Anathema, Tour 2012 – special guest: Amplifier, Batschkapp Frankfurt am Main

Anathema, Tour 2012 - special guest: Amplifier, Batschkapp Frankfurt am Main
DATUM» 25.04.2012
ARTIST» ,
VENUE»

Anathema sah ich an diesem Abend bereits zum dreizehnten Mal und meine Reaktionen waren in letzter Zeit gemischt. Die Entwicklung zu eher „fröhlicherer“ Musik konnte ich noch ganz gut nachvollziehen, denn dies stellte lediglich eine Weiterentwicklung dar – immerhin begann die Band Anfang der 90er Jahre als doomige Blackmetal-Band (oder schwarze Doommetal-Band?).

Ihre Musik ist heute durchaus massenkompatibel und kann zumindest teilweise (fast) als Popmusik bezeichnet werden. In einer Kritik zur aktuellen Platte „Weather Systems“ wurde angemerkt, dass auch Coldplay-Fans sich durchaus von Anathemas gegenwärtigem Output angesprochen fühlen könnten. Dem würde ich nicht widersprechen. Während ihrer letzten Tour hierzulande (Herbst 2010) wurde diese Entwicklung jedoch so weit getrieben, dass selbst alte Stücke auf der Bühne als Party-Nummern dargeboten wurden. Man mag einwenden, dass eine Band ihre Lieder natürlich so interpretieren kann, wie sie es für richtig hält. Als Fan habe ich jedoch auch das Recht, eine solche Entwicklung nicht gut finden zu dürfen.

Wie beim „special guest“ Amplifier gab es auch bei Anathema in der jüngeren Vergangenheit Besetzungswechsel. Der langjährige Keyboarder Les Smith stieg nach den üblichen „musikalischen Differenzen“ aus und wird seit Mitte letzten Jahres bei Konzerten durch Daniel Cardoso ersetzt. Les Smith beschrieb ich in einer früheren Konzertreview als den „am gelangweiltest aussehenden Musiker, den ich je auf einer Konzertbühne gesehen habe“. Nun denn – vielleicht hat er inzwischen bei einer Neoprog-Band angeheuert und hat daher mehr zu tun. Auch Jamie Cavanagh (Bruder der beiden Gitarristen und Sänger der Band) ist scheinbar kein offizielles Bandmitglied mehr. Allerdings fungiert er nach wie vor als Live-Bassist und Tourmanager und war entsprechend auf der Bühne zu sehen. Von ihm kam auch nach einigen Songs die Bitte ans Publikum, doch bitte die I-Phones auszuschalten und das Konzert *selbst* anzusehen – was großen Jubel auslöste.

Der Hauptset von Anathema bestand vorwiegend aus Stücken der aktuellen CD „Weather Systems“ sowie der vorhergehenden Platte „We’re Here Because We’re Here“. Diese sind meiner Ansicht nach auch sehr ähnlich, und einige der Songs sind wohl auch gleichzeitig entstanden. Wenn man mit den Alben nicht vertraut war, konnte man sicherlich den Eindruck einer gewissen Einförmigkeit des Dargebotenen bekommen, da sich die Details der Musik erst nach mehrmaligem Hören erschließen. Analog zu der oben skizzierten Entwicklung hat auch die Stimme von Lee Douglas eine (noch) größere Rolle im Sound der Band bekommen. Gefühlt singt sie an diesem Abend fast so viel wie (Hauptsänger) Vincent Cavanagh, obwohl sie in Wirklichkeit recht oft eine Pause am Bühnenrand einlegt. Ihre stimmliche Präsenz – auf Platte und auf der Bühne – ist jedoch bemerkenswert.
Erwähnenswerteste Ausnahme im „neuen“ Set war eine Trilogie von Stücken des 99er Albums „Judgement“, von denen zwei seit vielen Jahren nicht mehr aufgeführt worden waren („Emotional Winter“ (seit 2000) und „Wings Of God“ (seit 2004)).

Dies war auch sicherlich ein Höhepunkt des Konzertes. Vom neueren Material überzeugten (mich) vor allem die beiden Teile von „Untouchable“ sowie das von Drummer John Douglas geschriebene „The Storm Before The Calm“ mit seinem treibenden Rhythmus im ersten Teil und der entspannten Coda zum Schluss. Der Sound bei Anathema war etwas weniger differenziert (und auch höhenärmer) als zuvor und mir persönlich auch eher zu leise, aber das ist sicherlich Gehörsache.

Nach etwa 100 Minuten war der offizielle Teil des Konzertes vorbei und der Curfew schon bedrohlich nahe gerückt. In der Tat waren auf der Setlist auch nur drei Titel als Zugaben vorgesehen. Dass es deren fünf wurden, lag daran, dass die Verantwortlichen ihr OK gaben für eine Verlängerung – vielleicht inspiriert vom gleichzeitig ablaufenden Halbfinal-Rückspiel der Bayern bei Real Madrid in der Champions League. Im Zugabeteil kamen ältere Stücke zum Zug und hier möchte ich dann auch einen Kritikpunkt (wenngleich auf hohem Niveau) anbringen. Wer die Band in den letzten 10 Jahren live gesehen hat, konnte die Zugaben mit relativ hoher Trefferquote vorhersagen, da diese Stücke fast immer auf dem Programm gestanden haben. Mich hätten ein paar Überraschungen gefreut, aber das Publikum war dennoch zufrieden. Dies ging soweit, dass eine von Daniel Cavanagh gestellte Auswahl zwischen zwei Stücken dazu führte, dass beide Titel gespielt wurden. Insgesamt stand die Band – wie auch bei ihrem letzten Auftritt an gleicher Stelle im Sommer 2010 – über 130 Minuten auf der Bühne und man konnte allen Mitgliedern die Zufriedenheit ansehen. Im Tour-Blog der Band wurden ihre Reaktionen folgendermaßen dokumentiert:

Very receptive and great audience in Frankfurt. Here’s what the band thought :

Lee : they were blooming marvellous, my favorite night
Vin : sitting on shoulders, whoop, whoop.. they were kicking the bins
Cardoso : amazing, obrigado
Jay : great sound and I felt more confident and relaxed. Brilliant night
John : bloody marvellous
Dan : I love Germany and this was one of the reasons
xxxx Danke Frankfurt xxxx

(Quelle: http://anathema.ws/news.cfm, aufgerufen am 29.04.2012)

Dem ist (fast) nichts hinzuzufügen. Ein rundum gelungener Abend mit zwei hervorragenden Livebands ging zu Ende.