7. Night of the Prog Festival mit Lazuli, Haken, The Flower Kings, Katatonia, Steve Hackett, Saga, 8. Juli 2012 Loreley, Tag 2

7. Night of the Prog Festival 2012 Loreley

Zum siebten Mal fand das Night of the Prog (NotP) Festival in diesem Jahr statt, d.h. zum 7. Mal seit 2006 trafen sich die Fans der progressiven Musik auf dem „heiligen Felsen“ oberhalb von Sankt Goarshausen, um dort mit Gleichgesinnten zu feiern, an den zahlreichen Verkaufständen die eigene Sammlung zu ergänzen oder einfach nur um gute Musik zu hören. Was als Eintages-Event begann und sich im dritten Jahr zu einer Dreitagesveranstaltung entwickelt hatte, ist mittlerweile wieder auf 2 Tage „gesundgeschrumpft“. Der Schreiber dieser Zeilen selbst ist jedes Jahr anwesend gewesen (wenn auch nicht immer an allen Tagen).
Dieses Jahr konnte der Veranstalter zwar keinen absoluten Topact der Szene aufbieten (wie Dream Theater im vergangenen Jahr), dafür war das Programm aber über zwei Tage so ausgewogen, dass ich 2012 nach mehreren Jahren wieder beide Tage des Festivals besuchen wollte.
Als wir das Festivalgelände am Samstagabend kurz vor Mitternacht zu den letzten Klängen von Saga verließen, konnte ich mir fast nicht vorstellen, dass es am folgenden Tag regnen sollte, aber der Wetterbericht traf zu. Am Sonntagmorgen gingen recht heftige Schauer über der Loreley nieder. Da ich selbst jedoch nach Hause gefahren war, konnte ich am PC die Wetterradarbilder entspannt genießen – und losfahren, als sich die Front nach Osten verabschiedete. Zwar gab es auch im Verlauf des Sonntagnachmittags noch einige Schauer; diese fielen jedoch vergleichsweise harmlos aus und dauerten nur 5-10 Minuten.

Ich betrat also das Festivalgelände um halb 2, just als Lazuli (13:30 – 15:13) die Bühne enterten. Die Band aus Südfrankreich hatte bereits 2009 auf der Loreley gespielt, damals allerdings noch in Originalbesetzung. Ursprünglich bestand die Band aus 6 Musikern, die ich bisweilen als am skurrilsten behaarte Band meines Konzertlebens beschrieben habe. Einen weiteren Superlativ könnte man allerdings auch für das Instrumentarium der Musiker benutzen. Neben zwei Gitarristen (akustisch und elektrisch) fanden sich dort ebenfalls zwei (sehr variabel ausgestattete) Perkussionisten, ein Warr-Gitarrist (ein Chapman-Stick für Fortgeschrittene) sowie ein Léode-Spieler. Bei Letzterem handelt es sich um ein einzigartiges Instrument, das für Claude Léonetti angefertigt wurde, nachdem er bei einem Motorradunfall teilweise in einem Arm gelähmt war. Für Kenner sei gesagt, dass es sich quasi um eine Kreuzung aus Chapman-Stick und Midi-Controller handelt, mit der alle möglichen Töne erzeugt und mittels eines elektronischen Griffbrettes verändert werden können. Der aus diesem Lineup resultierende Gesamtsound war definitiv einmalig und eben dies ließ mich nach meinem ersten Konzertbesuch 2007 auch nahezu sprachlos zurück.
Ende 2009 verließen drei der Musiker die Band. Anstatt der beiden Percussion-Spieler und des Warr-Gitarristen stießen ein „normaler“ Drummer sowie ein Keyboard-Spieler zur Band. Dabei handelte es sich um (ehemalige) Fans der Band, die ihre „Dienste“ nach der Auflösung der Urbesetzung anboten. Man muss allerdings nicht Musik studiert haben, um (zutreffend) zu vermuten, dass durch diese Veränderungen der Sound der Band sich deutlich dem einer normalen Rockband angenähert hat. (Auch behaarungstechnisch sind die beiden Neulinge eindeutig näher am Mainstream als der Rest der Band und die Musiker, die sie ersetzt haben, aber dies nur nebenbei.)
Allerdings wird immer noch einiges an Abwechslung geboten, wenn Lazuli auf der Bühne stehen. So blies der Keyboarder gleich beim zweiten und dritten Stück in ein Waldhorn, oder aber er übernahm bei einem Lied das Schlagzeug, während der Schlagzeuger zum Vibraphon wechselte oder auch mal zur Akustikgitarre griff. All dies trug zur Unterhaltung des Publikums bei, ebenso wie die traditionell mit starkem Akzent abgelesenen deutschen Ansagen von Dominique Léonetti. Seht sympathisch. Überhaupt merkt man den 5 Männern an, dass es ihnen unheimlichen Spaß macht, genau das zu tun was sie dort tun – und das überträgt sich auch auf das Publikum.
So weit so gut. Vielen der neueren Kompositionen der Band fehlt allerdings meines Erachtens dieses gewisse Etwas, das das Gros der beiden ersten Alben ausgezeichnet hat. Aus diesem Grund war es mir auch nicht möglich, eine vollständige Setlist mitzuschreiben, da die Stücke der letzten Alben für mich persönlich nicht ausreichend „Identität“ haben, um sofort wiedererkannt zu werden.
2009 war ein Highlight des Programms eine instrumentale Coverversion von Depeche Modes erstem Hit „Just Can’t Get Enough“ (!), gespielt von allen (!) Bandmitliedern gleichzeitig (!) auf einem (!) Vibraphon. Vermutlich aus logistischen Gründen hatte die Band dieses Mal kein „echtes“ Vibraphon dabei, sondern nur ein elektronisches Exemplar. Das hinderte die 5 Musiker aber nicht daran, sich als Zugabe erneut vollständig um eben dieses Instrument zu versammeln, um gleichzeitig draufloszuspielen. Dabei wurden auch zwischenzeitig die Positionen gewechselt und der diesjährige Über-Hit „Somebody That I Used To Know“ von Gotye eingebaut. Die Spielfreude auf der Bühne und die Begeisterung im Publikum erreichten trotz des zwischenzeitlich einsetzenden Regens einen frühen Höhepunkt an diesem Tag. Es bleibt zu hoffen, dass sich eine Bemerkung von Dominique Léonetti („Alle guten Dinge sind drei“) bewahrheitet und Lazuli in einem der nächsten Jahre wieder beim NotProg auftreten.

 

Im vergangenen Jahr kam ich gerade auf dem Festivalgelände an, als Haken ihr Set spielten. Damals waren sie gerade erst in der Prog-(Metal)-Szene aufgetaucht und galten als Geheimtipp. Ich persönlich war damals nicht besonders beeindruckt und so waren meine Erwartungen in diesem Jahr auch nicht besonders hoch, als Haken (15:33 – 16:53) erneut auf der Loreley-Bühne spielten. Trotz der recht kurzen Umbaupause war der Sound gut – wie überhaupt bei fast allen Bands im Verlauf der zwei Tage. Für echtes Livemusik-Feeling zwar durchgehend etwas zu leise, dafür aber zumeist differenziert und man brauchte auch in Bühnennähe keine Ohrstöpsel. Aber zurück zu Haken. Ich selbst höre gerne (auch) härtere Musik bis hin zu (progressivem) Deathmetal, aber mit Hakens Interpretation von progressivem Metal kann ich einfach nicht viel anfangen. Insbesondere die oft quietschenden Keyboard-Sounds gingen mir (wieder) recht schnell auf die Nerven. Als dann während „Insomnia“ Supermario und (eine Art) Prinzessin Lilifee (?) auf der Bühne erschienen, um rumzuhampeln und headzubangen (!), war mein Geduldsfaden dann doch gerissen. Vermutlich bin ich zu alt, um derartigen Firlefanz lustig zu finden. Zur Ehrenrettung der Band sei jedoch hinzugefügt, dass Haken für viele (zumeist jüngere) Besucher des Festivals das/ein Highlight des zweiten Tages waren. Nun denn.

Setlist – Haken (laut setlist.fm)

  • Premonition
  • Nocturnal Conspiracy
  • Insomnia
  • The Mind’s Eye
  • Portals
  • Shapeshifter
  • Deathless
  • Visions

The Flower Kings (17:18 – 18:48) aus Schweden traten nach 2007 zum zweiten Mal beim NotProg Festival auf. Damals standen sie kurz vor der längsten Auszeit in der Bandgeschichte. Nach einer Tour im November 2007 legte Bandkopf Roine Stolt seine Hauptband auf Eis und die Mitglieder verfolgten danach diverse Soloprojekte (Agents Of Mercy, Karmakanic, etc.).

Nach einem Auftritt beim Sweden Rock Festival im Juni, war dies erst das zweite Konzert der Band seit 2007. Neu im Lineup ist Felix Lehrmann aus Berlin an den Drums, der auch auf der neuen CD „Banks Of Eden“ zu hören ist. Die restlichen Mitglieder spielen seit 1999 zusammen. Stolt, Hasse Fröberg und Tomas Bodin sind sogar bereits seit 1995 Kern der Truppe. Mit ihrem elegischen Retro-Prog stellten sie sicherlich einen starken Kontrast zu Haken dar. Trotz lediglich 7 Tracks (in 90 Minuten) auf der Setlist boten die Flower Kings einen Querschnitt über einen Großteil ihrer Karriere, was mir als „Teilzeitfan“ durchaus zusagte. Während „Paradox Hotel“ ging der letzte Schauer des Tages auf dem Gelände nieder. Kein Wunder, wo doch der erste Track des Sets – „Last Minute On Earth“ – vom Album „The Rainmaker“ stammte. Während des abschließenden „I Am The Sun“ (!) wurde es jedoch langsam wieder heller, und zum Ende des Sets glaubte man tatsächlich die Sonne zwischen den Wolken hervorlugen zu sehen (was sie kurze Zeit später tatsächlich tat und fortan blieb es trocken und sonnig).
Insgesamt merkte man sicherlich, dass ihr Zusammenspiel nach der langen Pause noch nicht perfekt war, aber dennoch gelang den Schweden ein – im positiven Sinne – solider Auftritt beim Notprog VII.

Setlist – The Flower Kings

  • Last Minute On Earth
  • In The Eyes Of The World
  • The Truth Will Set You Free (gekürzt)
  • Numbers (zum allerersten Mal live gespielt)
  • Stardust We Are (Pt 3)
  • Paradox Hotel
  • I Am The Sun

Als ich das endgültige Lineup für das diesjährige Festival zum ersten Mal sah, dachte ich sofort, dass Katatonia (19:14 – 20:41) ein Fremdkörper sein würden. Auch wenn ich die Band nur grob über die Jahre verfolgt hatte, so war ich mir doch sicher, dass der Prog-Gehalt ihres Oeuvres eher in Promille denn in Prozent zu messen ist, zumal auch im Vergleich mit ihren schwedischen Kumpels von Opeth. Letztere hätten m.E. ganz hervorragend in das diesjährige Lineup gepasst. Der mangelnde Prog-Gehalt war jedoch nicht der alleinige Grund für meine Skepsis. Ich hatte Katatonia 2010 schon einmal live gesehen (hauptsächlich wegen der Kombination mit dem damaligen Support Long Distance Calling) und mein damaliges Fazit war, dass es sich – zumindest an dem damaligen Abend – um die langweiligste Liveperformance die ich je auf einer Bühne gesehen habe, gehandelt hat. Insbesondere die (mangelnde) Bühnenpräsenz von Bassist und Sänger Jonas Renkse (der zusammen mit Mikael Akerfeld „echten“ Deathmetal bei der Band Bloodbath macht) empfand ich als sehr ermüdend und langweilend. Ganz so schlimm war es an diesem Abend nicht, aber dennoch war ich spätestens nach dem dritten Song gelangweilt, weil subjektiv alles doch sehr ähnlich klang, weshalb ich den Rest des Sets auch weitgehend für einen Rundgang über das Gelände nutzte. Deutlich unter 2000 Leute waren anwesend. Was für den Veranstalter sicherlich weniger erfreulich war, hatte für die Besucher jedoch den Vorteil, dass man wirklich problemlos über das Gelände schlendernd konnte. Auch die Wartezeiten an den Essens- und Getränkeständen waren minimal. Katatonia spielten derweil sicherlich ein ordentliches Set und ein Gutteil des Publikums ging auch mit. Ich persönlich fand sie jedoch bei einem *Prog*-Festival fehlbesetzt.

Das Festival abschließen sollte in diesem Jahr Steve Hackett mit seiner Band (21:16 – 22:59), der zum zweiten Mal nach 2009 beim NotProg Festival vertreten war. Die Besetzung der Band unterschied sich nur bei der Bassposition. Diese wird in Hacketts Band traditionell je nach Verfügbarkeit von verschieden Personen besetzt. Statt Nick Beggs, der zwischenzeitlich hauptsächlich mit Steven Wilson unterwegs ist, wurde der Fünf(!)saiter – wie auf der Hallentour im vergangenen Herbst – von Phil Mulford bedient. Im Gegensatz zu eben dieser Hallentour war Amanda Lehmann jedoch nicht von der Partie, was wohl auch dazu führte, dass von „Shadow Of The Hierophant“ nur der instrumentale Schlussteil gespielt wurde. Eine kleine Enttäuschung für mich persönlich war die Tatsache, dass das Set statt der angekündigten 2 Stunden nur etwas über 100 Minuten dauerte. Zwar sind die Curfew-Regelungen auf der Loreley inzwischen scheinbar extrem streng (0 Uhr am Samstag, 23 Uhr am Sonntag), mit etwas gutem Willen (des Bühnenpersonals) hätte Hackett sein Set aber auch schon um 21 Uhr beginnen können. Andererseits war die Songauswahl sicherlich sehr gelungen. Frühe Solowerke fügten sich mit Genesis-Klassikern und Songs der letzten Soloalben zu einem erstaunlich harmonischen Ganzen zusammen. Für das Publikum dieses Prog-Festivals waren die Genesis-Titel – performed vom damaligen Gitarristen – alleine die Reise zur Loreley wert. Insbesondere „Firth Of Fifth“ (mit dem legendären Solo) und „Los Endos“ führten zu Standing Ovations im weiten Rund des Amphitheaters. Zur abschließenden Zugabe „Watcher Of The Skies“ wurde ein Gastsänger auf die Bühne geholt, Nad Sylvan von Agents Of Mercy (und Unifaun). Stimmlich war dieser dem Original (Peter Gabriel) sicherlich näher als der Hackett-Drummer (und Sänger) Gary O’Toole; das extravagante Styling und Verhalten von Sylvan lenkte jedoch etwas stark von seiner ansprechenden stimmlichen Leistung ab.
Insgesamt also ein würdiger Abschluss des diesjährigen Festivals. Es bleibt zu hoffen, dass die eher enttäuschenden Besucherzahlen den Veranstalter nicht davon abhalten, auch im kommenden Jahr wieder ein Festival auf der Loreley auf die Beine zu stellen.

Setlist – Steve Hackett

  • Everyday
  • Loch Lomond
  • Fire On The Moon
  • Carpet Crawlers
  • Firth Of Fifth
  • Serpentine
  • The Golden Age Of Steam
  • Shadow Of The Hierophant (instrumental)
  • Fly On A Windshield/Broadway Melody of 1974
  • Sleepers
  • Prairie Angel/Los Endos
  • Spectral Mornings
  • Watcher Of The Skies (w/ Nad Sylvan)