Erst die Zunge, dann das Vergnügen – Miley Cyrus in Köln

DATUM» 26.05.2014
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Als Miley Cyrus am 26.05.2014 in der Kölner Lanxess Arena auftritt, strömen schier endlose Menschenmassen in die ausverkaufte Location. Der Andrang verwundert nicht, bedenkt man, dass der Megastar im Rahmen ihrer „Bangerz“-Tour neben Köln, nur noch in Frankfurt auf einer deutschen Bühne steht. „Zwei Stunden nach Verkaufsstart war schon nichts mehr zu machen“, sagt eine Konzertbesucherin die sich noch mit Glück eine Karte ergattern konnte. Der Vorverkauf begann wohlgemerkt schon im Dezember 2013. Wer nicht zu den Glücklichen mit einer Eintrittskarte zählt, muss noch tiefer in die Tasche greifen – denn die Straßenpreise für Schwarzmarkttickets, die einem überall auf dem Gelände angeboten werden, bewegen sich weit jenseits von Gut und Böse. Irgendwo zwischen Gut und Böse schwankt auch das Image des ehemaligen Kinderstars Miley Cyrus, die in letzter Zeit mit Drogeneklats und obszön-erotischen Auftritten für kontroverse Schlagzeilen sorgte. Dass die Disney-Ära aber nun endgültig vorbei ist, macht die Amerikanerin mit ihrem Konzert, das von der lokalen Presse als „polymorph perverser Kindergeburtstag“ bezeichnet wird, noch einmal mehr als deutlich: Hannah Montana ist tot, lang lebe Miley Cyrus!

Viele Eltern, die ihre jüngeren Töchter zum Konzert begleiten, scheinen den Imagewechsel des einstigen TV-Lieblings jedoch nicht mitbekommen zu haben und staunen mit entgleisender Mimik auf das Spektakels, dass ihnen an diesem Abend geboten wird. Als Miley bei ihrem Opener „SMS“ von einer gigantischen Zunge ihres Leinwandporträts auf die Bühne rutscht, gibt es in der Menge kein Halten mehr. Wenn schon vor Konzertbeginn die ersten Gäste hyperventilierend und tränenreich ihre Vorfreude äußerten, brechen nun alle Dämme: Jede Bewegung, jedes Wort, jeder Wimpernschlag ihres Idols wird mit einem infernalen Gekreische aus dem Publikum gewürdigt, so ohrenbetäubend, dass sie jede Zalando-Werbung in den Schatten stellt. „Im just here for a hangover, so lets get on partying“, ruft die 21-Jährige in ihr Mikrophon. Was sie sagt ist im Grunde auch egal – das Feedback aus den Gästereihen ist stets dasselbe: Laut, glücklich, nahezu fanatisch.

Zweifelsohne beeindruckend ist ebenfalls das Bühnenbild, das bei jedem Song noch einen drauf setzen will: Mal laufen verstörende Zeichentrickanimationen von Magic Mushrooms über die Leinwand, während Miley auf der Bühne von der Plüschtiergestalt eines mannshohen Vogelwesens begleitet wird, mal schwenkt sie die Regenbogenflagge oder räkelt sich lasziv auf einem Bett, umgeben von halbnackten, muskulösen Männern und einer Kleinwüchsigen mit Brustpräparaten aus gepolstertem Stoff, die mehr als nur einmal von Mileys Zunge gewürdigt werden. Gewürdigt wird allerdings auch Cyrus‘ verstorbener Hund Floyd, dessen bis an die Decke reichendes Ebenbild auf die Bühne gefahren wird, während es aus der Menge vor der Stage Plüschtiere hagelt. Eines dieser Plüschtiere, ebenfalls ein Konterfei ihres toten Hundes, hebt die Sängerin auf und bedankt sich sichtlich gerührt. Dann geht der Wahnsinn auch schon weiter und Tänzer in psychedelischen Tier-Kostümen hüpfen über die Bühne wie die böse, falsche Version der Sesamstraßenbewohner.

Bei ihrem Lied „Adore You“ fordert Cyrus die KonzertbesucherInnen auf, sich zu küssen: „Use a bit of tongue“, lautet ihre Forderung, der umgehend Folge geleistet wird. Auf der Leinwand erscheinen nun die Live-Aufnahmen von hunderten, mitunter gleichgeschlechtlichen Küssen, während die liebestolle Menge von ihrer Ikone angefeuert wird. So rasch wie sich das Bühnenbild ändert, wechselt Miley auch ihre Kostüme, die trotzdem irgendwie immer gleich bleiben: Viel Hintern, wenig Innovation. Damit beweist die Sängerin zwar, dass sie sich in Windeseile um- und ausziehen kann, aber was ist mit der Musik? Die scheint des Öfteren leider in der imposanten und bizarren Bühnenshow unterzugehen, tönt eher wie der Soundtrack zu einem bösen LSD-Trip in einem Casino von Las Vegas durch die Halle der Arena. Der Großteil dieses „Soundtracks“ entstammt dem Oeuvre der Sängerin selbst („Do My Thang“, „Can’t Be Tamed“, „Maybe You’re Right“ u.v.m), wird allerdings ergänzt durch die Coverversionen anderer Hits, wie „Summertime Sadness“ (Lana del Rey), „Jolene“ (White Stripes) und „Lucy In The Sky With Diamonds“ von den Beatles.

Jedermanns Sache ist so ein Miley Cyrus-Konzert gewiss nicht, aber das soll es sicherlich auch nicht sein. Provozieren möchte die Sängerin und das gelingt ihr, keine Frage. Die Fans finden jedenfalls die „I don’t give a f***“-Mentalität fantastisch und verlangen nach dem Hauptprogramm eine Zusage, die ihnen mitI Can’t Stop“ und „Wreckingball“ gewährt wird. Noch ein letztes Mal herrscht schweißgetränkte Ekstase, dann ist aber endgültig Schluss und die Menschenscharen fluten aus der Arena hinaus in die Nacht, in der so mancher Moralapostel gewiss Dinge gesehen hat, die ihn noch lange beschäftigen werden. Denn eines ist klar: Zartbesaitete Begleitpersonen brauchen für so ein Konzert viel Verständnis und starke Nerven oder die Extraportion Kodein im Hustensaft.