Die Ärzte feiern „Comeback“ und bringen die ausverkaufte Arena Trier zum Kochen

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DATUM» 18.10.2012
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Es kommt nicht alle Tage vor, dass die Arena Trier ihr volles Fassungsvermögen von 8.000 Zuschauern füllt. Doch wenn die selbsternannte beste Band der Welt ruft, dann folgt auch die Region im Südwesten – ohne wenn und aber. Die Ärzte sind auf „Comeback“-Tour, die sich direkt an die „Das Ende ist noch nicht vorbei“-Tournee anschließt. Ein feiner Schachzug, um allen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die in regelmäßigen Abständen Auflösungstendenzen am Horizont entdecken wollen. In Trier zumindest keine Spur davon – die Zuschauer sahen eine Band in der Blüte ihrer Jahre. Ein Powertrio ohne Alterserscheinungen. Farin und Bela können bald gemeinsam ihr 100jähriges feiern. Na und?

Was von Beginn an Sympathien weckt, ist ein gepflegter Dilettantismus. Auch nach 30 Jahren im Showgeschäft sind die Ansagen alles andere als glatt. Man schlittert haarscharf an gekonnten Übergängen vorbei, verliert sich in Wortgefechten und es scheint als vergäßen die Ärzte häufig, dass ja auch noch ein Publikum im Saal ist. Egal wie groß die Bühne ist, egal wie riesig die Halle. Das Trio verliert sich auf der Bühne – und zugleich schafft man Präsenz: durch Licht und effektvolles Auftreten. Bela stehend am Schlagzeug, Rod vor einer zur Faust geballten Wand aus Boxen, die im Lauf des Konzerts abgebaut werden, um den Blick auf die LCD-Wand frei zu machen. Wie um das Understatement auf die Spitze zu treiben, wird diese dann weit unter ihren Möglichkeiten genutzt.

Los geht’s mit dem Mottosong des Abends „Wir sind die Besten“ vom Album „Jazz ist anders“. Direkt gefolgt von „Blumen“, welches sich in den 80ern auf „Das ist nicht die ganze Wahrheit… “ fand. Endlich kann auch ich jede Textzeile mitsingen. „Tamagotchi“ ist ein ganz aktueller Titel, der dann doch für leichte Irritationen bei Teilen des Publikums sorgt, aber spätestens mit „2000 Mädchen“ ist alles wieder gut und der Jubel kennt keine Grenzen.

Die Ärzte versuchen, die Balance zwischen alten und neuen Songs zu finden. Das funktioniert nicht immer. Natürlich will man das neue Album „auch“ vorstellen, mit dem man 2012 das Dutzend voll gemacht hat. Und es wird fast komplett gespielt. Man muss sich also durch „Sohn der Leere“ durchkämpfen und wird andererseits mit „TCR“ (prägnante Textzeile: „Wir kümmern uns um den Rock“) belohnt. „Ist das noch Punkrock?“ beschreibt selbstkritisch und mit viel Sarkasmus den gesellschaftlich etablierten Punk, dem die traute Zweisamkeit plötzlich vor die Protestkultur geht. Ein gnadenlos fetter Ohrwurm. „Waldspaziergang mit Folgen“ widmet sich dem Thema Religion und beinhaltet durchaus philosophisches Gedankengut – wenn auch in der typischen Ironie, die vor allem zwischen den Zeilen wirkt. Und dann ist da noch die Abrechnung mit der Ex in „Miststück“. Solche Teeniesongs waren in den 80ern die große Stärke der Ärzte und funktionieren auch heute noch.

Der Mitsingfaktor erhöht sich bei „Sweet Sweet Gwendoline“, dem „Schunder-Song“ und „Hurra“. Es gibt so viele geniale Titel der Band, dass man sich auch an Klassikern erfreut, die man gar nicht erwartet hat. Allerdings werden auch einige Tracks in drei Stunden Konzertlänge schmerzlich vermisst. Nur werden es wohl bei jedem Zuhörer andere sein. Ich nenne mal „Teenager Liebe“, „Westerland“, „Du willst mich küssen“ oder aus jüngeren Jahren „Lasse redn“. Man kann sicher nicht jeden zufrieden stellen, doch ich stelle mir vor, dass vor allem Gelegenheits-Ärzte-Hörer manches Highlight schmerzlich vermisst haben. Da nutzte auch der Zuschauerchor nichts, der im Zugabenblock mehrfach „Ohne ‚Elke‘ gehn wir nicht nach Haus“ intonierte.

Was es allerdings gab war viel Spaß mit „Junge“, „Unrockbar“ und dem abschließenden „Schrei nach Liebe“. Die Ärzte hatten ihre Fans fest im Griff, ließen La-Ola-Wellen durch die Galerie und den Saal laufen, brachten alle dazu, sich auf den Boden zu setzen, riefen zum Ansagen-Surfing auf und sammelten Unterwäscheteile. Was die Ärzte tun, riecht immer noch nach Punk. Und zumindest haben sie die Selbstironie, sich immer wieder in Frage zu stellen. Mit dem Album „Le Frisur“ hatte ich in den 90ern kurz den Anschluss verloren – und die Schlagerattitüde von „Ein Schwein namens Männer“ hatte kurz darauf auch einen bitteren Beigeschmack. Doch 2012 sind die Ärzte Punk wie eh und je. Drei Akkorde – und der Abend ist gerettet. Bis zum nächsten Mal!

Setlist – TRIER, 18.10.2012

  • Wir sind die Besten
  • Blumen
  • Tamagotchi
  • 2000 Mädchen
  • Angeber
  • Deine Schuld
  • Gib mir Zeit
  • Geld
  • Die Instrumente des Orchesters
  • Heulerei
  • Motherfucker 666
  • Sohn der Leere
  • 1/2 Lovesong
  • Miststück
  • Sweet Sweet Gwendoline
  • Super Drei
  • Waldpaziergang mit Folgen
  • Dein Vampyr
  • Für immer
  • Für uns
  • Angekumpelt
  • Die ewige Maitresse
  • Schunder-Song
  • Außerirdische
  • Bettmagnet
  • Fiasko
  • Vokuhila Superstar
  • Wie es geht
  • Hurra
  • —–
  • ZeiDverschwÄndung
  • TCR
  • Quark
  • Kamelralley
  • —–
  • Junge
  • Unrockbar
  • Manchmal haben Frauen…
  • —–
  • Ist das noch Punkrock?
  • Lied vom Scheitern
  • Schrei nach Liebe