Art Brut – Brillant! Tragic! – Tour 2011 – Luxor Köln

Art Brut Live In Köln Luxor
DATUM» 25.05.2011
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Eddie Argos, der Frontmann von Art Brut, mischt sich gerne unters Volk. So streift er schon vor dem Konzert durchs Luxor, checkt den Merchandising-Stand und ordert an der Bar eine verdächtig klare Flüssigkeit mit Eis (Wasser? Wodka? Man weiß es nicht). Die coole und konzerterfahrene Kölner Szene ignoriert ihn natürlich ganz lässig. Das wird sich nach dem Auftritt ändern! Denn Eddie hat etwas, das die meisten hier anwesenden Damen vermutlich nicht erwartet hätten: Sex-Appeal. Aber dazu kommen wir später.

Art Brut, genauso ausgesprochen wie es auf deutsch geschrieben wird, bedeutet Outsider-Kunst – grobe Kunst, gemacht von Strafgefangenen, geistig Kranken, gesellschaftlichen Außenseitern. Das erscheint passend genug für die spaßig-schräge New British Wave-Punkrock-Indie-Schiene, auf der Art Brut es sich gemütlich gemacht und inzwischen auch recht heimelig eingerichtet haben. So heißt es auch in „Good Weekend“: „Haven’t read the NME in so long, don’t know what genre we belong“.

Die aktuelle Besetzung der deutsch-britischen Band aus Berlin besteht an diesem Abend neben Leadsänger Argos aus Ian Catskilkin (Gitarre), Bassistin Freddy Feedback, Mikey Breyer (Drums), der ursprünglich aus dem Allgäu stammt, und dem niedlich schüchternen Jasper „Jeff“ Future (Gitarre), der auf der Band-Website als „Stage Craft“ tituliert ist und der nicht fotografiert werden möchte, später aber dann doch noch auftaut. Die gute Stimmung innerhalb der Band ist den ganzen Abend spürbar. Über die Jahre sind sie Freunde geworden, verriet Eddie Argos kürzlich in einem Interview, nachdem sie ursprünglich eher zufällig zusammengewürfelt vor allem ein Ziel verfolgten: in einer Band sein, egal mit wem, und Rockstars werden.

Die Songs des vierten Art Brut-Albums „Brilliant! Tragic!“, das zwei Tage später erscheint und wieder von Pixies-Sänger Frank Black produziert wurde, höre ich heute zum ersten Mal. Ich bin gespannt! Der Opener „Clever Clever Jazz“ schüttelt mir dann auch gleich die Feierabendmüdigkeit aus den Knochen. „I`m still nervous on the way to the bar“, behauptet Eddie Argos, aber so wirklich glaubt man ihm das gleich nicht mehr. Denn nun beginnt er damit, sein Hemd aufzuknöpfen, und uns springt ein faszinierend weißes und Mond-gleiches Bäuchlein entgegen. Sind wir einfach ausgehungert? Oder woran liegt es, dass dieses Hemdaufknöpfen, das ganz unprätentiös und nebenbei geschieht, die Menge fast sofort zur Raserei bringt? Das hat in Argos` Fall nämlich rein gar nichts von affektiertem Rockstar-Gehabe, es ist vielmehr eine dermaßen entwaffnende Geste, dass sie uns sofort dahin schmelzen lässt. Er zeigt seine Schwächen, macht sich sozusagen nackig, und das ist einfach auf eine selbstironische und anrührende Art ziemlich sexy. Der Mond verfügt über unerklärliche Kräfte, und vielleicht hat er uns damit hypnotisiert!

Angeblich versucht Eddie auf dem neuen Album zum ersten Mal ernsthaft zu singen. Beigebracht hat es ihm Frank Black während der Studioaufnahmen. Ich kann allerdings zumindest live keine großartig erkennbare stimmliche Änderung feststellen. Brilliant und tragisch ist es trotzdem! Argos` unverkennbare Reibeisenstimme mit dem britischen Akzent klingt einfach passend und original. Seit dem Debüt-Album „Bang Bang Rock & Roll“ 2005 macht es Spaß, von Eddie so zart-rau angebrüllt zu werden. Die neuen Songs kommen zwar durchaus beim ersten Anhören etwas strukturierter daher, abgestufter in den Melodien und Gitarrenriffs, aber der unverkennbare Art Brut-Sound ist zum Glück nicht verloren gegangen. Wenige Tage später wird „Brilliant! Tragic!“ übrigens ganz offiziell mein Lieblingsalbum von Art Brut werden.

„I spent some time drunk at the internet“, heißt es in „Bad Comedian“, der Song handelt vom neuen Freund der Ex, und wer kennt das nicht. Heutzutage kann es ja durchaus passieren, dass man unter Alkoholeinfluss den Nachfolger ein bisschen auf Facebook stalkt. Als musikalische Untermalung würde ich dazu jederzeit eines dieser zärtlich-alkoholisiert hingehauchten Geständnisse empfehlen, die wir bei Art Brut so lieben. Und nach all den Songs über Unbeholfenheit und Impotenz hat Ex-Nerd Eddie sich nun auch mal einen verdient, der ein bisschen sexy ist: „Sexy Sometimes“ soll weintrinkenden Paaren als Hintergrundgeräuschkulisse dienen, so wünscht es sich der Mann mit dem romantischen Vollmondbauch. Geht klar, Eddie! Seine Schulzeit und Jugend als vom weiblichen Geschlecht eher unbeachteter Geek verarbeitet der Comicfan in „Martin Kemp Welch Five A-Side Football Rules!“. In seinen Schwarm aus Jugendtagen, „Emily Kane“, ist Eddie Argos übrigens schon lange nicht mehr verliebt – die ist inzwischen auch schon seit drei Jahren verheiratet, wie er nach dem Konzert erzählen wird.

Auch andere Hits von früheren Alben wie „Formed A Band“, „Rusted Guns Of Milan“ und „My Little Brother“ fehlen natürlich nicht. Auch ich habe einen kleinen Bruder, der zu meiner großen Freude irgendwann plötzlich anfing, gute Musik zu hören! Unter anderem konnte ich ihm Art Brut nahe bringen. Das Idol von Argos` kleinem Bruder war angeblich „Axl Rose“ – ob das wohl der Grund dafür ist, dass er der Held des gleichnamigen Songs ist, der an diesem Abend die Zuschauer zum Pogo bringt? Axl ist nebenbei der Einzige, dem Eddie niemals den Stinkefinger zeigen würde.

Als Eddie Argos gegen Ende des Konzerts ins Publikum abtaucht und wie Moses beim Gang durchs Rote Meer die Konzertbesucher spaltet, wird auch klar, warum er auf der kleinen, gemütlichen Luxor-Bühne ein 30 Meter langes Mikro-Kabel braucht. Einmal durch die Menge und zurück, wieder mitten rein, zwischendurch bringt er das gesamte Publikum zum Niederknien und singt irgendwo am Boden weiter. Ich habe Rücken und bleibe stehen, gaffe aber trotzdem fasziniert. Die Stimmung könnte man zu diesem Zeitpunkt etwa so beschreiben: Frenetisch-magnetisierend. Eddie hat das Luxor fest im Griff, und sein kamerascheuer Gitarrist kann sich ganz entspannt zurücklehnen – in diesem Moment schaut garantiert keiner auf die Bühne. Als Zugabe wünschen Art Brut uns noch ein „Good Weekend“, vielen Dank, das werden wir haben!

Gleich nach dem Auftritt ist Eddie dann auch schon wieder im Luxor unterwegs. Am Merchandising-Stand hält er freundliche Schwätzchen und bepinselt kleine postkartenartige Minileinwände für seine Fans. Dass er diese für unverschämte 50 Euro pro Stück vertickt, kann hier auch ruhig erwähnt werden – so ist wenigstens ein winziges bisschen Kritik vorhanden.

Art Brut Setlist Luxor Köln 2011

  • Clever Clever Jazz
  • My Little Brother
  • Axl Rose
  • Moving To L.A.
  • Bad Comedian
  • Direct Hit
  • Modern Art
  • Sexy Sometimes
  • Alcoholics Unanimous
  • DC Comics
  • Rusted Guns Of Milan
  • Martin Kemp Welch Five A-Side Football Rules!
  • Emily Kane
  • Lost Weekend
  • Formed A Band
  • Nag Nag Nag
  • Good Weekend