Kein kalkuliertes Chaos – Pete Doherty in der Kantine, Köln am 17.05.2019

Doherty steht das Alter - Ein Konzert mit vielen Klassikern, lustigen Anekdoten und einer Regenbogenfahne

DATUM» 17.05.2019
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Margate ist eine verschlafene Kleinstadt an der Ostküste Großbritanniens. Das Durchschnittsalter der Einwohner dürfte weit über 40 Jahren liegen und abgesehen von einzelnen Pubs hat die neue Heimat von Pete Doherty nicht wirklich viel zu bieten. Und doch hat die Dorfmetropole ihm sichtlich gutgetan. Glich er bei seinem Auftritt in der Live Music Hall vor zwei Jahren als eine Parodie seiner selbst, überzeugt der Gitarrist der Libertines heute mit anderthalb Stunden spontaner und hochwertiger Unterhaltung. Vielleicht nicht ganz so chaotisch wie früher, dafür aber technisch um Längen besser.

Die Kantine, eine gemütliche 500-Mann Location mitten in einem Industriegebiet in Köln, ist heute Konzertstätte für Doherty und seine Band, die Puta Madres. Es ist das erste Mal, dass Doherty mit einer europäischen Konstellation auf Tour ist. Große klangliche Unterschiede sind bei Last of the English Roses oder bei Hell To Pay at the Gates of Heaven aber nicht wirklich festzustellen. Die Band wirkt gut eingespielt und Doherty aufgeräumter denn je: Lediglich einmal wirft er sein Mikrofon auf den Bühnenboden, sein Gesicht bleibt davon zum Glück verschont. Mal. Dafür unterhält der 40-Jährige mit kurzfristig angeräumten Akustikeinlagen und Mundharmonika-Solos. Gelassen blickt er immer wieder auf die gut 450 Besucher, die zwei Jahrzehnte Doherty aus vollen Kehlen mitsingen. Da tut es ihm auch nichts ab, dass seine Freundin Nathalie, die Keyboarderin der Band, eine Regenbogen-Flagge mit der Aufschrift „Lesbians love Nathalie“ geschenkt bekommt.  Versuchen kann man’s ja mal.

So plätschern gut 20 Songs dahin, welche lediglich von dem Gedränge der Leute gestört werden, die sich entweder Bier nachfüllen wollen  oder wegen zu viel Bier nicht mehr stehen können und Richtung Ausgang einfach Menschen umrennen. Insgesamt ist das aber jammern auf sehr hohem Niveau. Die 90 Minuten, welche Doherty auf der Bühne steht, sind zum Schwelgen, Singen und Trinken da.  Paradise Is Under Your Nose bildet als einer der Abschlusssongs das absolute Highlight diesem Best-of aus Babyshambles, Libertines und Dohertys Solomusik.

Einer der Top-YouTube Kommentare unter einem von Dohertys Songs war: Er sieht aus wie ein Teenager und ein Frührentner zugleich. Dieser zugegeben pauschale Beitrag über seinen ist-Zustand enthält auch ein Stück Wahrheit. Die grauen Haare, der Attitüde bleibt weiter kindlich – also genau das, was Doherty immer ausgemacht hat. Bleibt zu hoffen, dass es auch für die nächsten 40 Jahre so bleibt.