Helene Fischer verzaubert die Arena Trier mit „Ein neuer Tag LIVE“

Helene Fischer Tour 2012 Trier
DATUM» 07.10.2012
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Bei Schlagermusik denkt man zunächst stets an die gängigen One-Hit-Wonder. Früher waren es „Ein Bett im Kornfeld“ und „Fiesta Mexicana“, im vergangenen Jahrzehnt eher „Das rote Pferd“ und „Cowboy & Indianer“. Was immer stimmt: So lange der Rubel rollt, stürmen die Schlagersänger die Festzelte und Mallorca-Feten, treten in den gängigen Schlagerparaden auf und performen ihre Hits meist Voll- oder Halb-Playback. Zum Schluss endet man dann in Oliver Geissens Chartshow und tritt ansonsten nur noch bei der Dorfkirmes auf.

Doch es geht auch anders. Die gehobene Klasse des Schlagers gab es schon immer – Udo Jürgens beispielsweise, Roland Kaiser oder auch Vicky Leandros. Künstler, die sich selbst ernst nehmen, eine treue Fangemeinde haben und Jahr um Jahr neue Alben produzieren, auch wenn man immer wieder geneigt ist, sie auf ihre größten Hits zu reduzieren. Und wenn dann noch der entsprechende Glamour-Faktor hinzu kommt, füllen diese Sänger mit Leichtigkeit große Hallen wie die Frankfurter Festhalle oder die Münchner Olympiahalle. Bis vor kurzem saß Andrea Berg fest auf dem Schlagerthron, doch die Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen hat ihr nicht gerade gut getan. Jetzt ist es Helene Fischer, die die Schlagzeilen beherrscht und auf ihrer aktuellen Tour eine Show aus dem Boden stampft, die das Publikum begeistert.

Die Arena Trier ist ausverkauft und gespannt erwartet man zur seniorenfreundlichen Uhrzeit (18 Uhr) die ersten Klänge der Russlanddeutschen, die seit ihrem vierten Lebensjahr in Rheinland-Pfalz lebt und zunächst eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin machte. Inzwischen sind fünf Schlageralben von ihr erschienen, die nach und nach die Charts stürmten. Das aktuelle Werk trägt den Titel „Für einen Tag“ und so heißt auch die Tour. Helene Fischer möchte die Zuschauer in ihre Welt entführen und die Show wie ein Musical aufbauen. Das gelingt ihr durch unzählige Kostümwechsel, eine agile Tanztruppe und einen gigantischen Bühnenaufbau mit Eisentreppen und Balkonbrüstung sowie riesigen LCD-Wänden, die auch den letzten Fan im Saal erreichen.

Zunächst aber steht sie allein vor dem großen Vorhang und stimmt mit „Allein im Licht“ auf den Abend ein. Dann gibt es eine Menge eigener Songs wie „Villa in der Schlossallee“ und „Sehnsucht“, das auf Russisch endet und das sie ihren anwesenden Eltern widmet. Die Band macht mehr aus den Songs als gängige Schlager. Es gibt eine ordentliche Bläser-Sektion und zwei Background-Sängerinnen, die perfekt mit Helene harmonieren. Doch ihren ganzen Glanz entfaltet sie bei den unzähligen Coverversionen. Da singt sie beispielsweise den James-Bond-Song „Goldeneye“ oder Disney-Hits aus „Pocahontas“ und „Die Schöne und das Biest“, die mit filmischen Szenen im Hintergrund dargeboten werden.

Etwas affig finde ich zunächst die Tänzerschar, die mit unmöglichen Posen über die Bühne wirbelt und mehr Hektik als Ästhetik verbreitet. Das ändert sich aber grundlegend bei dem gut 20minütigen Ausschnitt aus dem Musical „Grease“, mit dem Helene Fischer und ihre Truppe den ersten Teil des Konzerts zu Ende gehen lassen. Hier merkt man die Musical-Ausbildung, das schauspielerische Talent und vor allem die Allroundstimme der Sängerin, die vom tiefen Alt („Goldeneye“) bis zum hohen Sopran („I Will Always Love You“) alles singen kann. Hinzu kommt ein athletisches Auftreten, das sich nicht hinter der Kunst der Tanztruppe verstecken muss. Ein mit bunten Kostümen versehener, szenisch hervorragend dargestellter Auszug aus dem Musical, bei dem auch die Tänzerschar endlich ihre Berechtigung hat.

Nach der Pause gibt es wieder einige stilistische Wechsel. Erster Höhepunkt ist eine akustische Performance, eingeleitet von Leonard Cohens „Hallelujah“. Den Song hat man schon oft gehört, doch selten so perfekt. Schade fast, dass er letztlich in eine Reihe eigener Titel übergeht. Doch ich muss bemerken, dass die Menge um mich herum textsicher mitsingt. Helene Fischer beherrscht die Kunst, ihre eigenen Stücke mit gängigen Rock- und Popsongs zu verknüpfen. Das kannte ich bisher nur von Guildo Horn. Doch hier wird aus „Sweet Dream“ (Eurythmics) ihr Hit „Vergeben, vergessen und wieder vertrau‘n“. Oder Grönemeyers „Mambo“ schleicht sich dezent in ein lateinamerikanisch angehauchtes Stück.

Höhepunkte von Teil 2: Die Interpretation von Whitney Houstons „I Will Always Love You“ stilgerecht auf nach oben schwebender Hebebühne und mit einer Klarheit in der Intonation, die bis in höchste Höhen geht und nichts mit dem gemein hat, was übliche Coverbands so als Whitney-Song verkaufen. Sie scheut sich nicht, ihr Können zu zeigen, und das auch entsprechend zu präsentieren. Zu Loreens Hit „Euphoria“ (wir erinnern uns: Eurovision Song Contest) gibt es eine Lasershow, die Spezis wie Jean-Michel Jarre nur blass werden lassen kann. Und zum Finale geht es mit einer ausfahrbaren Rampe über die Köpfe der Zuschauer, die nun nichts mehr auf den Sitzen hält. 150 Minuten hat das Konzert gedauert und man spürt, dass der Funke auf den letzten Anwesenden übergesprungen ist.

Helene Fischer ist eine sehr sympathische Künstlerin. Sie knuddelt kleine Kinder, die ihr Blumen und Geschenke überreichen, hält reiferen Herren die Hände, wenn sie zur Bühne kommen (betont aber: „Küssen tu ich nur meinen Florian“) und geht auf allerlei Zwischenrufe und Störungen ein. Ihre Ansagen sind nicht perfekt einstudiert – oft verhaspelt sie sich oder zeigt sich von Gefühlen überwältigt. Das wirkt durch und durch echt und steht in schönem Kontrast zur Perfektion der Show. Ich bin nun wahrlich kein Schlagerfan und die Lieder im Discofox-Stil sind auch nicht so mein Fall. Doch hier muss ich das Gleiche sagen wie beispielsweise bei André Rieu: Es ist der Gesamteindruck, der zählt, die Vielseitigkeit einer gelungenen Show und die Sympathie und Authentizität, die man beim Protagonisten auf der Bühne spürt. Mit diesen Zutaten hat Helene Fischer ihr Publikum fest im Griff und ist mit Sicherheit noch nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen.

 

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Letzte Aktualisierung am 20.09.2017 um 07:41 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API