Chris Tall in der Arena Trier: Und jetzt ist Papa dran

Chris Tall räumt auf mit Vorurteilen und besserwisserischen Vätern

DATUM» 29.11.2018
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Als er Anfang 2017 in der Arena Trier zu Gast war, lag die Zuschauerzahl noch bei unter 3000. Jetzt ist die Halle mit 4500 Leuten ausverkauft, die den Comedian von Beginn an begeistert feiern. Das Konzept ist gleich geblieben, doch statt Mutti (wie noch vor zwei Jahren) spielt jetzt Papi die titelgebende Rolle.

Schon in den ersten Minuten wurde klar, dass die Erziehungsmethoden des Vaters und sein Umgang mit den neuen Medien nur Aufhänger sind, um einige Gags an den Mann und einen Hauch von rotem Faden in die Show zu bringen. Ansonsten geht es Chris Tall um etwas ganz anderes: Er will Witze über alles und jeden machen, Vorurteile breit auswalzen und damit ein Statement gegen jede Form von Diskriminierung setzen.

Kann das funktionieren? Und ob. Vor allem wenn Vertreter von Randgruppen vor Ort sind, die ihm von Anfang an Paroli bieten. So meldete sich gleich zu Beginn der Show Adam zu Wort. Ein Spastiker im Rollstuhl, der schon bei der letzten Trierer Show eine tragende Rolle gespielt und es nun in die erste Reihe geschafft hatte. „Ist ja klar – du bringst deinen Stuhl einfach mit“, war Chris‘ lakonische Erklärung. Als Adam dann ein freches „Du kennst mich und deine Mutter auch“ nachsetzte, war das Eis gebrochen. Allein das Zusammenspiel dieser beiden Protagonisten war es wert, die Show zu sehen, und Chris hatte bisweilen Mühe, den Rolli-Fahrer in seinen Interaktionen zu bremsen.

Weiter ging es mit dem Kennenlernen der Zuschauer. Wo die denn wohl herkommen? „Aus Berlin“, rief jemand. Und (als Chris sich schon freute) „aber nicht wegen dir“ hinterher. Oder aus Essen, was der Comedian mit einem wohligen „Das ist meine Stadt“ quittierte und klarmachte, dass er Witze auf Kosten seines Übergewichts locker parieren kann. Aber das Trierer Platt hatte es ihm angetan. „Watt is datt daa dann“ war ein Satz, den er gelernt und lieb gewonnen hatte. Thomas in der ersten Reihe wurde mit den Worten „Ich bin einmal nicht der Fetteste“ begrüßt und ein dunkelhäutiger Mann in vorderer Front kam als nächstes Opfer in Frage. Chris scheute sich auch nicht davor, dessen vermeintliche Schwanzlänge zu thematisieren, bis klar war, dass die Begleitung nebenan die Tochter des Mannes war („Zum Glück kann er nicht rot werden“).

Damit war klargestellt, dass es in der Show keine Grenzen geben wird und die Gürtellinie quasi nicht vorhanden ist. Dafür lieben die Fans Chris Tall. Jetzt kam aber das Thema des Abends zur Sprache: Der Papa. Er hat noch ein Nokia 3210 und spielt am liebsten Snake. Die Gesichtserkennung am iPhone des Sohnes kann er aber mit Hilfe einer Bockwurst entsperren, um an dessen Smartphone Memory zu spielen. Bis Chris erkennt, dass der Papa da nicht Memory spielt sondern auf Tinder 67 Matches für den Sohn erwischt hat.

Grund genug für einen Wechsel vom virtuellen ins reale Leben: Chris suchte nach Singles im Publikum, fand Michelle und Philipp und überredete diese tatsächlich dazu, sich für Freikarten und einen Artikel vom Merchstand auf der Bühne zu küssen. Im Anschluss sorgte der 13jährige Lasse für eine deutliche Verlängerung des ersten Showteils, als er sich mit Chris ein Breakdance Battle auf der Bühne lieferte, das er haushoch gewann. Die Zuschauer bedachten dies mit großem Jubel und wurden um 21.20 Uhr in die Pause entlassen.

Nach einer halben Stunde ging es weiter und Chris fand wieder zurück zum Papa und zu dessen Versuchen, den Sohn zum Sport zu überreden. „Ich steige ab vom Mofa und geh direkt aufs Sofa“ war allerdings Chris‘ Devise. Außerdem laufe Darts ja auf Sport1 und müsse deshalb auch eine Sportart sein. Die sexuelle Aufklärung durch den Vater ging irgendwo so: „Aus dem Wurzelgnom wird ein standhafter Zyklop“. Ah ja. Dann doch lieber RTL und Pro7 geschaut, was Chris zum Anlass nahm, das Supertalent und den Bachelor durch den Kakao zu ziehen.

„In meiner Show sind alle gleich. Wenn Nazis da sind: Ihr dürft gerne gehen“, machte der Comedian unter großem Applaus deutlich, um sich dann gleich dem nächsten Opfer zuzuwenden: Angus, einem bekennend Homosexuellen. Man muss Chris Tall schon dafür bewundern, dass er seine Späße absolut auf Augenhöhe macht und die Vorurteile nicht wie Beschimpfungen verwendet. Das ist sein großes Ding und macht ihn zum menschlichen Superstar, der zudem auch gerne auf den eigenen Schwächen rumreitet.

Ganz zum Ende wurde es im Zugabenblock ein Stück weit melancholisch. Zunächst feierte Chris die Zuschauer, dass sie „trotz der katastrophalen Parkplatzsituation“ noch nicht aus der Halle stürmten. Es gab Dankesworte an alle unfreiwillig Mitwirkenden von Adam bis Angus. Dann wandte er sich an unterbezahlte Berufsgruppen wie Erzieher und Altenpfleger, die eine gesellschaftlich so wichtige Arbeit leisten und dabei schlecht bezahlt werden. Somit hatte er jedem noch was zum Nachdenken mitgegeben und entließ das Publikum um 22.45 Uhr in die Trierer Nacht.

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Letzte Aktualisierung am 15.12.2018 um 09:21 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API