Burg Herzberg Festival 2012 mit Anathema, Tito & Tarantula, Wishbone Ash und weiteren Bands in Alsfeld

Die Hippie-Bewegung hatte ihre Blütezeit vor allem in den 60er Jahren. Wer heute noch nach diesem seltsamen Völkchen sucht, wird vielleicht auf Ibiza fündig, wo die sehr kommerzialisierten Hippiemärkte gegenwärtig  ihren Raum gefunden haben. Oder aber auf einem Musikevent wie dem „Burg Herzberg Festival“, das 1968 erstmals im hessischen Breitenbach stattfand und heute als Europas größtes Hippiefestival gilt. Allerdings gab es in der Geschichte eine längere Pause: von 1973 bis 1990 fand kein Festival statt. Und 1997 musste man von der Burg auf den nahe gelegenen Berg umziehen, um die Zuschauermassen weiter bewältigen zu können. Mit einer Pause im Jahr 2003 findet das Ereignis nun alljährlich im Juli statt und wurde zum größten Happening seiner Art weit und breit, das jährlich um die 10.000 Musikliebhaber anzieht.

Musikalisch sind es nicht die ganz großen Bands, die hier auftreten. Vielmehr erlesene Vertreter einer neuen, progressiven Musikrichtung (wie in diesem Jahr Anathema und Amplifier), alte Recken, die sich ihren Bekanntheitsgrad gewahrt haben (ich nenne mal Jethro Tull und Wishbone Ash), oder aber Bands aus den 70er und 80er Jahren, die nur noch sporadisch auftreten und hier ein kleines Comeback erleben dürfen. Doch um ehrlich zu sein: Die Musik spielt auf dem Burg Herzberg Festival nur eine untergeordnete Rolle. Völlig unbekannte Bands werden genauso bejubelt wie gealterte Helden und sogenannte Topacts. Hauptsache, sie vermitteln die richtige Botschaft – eine Botschaft von Liebe, Frieden und familiärem Beisammensein. Wie das Motto im Jahr 2012: „Make LOVE Work“, das einem Albumtitel der deutschen Band Auletta entnommen ist, die kurioserweise gar nicht auf dem Festival spielte.

Leider musste das Event in diesem Jahr das wetterbedingte Schicksal vieler Festivals teilen: Der Untergrund war sehr nass und die Wiesen hatten sich schon donnerstags (am ersten Konzerttag) in eine Schlammwüste verwandelt. Davon waren sowohl Zeltplatz als auch Festivalgelände betroffen. Beides geht sowieso ineinander über, denn das Herzberg Festival gehört zu den gemütlichen Events, bei denen man quasi direkt vom Zelt zum Bühnengeschehen stolpern kann, ohne weite Wege zurück zu legen. Alles kompakt angelegt. Schwierig war es nur, die Plätze durch die rutschigen Wiesen mit Fahrzeugen zu erreichen. Der Veranstalter hatte zum Glück die Landwirte aus der Umgegend aktiviert, die mit schwerem Gerät  ein Auto nach dem anderen auf die freien Lagerplätze schleppten. Manche Gäste  – so wurde später erzählt – mussten bis zu acht Stunden ausharren, bevor das Zelt aufgeschlagen werden konnte. Doch davon war keinem etwas anzumerken. Die Stimmung unter den Besuchern, die sich barfuß oder mit Gummistiefeln durch die Wiesen kämpften, war durchweg positiv.

Überhaupt gehörten Gummistiefel zum wichtigsten Ausrüstungsgegenstand. Das durfte ich bei meiner Ankunft freitags pünktlich zum ersten großen Regenguss feststellen. Die Menge kam nur noch schleppend voran und der Weg zwischen Festivalbühne und einem der vielen Verkaufsstände wurde zum kleinen Abenteuer. Und dennoch: Alles war entspannt, man traf nur auf gut gelaunte Menschen, die aus der Not eine Tugend machten und sich im Schlamm vergnügten, die sich gegenseitig halfen und ein großes Miteinander lebten. Man spricht gerne von der Herzberg-Familie und nimmt Neulinge in Windeseile darin auf.

Der Platz an der Festivalbühne füllte sich locker, als Deadman und The Tubes auftraten. Sehr solider Rock von relativ reifen Herren. Das sind Bands, die man sonst vielleicht in kleinen Clubs sieht und gerne mal für ihr Verhaftetsein in der Musik der 70er belächelt. Hier zum Herzberg Festival passten sie perfekt und standen für eine Veranstaltung, die den Geist vergangener Jahrzehnte lebt.

Dafür steht auch Ian Anderson, der momentan zwar nicht unter dem Bandnamen Jethro Tull auftritt, aber doch ganz und gar deren Musik zelebriert. Klar, denn wie kaum eine andere Band wurde und wird Jethro Tull über ihren Frontmann – den Derwisch mit der Querflöte – identifiziert. Und der hat gerade ein Soloalbum auf den Markt gebracht, das einen Klassiker der Band fortsetzt: „Thick As A Brick 2“. Das Konzert stand ganz im Zeichen des Originalalbums und seiner Fortsetzung. Somit wurde auch kein Best-of-Set gespielt, sondern es gab sehr virtuose Songs, zum Teil in epischer Breite und mit langen Solopassagen. Anderson ließ sich von der Menge feiern – bis hin zur sehnlich erwarteten Zugabe „Locomotive Breath“. Er legte aber auch heftige Starallüren an den Tag, ließ nur ausgewählte Fotografen im Graben zu und kommunizierte nicht mit dem Publikum. Musikalisch ein absolutes Highlight, doch menschlich eine herbe Enttäuschung für viele Anwesende.

Da lob ich mir doch Tito & Tarantula. Die US-Rocker, die 1996 durch ihren Auftritt im Kultfilm „From Dusk Till Dawn“ bekannt geworden sind, waren nicht zum ersten Mal beim Herzberg Festival. Von den Gründungsmitgliedern ist auch nur noch Sänger Tito Larriva übrig. Doch diese charismatische Persönlichkeit reicht aus – und dazu umgibt er sich mit guten Musikern, zum Teil sehr ansehnlichen Frauen, und brachte die ganze Wiese zum Abrocken. So wurden die Zuschauer auch bis spät in die Nacht vor der Hauptbühne gehalten. Und wem die Mainstage zu sehr Mainstream war, der begab sich einfach zur Freakstage und bewunderte die extravaganten, jungen Musiker, die hier ihre Plattform und ein dankbares Publikum fanden. Oder er ging zum nächstgelegenen Dixi-Klo, in dem sich vielleicht jemand mit Gitarre für ein winziges Privatkonzert breit gemacht hatte. Musik gab es hier wirklich an jeder Ecke.

Was bleibt an Eindrücken? Ein schönes, entspanntes Festival, das sich als großes, familiäres Miteinander erleben lässt. Sicher waren auch Drogen im Spiel (ein Thema, mit dem die Veranstalter sehr offensiv umgehen), doch der Polizeibericht fiel positiv aus – die Zusammenarbeit der Festival GmbH mit den Ordnungshütern fruchtet und man konnte den Drogenkonsum erfolgreich eindämmen. Stattdessen sieht man „Blumenkinder“ aus allen Generationen, viele Kinder und viele ergraute Paare. Es liegt kaum Müll auf dem Gelände. Alle nutzen die Entsorgungsplätze (kein Vergleich zu den Müllbergen von Rock am Ring). Greenpeace informiert und Hare-Krishna-Jünger ziehen singend durch die Stände. Man erfreut sich an bunten Kleidungs- und Schmuckstücken, die andernorts eher in die Rubrik „Karneval“ fallen würden, man bekommt veganes Essen und allerlei exotische Nahrungsmittel, und vor allem: Man lernt viele nette Leute kennen. Einen Besuch im Jahr 2013 kann ich jedem nur ans Herz legen – dann vielleicht unter besseren Wetterbedingungen.

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Letzte Aktualisierung am 18.08.2017 um 12:51 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API