, ein Publikum zum Ausrasten zu bringen: All das und viel mehr zeichnet diese Platte und diese Band aus. MC5 standen für das Detroit der Arbeiter, für das Amerika der enttäuschten Hippies, für die militante links-liberale Politik der White Panther Party, für eine neue Musik, die in ihrer gnadenlosen Lautstärke, ihrer inhaltlichen Kompromisslosigkeit und ihrem Aufbruch zu neuen Ufern die revolutionäre Haltung jener Zeit widerspiegelte. Bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Chicago spielten MC5 ein achtstündiges Set, bei dem sie den Strom für ihre Amps aus einem Hot-Dog-Stand abzapften. Ende der 60er Jahre überwachte sogar das FBI das Treiben des Quintetts. 1971 endete die Geschichte der Band nach nur drei Alben.

Da fast alle Originalmitglieder von MC5 nicht mehr am Leben sind (Schlagzeuger Dennis „Machine Gun“ Thompson spielte nur ausgewählte US-Konzerte), begleiten den 70-jährigen (!) Mitbegründer Kramer nun also die vier oben genannten Herren auf der Jubiläumstour zum 50. Geburtstag von „Kick Out The Jams“. Bevor wir in diesen Genuss kommen, heizen zunächst Taskete den Kölnern kräftig ein. Taskete ist ein neues Bandprojekt von alten Bekannten, bestehend aus Florian „Flo“ Weber, dem Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller und Aren Emirze, bis 2014 Frontmann der Noise-Rocker Harmful. Zwei Mann, ein Sound. Eine halbe Stunde lang liefert das symphatische Duo ein ordentliches Brett aus Noise und Heavy Metal ab. Vor gut vier Wochen ist ihr erstes selbstbetiteltes Album erschienen und es darf an dieser Stelle ruhigen Gewissens zum Kauf empfohlen werden.

Um 21 Uhr ist es dann soweit. Die Hauptdarsteller des Abends betreten – zur allgemeinen Irritation von den Toiletten und nicht vom Backstagebereich aus kommend – die Bühne und legen ohne großen Firlefanz los. Wayne Kramer gebührt wie auf dem Original die Ehre das erste Stück „Ramblin‘ Rose“ singen zu dürfen, bevor er das Mikro an Marcus Durant weiterreicht. Durant erinnert äußerlich zwar stark an eine behaarte Kopie von Guildo Horn, stimmlich ist er dem Meister aus Trier allerdings haushoch überlegen und noch dazu eine eindrucksvolle Rampensau. Im Verlaufe des Sets wirft er sich wiederholt vor den Fans auf die Knie und seine dunkle Sonnenbrille legt er passenderweise erst zum letzten Song „Looking At You“ ab. Bei „Starship“ bläst Durant die Melodie auf einem mir unbekannten Instrument, das aussieht wie ein abgesägtes Staubsaugerrohr. Lediglich von einer Bandvorstellung unterbrochen rocken sich MC50 durch die acht Stücke ihres legendären „Kick Out The Jams“-Albums, an deren Ende Wayne Kramer noch einmal der Ursprungsbesetzung huldigt.

Dem Quintett, das sich heute auf der Bühne austobt, sieht und hört man den Spass an der Sache deutlich an. Zwischendurch liefern sich Thayil und Kramer ein mehrminütiges Gitarrenduell, das für mich mit einem Unentschieden endet. Auch vor der Bühne ist die Stimmung ebenso wie der Sound grossartig. Eine erste kurze Verschnaufpause, wenn man es denn so nennen will, bietet das Ray Charles-Cover „I Believe To My Soul“, bei dem besonders Marcus Durant seine gesanglichen Qualitäten unter Beweis stellt, aber auch alle anderen zeigen, dass sie handwerklich über jeden Zweifel erhaben sind. Danach geht es mit Volldampf weiter und zu „Sister Anne“ steuert Durant noch ein ausgiebiges Mundharmonika-Solo bei. Als nach anderthalb Stunden mit „Looking At You“ das Ende des schweißtreibenden Abends naht, lässt es sich Wayne Kramer nicht nehmen, den Fans zum Abschluss unter Verweis auf den „Idioten im Weißen Haus“ noch eine Botschaft mit auf den Weg zu geben: Resist Homophobia! Resist Sexism! Resist Racism! Resist Fascism! Fight For Respect! Danach verneigen sich MC50 vor ihren Fans und entlassen die Kölner zurück in die kalte Nacht. Wer sich bis dahin noch ein wenig im Luxor aufwärmt, darf vorher noch das ein oder andere Foto oder Autogramm absahnen und mit den Musikern über dieses und jenes fachsimpeln. Ob es dabei auch um persönliche Abstürze und einige Gefängnisaufenthalte vor fünfzig Jahren ging, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Sicher ist, dass „Kick Out The Jams“ unzählige Bands inspiriert und beeinflusst hat. Punk, Metal, Indie- oder Alternative Rock würden sich ohne diese Platte heute anders anhören. In Köln haben MC50 einen der ganz großen Momente der Rockgeschichte noch einmal auferstehen lassen. Den Berlinern und Hamburgern, die noch folgen, sei deshalb gesagt: Feiert dieses Album! Und zwar so viel und so heftig wie ihr könnt!