André Rieu Tour 2012 – 25 Jahre Johann-Strauss-Orchester, Arena in Trier

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DATUM» 21.01.2012
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Wer hätte das gedacht – ich besuche innerhalb eines Jahres bereits zum zweiten Mal ein Konzert des Walzerkönigs und Stargeigers André Rieu. Und langsam aber sicher entwickle ich mich zum Verfechter dieser oft belächelten leichten Muse. Ja, Rieu presst Stücke aus Klassik, Operette und Musical in ein populärmusikalisches Gewand. Und er hat Erfolg damit. Weil er nicht kleckert, sondern klotzt. Weil alles stimmig ist: das bunte Bühnenbild mit riesiger LCD-Leinwand, die farbenfrohen Gewänder der Musiker, das affektierte Auftreten der Background-Ladys, die Leistung der vielen Solisten, die in das Programm eingebunden werden. Die Stradivari des Maestros spielt gar keine große Rolle mehr. Rieu spielt die Geige, nutzt sie aber eher, um das Orchester zu dirigieren. Seine Glanztaten als Solist werden längst von dem starken Aufgebot an Künstlern überdeckt – und es ist gut so. André Rieu wirkt als guter Entertainer, versteckt Comedy-Elemente im Programm, hat sein Publikum über fast drei Stunden Programmdauer fest im Griff und ist ein durchaus sympathischer Vogel.

Die Show startete mit einem Einzug durch die „romantische Halle in Trier“, wie Rieu unter lautem Gelächter der Zuschauer bemerkte. Von weit weg waren sie gekommen. Die wenigsten aus Trier direkt, die meisten wohl aus dem Nachbar-Ländchen Luxemburg. Rieu feierte seine „Silberhochzeit“ – das 25jährige Jubiläum mit dem Johann-Strauss-Orchester – und wurde nicht müde, dies stets aufs Neue zu betonen. So sollte die Gäste dann auch eine Art Best-of-Programm erwarten. Aber das ist nichts Neues. Jedes seiner Programme ist ein Best-of aus den beliebtesten Melodien, die Otto-Normal-Klassik-Liebhaber alle mitsummen und mitsingen kann.

Zur Feier des Tages gab es ganz zu Beginn „Alte Kameraden“. Da wurden die Herzen warm und der Bann war gebrochen. Trompeter durften sich im Slapstick auslassen, die Damen im Hintergrund sangen Melodielinien in Operetten-Gehabe, die bonbonfarbenen Kleider der Instrumentalistinnen strahlten ebenso wie die Gesichter des männlichen Ensemble-Parts. Schnell gab es den ersten Gast: Frédéric Jenniges spielte an der Tischzither „Geschichten aus dem Wienerwald“ und später zu einem dicken Publikumsseufzer den Titelsong aus „Der dritte Mann“. Ein echter Komiker, der stets überaus gelangweilt in die Gegend starrte, sobald die Zither Pause hatte, was die Kamera für zwei Großleinwände genüsslich einfing.

Die Choreographie zwischen Solisten und Musikern spielte eine große Rolle. Klar waren die Blickkontakte, die Mimik, das theatralische Gehabe einstudiert – aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Rieu überlässt nichts dem Zufall und macht die Show zum Gesamtkunstwerk. Die heitere Atmosphäre auf der Bühne übertrug sich schnell auf das Publikum. Im weiteren Verlauf traten „Die drei Platin-Tenöre“ auf und sangen unter anderem Puccinis „Nessun dorma“. Dann gab der Glockenspieler Frank Steijn aus Maastricht eine erstaunlich flinke Einlage an einem großen Glockenspiel mit Klaviertastatur, das in einem Duell mit dem Glockenspieler des Orchesters gipfelte. Bevor es dann in die Pause ging, sangen Musical-Solistinnen bekannte Teile aus „My fair lady“.

Die Musical-Elemente sollten im zweiten Teil eine noch größere Rolle spielen und waren sehr beeindruckend. Hier boten die Solisten im Zusammenspiel mit dem Orchester eine schauspielerische und gesangliche Glanzleistung. Zunächst aber war der Entertainer Rieu nochmal dran und stellte die nach der Pause zu spät kommenden Zuschauer auf einer großen Leinwand bloß. Peinlich für die Betroffenen, aber Schadenfreude funktioniert nun mal immer.

Das Instrumentalisten-Trio „St. Petersburg“ kam zur nächsten Gast-Einlage und lieferte zunächst „Lara’s Theme“ aus „Dr. Schiwago“ (wir erinnern uns: das Dieter Hallervorden in seinem berühmten Sketch mal verzweifelt gesucht hat) und den russischen Gassenhauer „Kalinka“. Die überdimensionale Balalaika verfehlte dabei ihre Wirkung nicht. Dann sang eine dunkle Sopranistin (Rieu bezeichnete sie als „schwarzen Diamanten aus Kapstadt“) mit grandioser Stimme eine Arie aus Lehàrs „Die lustige Witwe“. Schließlich flog Mary Poppins über die Köpfe der Zuschauer ein (!) und sang aus dem bekannten Musical die Hits „Supercalifragilisticexpialidocious“ (mit enormem Mitsing-Effekt unter den Anwesenden) und „Feed The Birds“. Im Anschluss – nach kurzer Pause zum Umziehen – glänzte sie mit „Memories“ aus „Cats“. Hier lässt sich Rieu nicht lumpen und bringt immer wieder großartige Solisten, die ihn zum Teil über Jahre begleiten. Doch natürlich kommen die Walzer des Orchesters auch nicht zu kurz und es gab immer wieder einen Reigen bekannter Melodien mit Wiedererkennungswert. Und zum Ende hin – was in keinem seiner Konzerte fehlen darf –  „An der schönen blauen Donau“. Hier finden die Instrumentalisten ihre musikalische Heimat und das Publikum schwelgt in schönen Erinnerungen. Dass es auch anders geht, zeigte die dramatische Inszenierung von Ravels „Boléro“ zum Schluss des regulären Programms. Ein Bombaststück mit einem anspruchsvollen dynamischen und rhythmischen Konzept, das auch den letzten Skeptiker beeindrucken und von der Qualität des Orchesters überzeugen musste.

Im Zugabenblock machten Ballons die Arena noch bunter und die Stimmung war sehr gelöst. Zuschauer stürmten nach vorne, Fotografen durften endlich Bilder machen, kamen aber nicht durch die jubelnde Menge, Rieu grinste schelmisch ins Publikum, stimmte einen Gassenhauer nach dem anderen an und empfahl sich für die nächste Tour, die ganz sicher kommen wird. Der Mann ist vor einigen Jahren knapp dem Ruin entgangen, als eine Virusinfektion ihn außer Gefecht setzt und er eine Showproduktion in den Sand setzen musste, die (so munkelt der Boulevard) 36 Millionen Euro Schulden anhäufte. Inzwischen liegt er im Ranking der bestverdienenden Musiker weltweit auf Platz 15. Und man gönnt es ihm. Die glücklichen Gesichter der 4000 Anwesenden sprachen Bände.