Das Hurricane Festival 2013 rockt dem wechselhaften Wetter zum Trotz das 17. Mal den Eichenring in Scheeßel – Der Freitag

Hurricane Festival 2013

Während die anderen Open-Air Festivals noch immer nur schleppend ihr Line-Up füllen und mit den Headlinern geizen, konnte das in diesem Jahr zum siebzehnten Mal stattfindende Hurricane Festival in Scheeßel mit fest bestätigten Headlinern wie Rammstein, Queens Of The Stone Age, Arctic Monkeys, Deichkind und Billy Talent bereits Ende letzten Jahres punkten und war dementsprechend in einer nie zuvor erreichten Rekordzeit schon im März 2013 komplett ausverkauft. Die Vorfreude auf die rund 100 angekündigten Bands steigt seitdem ins Unermessliche, die Mischung aus international erfolgreichen Bands, beliebten deutschen Acts und aufstrebenden Newcomern macht das Hurricane Festival zu einem immer interessanter werdenden Musikevent der Spitzenklasse. Auch wenn die Absagen von Modest Mouse, Belle & Sebastian, Grouplove und Tame Impala (vor Ort) doch einige Fans etwas mürrisch stimmten.

Das diesjährige Hurricane Festival wird auch am bevorstehenden Wochenende seinem Namen wieder absolut gerecht werden, denn was ist schon ein Hurricane Festival ohne die traditionelle Unwetterwarnung? Noch nicht mal in Hamburg gestartet hören wir die eindringliche Warnung der Polizei schon in Dauerschleife im Radio, der schwül-heiße Anreise-Donnerstag mit locker 30 Grad im Schatten endet also erwartungsgemäß in genau diesem Szenario. Die starken Gewitter mit heftigen Regenfällen haben die Festivalpilger in Scheeßel bereits komplett durchnässt, etliche Flächen überschwemmt, die Folge sind schließlich erhebliche Verzögerungen beim Befahren der Parkplätze, so dass rund um Scheeßel weitreichende Staus entstehen, die die Anreisenden bis spät in die Nacht auf den Straßen festhalten sollten. Bei Ankunft auf unserem Womo-Platz hört es überraschenderweise tatsächlich schlagartig auf zu regnen, doch der Acker gleicht bereits einer Schlammwüste, kreuz und quer stehen festgefahrene Fahrzeuge, von geordnetem Einparken kann heute hier nicht die Rede sein, da können auch die Lotsen nicht mehr helfen. Aber es regnet nicht mehr und so kann der Grillabend zur Einstimmung auch direkt eingeleitet werden, da die Temperaturen noch immer recht milde sind. Am Motorbooty Zelt auf dem Campinggelände wummern schon die Bässe um die Partynacht für die feierwütigen einzuläuten, rund um die Straße herrscht aber immer noch reges Sachen Hin- und Hergeschleppe, hier und da wird sich schon fröhlich im Matsch gesuhlt und ausgelassen betrunken.

Der Freitag beginnt zunächst recht durchwachsen mit einigen heftigen Regenschauern, daher verschiebt sich mein Konzertfahrplan etwas nach hinten. Das Festivalgelände wurde jedoch mittlerweile vom Veranstalter mit Rindenmulch und Schotter soweit hergerichtet, dass alle Konzerte planmäßig beginnen konnten. Auch wenn ich das Auftakt-Set von Kodaline (15:30 Uhr Blue Stage) zunächst nur von weitem hören kann, ihren letzten hervorragend gefühlvoll vorgetragenen Erfolgssong „All I Want“, bekannt aus dem Soundtrack von „Grey’s Anatonomy“, erlebe ich zum Glück noch live und ich muss sagen, er verzückt mich vollends. Eine melodische Parallele zu Coldplay ist nicht von der Hand zu weisen, zeugt aber auch von hoher musikalischer Qualität, so dass ich das nächste Konzert des irischen Quartetts bestimmt nicht verpassen werde. Da sie ja Anfang des Jahres erst ihr Debüt „In A Perfect World“ herausgebracht haben, werden sie uns sicher noch einmal im Norden beehren.

Passend zum Konzertbeginn der schwedischen Gute-Laune-Lieferanten Shout Out Louds (16:35 Uhr Blue Stage) mit ihrem leichtfüßigen Indie-Gitarren-Pop kommt tatsächlich zum ersten Mal am Nachmittag so richtig die Sonne durch, so dass die massenhaft erschienenen tanzwütigen Fans direkt von Beginn an bester Stimmung sind und sich zur Freude der Band aktiv vor der Bühne austoben. Das Quintett um Frontmann Adam Olenius zaubert mit Songs wie „Fall Hard“ oder „The Comeback“ eine herrlich beschwingte Stimmung vor die Bluestage, man merkt ihnen ihre Freude am erneuten Auftritt auf dem Hurricane sichtlich an. Mit dem letzten Song war es das dann leider auch schon wieder mit der Sonne, hinzu kommt dann noch die plötzliche und knappe Absage des Auftritts von Tame Impala, was unsere Stimmung insgesamt etwas nach unten drückt.

FKP Scorpio Presse - Shout Out Louds © Malte Schmidt
FKP Scorpio Presse - Shout Out Louds © Malte Schmidt

Also nutzen wir die Gelegenheit, um vor dem Regen zu flüchten und uns rechtzeitig zu den beliebten Schweden Friska Viljor im Zelt einzufinden (19:15 Uhr White Stage). Die Dauergäste des Reeperbahn Festivals und absoluten Live-Kanonen mit ihren hübschen roten Krawatten haben mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Ausstrahlung wieder mal ihr Publikum absolut im Griff. Sie reißen das Publikum mit ihrem locker-frechen Folk-Rock wie „On And On“ von Beginn an mit, das fast komplett gefüllte Zelt tanzt und singt mit den sympathischen Blondschopfen um Bandgründer Daniel Johansson und Joakim Sveningsson und ist kaum zu bremsen. Zu dem Ohrwurm „Shotgun Sister“ von ihrem Debütalbum „Bravo!“ singen alle noch mal begeistert den Refrain mit, bevor sich die grandiose Live Combo Friska Viljor von dem vor Begeisterung tobenden Publikum verabschiedet.

FriskaViljor
Emil Nilsson / Friska Viljor © Doreen Reichmann

Um möglichst viele von den Live Bands mitzuerleben, geht es dann auch schnurstracks wieder rüber zur Blue Stage, wo schon sehnsüchtig auf The National (20:30 Uhr Blue Stage) gewartet wird. Frontmann Matt Berninger, solidarisch ebenfalls mit Gummistiefeln ausgestattet, legt zusammen mit den beiden Brüderpaaren Dessner/Devendorf druckvoll mit „Squalor Victoria“ und dem drumtypischen voluminösen The National-Sound los, wobei meine persönlichen Favoriten „Mistaken For Strangers“ und „Fake Empire“ auch nicht lange auf sich warten lassen. Seifenblasen fliegen dazu in die abendliche Sonne und das Publikum singt im Chor fast durchgehend textsicher mit. Matt´s Dank gilt erst den Fotografen, dann mit einem Lächeln auch dem einzig tanzenden Security-Mann, da er dies offensichtlich vorher noch so nicht erlebt hatte. Während der Regenbogen die Stimmumg komplett macht, fegt Berninger in gewohnter Manier erst über die Bühne und anschließend über uns hinweg in die Menge. Alle tanzen mit ihm und um ihn herum, das ist mal eine klasse Performance und somit ein echter Höhepunkt des heutigen Tages.

Auf dem Weg zur Green Stage heizen die kanadischen Alternative/Punk-Rocker von Billy Talent (21:00 Uhr Green Stage) dem Publikum schon mal ordentlich mit „Devil On My Shoulder“ ein und liefern wie immer eine perfekte und publikumsnahe Bühnenshow ab. Eine optimale Vorbereitung also auf den echten „Burner“ des Abends mit dem Auftritt von Rammstein, die im Anschluss (21:00 Uhr Green Stage) die gesamte Stage zum Lodern und die Menge zum Kochen bringen. Ein wahres Höllenfeuerwerk, was die Vertreter der „Neuen Deutschen Härte“ um Sänger Till Lindemann in seinem rosa Plüschoutfit da abschießen, ihre explosive Show bringt wohl auch die Massen auf dem Field an der Green Stage in Wallung, so dass sich sogar eine Polizeimannschaft in voller Montur in die Menge begibt, um eine Rangelei zu schlichten. Die Stimmung wirkt sehr angeheizt, auch wenn es offensichtlich der Mehrheit zu gefallen scheint, kann ich diesem brachialen Stil musikalisch nichts abgewinnen und ziehe es vor,  zum Abschluss des ersten Konzerttages lieber noch einmal nebenan die bemerkenswerten Töne der Isländer von Sigur Rós (00:30 Uhr Blue Stage) zu genießen.

FKP Scorpio Presse - Sigur Rós © Malte Schmidt
FKP Scorpio Presse – Sigur Rós © Malte Schmidt

Das melancholisch, tragende und experimentelle Klangkunstwerk von Frontmann Jónsi erzeugt zusammen mit seinem Orchester schon eine gewisse Dramatik. Die nahezu perfekt abgestimmte Instrumentierung schwankt zwischen sanft, ja fast schon hypnotisch und wild aufbrausend, die dazu über die Leinwand projizierten diffusen Visuals und Jónsis hohe Stimme geben der nächtlichen Stimmung eine ganz spezielle Note, während der Vollmond am sternenklaren Himmel scheint und ein Hauch von Cannabis über uns hinweg weht.

….Fortsetzung Hurricane Festival 2013 – Der Samstag